Die Umkehrung der Barmherzigkeit

Das ungeborene Kind wächst in der Gebärmutter heran. Aus medizinischer Sicht ist die Gebärmutter ein muskuläres Hohlorgan. Dieses Organ lässt das Kind im Wasser wohnen (Fruchtwasser) und schützt es bestmöglich vor schädigenden Einflüssen. Es gibt Geborgenheit und Wärme, verhindert gleichzeitig aber die Sicht in die Welt außerhalb der Gebärmutter. Diese unbekannte Welt wird vom Ungeborenen überwiegend durch das Gehörte wahrgenommen.

Zu den Lauten, die der heranwachsende kleine Mensch dort im Dunkeln hört, gesellen sich die damit verbundenen Emotionen, die die Mutter empfindet. So entstehen bei ihm Gefühle für die Laute der Muttersprache. Später kann er zwar Fremdsprachen bis zu einem literarischen Niveau lernen und damit noch eloquenter als Muttersprachler sein, aber die höchste Intensität des Sprachgefühls bleibt in fast allen Fällen bei der Muttersprache. Worte sind mit der „Vorwelt“, der Zeit vor der Geburt, mit den „damals“ erlebten Empfindungen fest verknüpft.

Diese Prägung findet in dem Organ statt, das sprachlich auch „sich erbarmen“ bedeutet (רחם). Mit der heiligen Sprache verhält es sich ebenso.
Etwas in uns reagiert auf die Sprache, in der der Mensch als Gleichnis benannt wird (אדם). Sie verbindet uns mit einer Welt, in der unser äußeres Sehen noch keine Rolle spielte. Neues Leben entsteht nicht im Licht. Eine Befruchtung ist im Unsichtbaren, sie ist vor den Augen der Menschen verborgen.

Wenn wir der Sprache im Umfeld der Barmherzigkeit begegnen, entsteht auch ein Gefühl für diese Sprache, das bis zur Geburt immer tiefer mit den Lauten verfestigt wird. Dann beginnt man selbstständig zu atmen und veranlasst den Körper (die Konsonanten) zu immer neuen Bewegungen.

Es gibt kein anderes Organ, worin neues Leben entstehen kann. Friedrich Weinreb erklärt den Begriff „Rechem“ einmal als „ich hüte als Hauptsache des Lebens, was mir von einer Begegnung zuteil wurde“. Deshalb studiert man traditionell intensiv die Thora, weil jedes Lesen wie eine wiederkehrende Begegnung mit der Möglichkeit einer neuen Befruchtung ist, die zur Hauptsache im eigenen Leben wird.

Wenn die Leibesfrucht ihre Reife erlangt hat, entsteht bei ihr der Wunsch nach Befreiung. Jetzt kehrt die Gebärmutter ihre Funktion ins Gegenteil um. Anstatt weiterhin Geborgenheit zu schenken, bedrängt sie das Ungeborene mit großer Kraft, aber nicht um es zu quälen, sondern um es in ein neues Leben zu entlassen. Der Muskel des Hohlorgans zieht sich jetzt unbarmherzig zusammen und erzeugt laut Medizin die stärksten Schmerzen, die ein Mensch empfinden kann.

Der Schmerz wird als „Opfer des Wohlbefindens“ gesehen und die Mystik darauf hin, dass während des Schmerzes ein starker Kontakt mit der unsichtbaren Welt stattfindet, welcher in diesem Moment ein Leben entrissen wird, um ans Licht zu kommen. Im Portugiesischen wird „gebären“ vielleicht deshalb als „ans Licht bringen“ (dar à luz) bezeichnet.

Die Frau, die das bis ins Äußerste erlebt, zeigt damit auch, dass es ein Prinzip ist, das auch in anderen Bereichen gilt. Oft ist es mit großen Schmerzen verbunden, Dinge ans Licht zu bringen, die hernach eine unberechenbare Eigendynamik entwickeln, wie es auch bei Kindern der Fall ist.

Vor dem Sichtbar-Werden einer neuen Welt, wenn die Zeit reif ist, wird die Frau, die auch für die äußerliche Welt steht, für eine kurze Zeit eine ganz andere Facette zeigen, weil eine neue Welt ebenfalls durch Wehen aus dem Unsichtbaren hervorgebracht wird. Sowohl aus der Sicht der Schwangeren als auch aus der Sicht des Ungeborenen wird die Phase der Geburt als unbarmherzig und als Überhandnehmen der Ungerechtigkeit erlebt. Warum muss ich das erleiden? Das ist so ungerecht. Was habe ich getan, dass ich solche Schmerzen erleiden muss?

Dasselbe Organ bewirkt beides. Lebte man vorher in einer gut organisierten Welt mit Rundumversorgung und allem Drum und Dran, wundert man sich, weshalb sich innerhalb kürzester Zeit alles umkehrt, und das Leben mehr einem Überlebenskampf gleicht als einem Verweilen in Geborgenheit, Absicherung, Wohlstand und Genuss. Die aktuelle Situation hat sich innerhalb kürzester Zeit zu etwas sehr Bedrohlichem gewandelt.

Es heißt, dass wichtige Kinder durch schwere Geburten auf die Welt kommen. Wenn die Welt durch heftige Krisen heimgesucht wird, dann sollte man dieses Bild im Hinterkopf haben: Es wird etwas durchbrechen, das alle Erwartungen übertreffen wird. Vorher bewegt sich nicht mehr allzu viel. Gleichwie eine Hochschwangere keine Marathonläufe mehr absolviert, wird auch die Welt träge werden und des Fortschritts ermangeln. Diese Trägheit macht auch bei Einzelnen nicht Halt. Man liegt dann lieber auf der Couch, anstatt etwas zu unternehmen.

Die Mitteilung hierbei ist: Es wird nicht lange währen. Diese letzte Phase vor der Niederkunft von etwas, das aus einer höheren Welt herabsteigt, sollte man nicht so hart beurteilen. Wer erkennt, dass die Geburt naht, wird einer Schwangeren nichts mehr zumuten. Ruhen soll sie und ihres Alltages soll sie enthoben sein. Stattdessen helfe man, wo man kann, so wie man auch einer Schwangeren im besonderen Maße behilflich ist. In Portugal gibt es an jeder Kasse Hinweisschilder, dass Schwangeren Vortritt zu gewähren ist. Sei barmherzig zu der, die schwer trägt. Es ist Gottes Welt, und auch wenn wir vieles nicht verstehen, können schon kleinste Handreichungen dazu beitragen, dass es für alle etwas leichter wird. Harsche Kritik könnte in einer solchen Situation nicht fehlplatzierter sein.

So kann auch der eigene Übergang in eine neue Lebensphase sehr schwer und schmerzhaft sein. Dinge, die leicht kommen, sind selten von Bedeutung. Und was träge und müde machte, kann in Wirklichkeit neues Leben sein, das jetzt aus uns geboren werden will. Die Freude hernach wird größer sein, als die empfundene Bedrängnis, von der das Entreißen aus der Finsternis begleitet wurde (Joh. 16:21).