Es ist kein Geheimnis, dass aus einem kleinen Kern ein ganzer Baum wachsen kann, und dieser Baum wird die Form haben, die seiner Natur entspricht, die schon im Kern angelegt ist: Aus einer Eichel wird eine Eiche wachsen, aus einer Buchecker eine Buche. Wenn wir den Kern kennen, wissen wir, wie das Aussehen sein wird. Die Umstände, wie der Ort und das Wetter, werden das Wachstum und die Ausgestaltung prägen, aber die Art des Baumes nicht ändern.
Wenn wir die Materie betrachten, die Steine, die Pflanzen, die Tiere und uns selbst in der Art, wie wir erscheinen, sollten wir darüber nachdenken, dass das alles aus einem Kern gewachsen ist. Woraus entsteht das alles?
Die biblische Geschichte ist eine Kern-Geschichte, die sich in der Zeit immer wieder neu ausgestaltet und so als wahr erkannt werden kann. Dinge können sich in Perioden von Stunden, Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren ausdrücken, aber manchmal erleben wir auch eine ganze Geschichte in wenigen Momenten, die uns sprachlos mit der Frage zurücklässt: Was ist da eigentlich gerade passiert?
Die Geschichten drücken sich immer wieder neu aus und möchten uns dadurch „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ führen, denn im Erkennen dessen, dass sich die Bibel in unserem eigenen Erleben ausdrückt, erleben wir das Zeitlose im Moment des Durchschreitens der Pforte, die der Augenblick der jeweiligen Erfahrung ist. Der Moment JETZT ist die einzige Möglichkeit, Kontakt mit dem Geheimnis zu erhalten.
Die Offenbarung am Sinai gehört bspw. untrennbar mit dem goldenen Kalb zusammen. Die Bibel schönt das Ereignis nicht und erzählt unverblümt neben der Offenbarung auf dem Berg auch die Anti-Offenbarung im Tal, die man nach menschlichem Dafürhalten doch in einer Erfolgsgeschichte – schließlich waren sie doch aus Ägypten errettet und auf dem Weg ins Gelobte Land – lieber streichen würde. Diese Kernerzählung ruft in der materiellen Welt unwiderruflich ein bestimmtes Bild hervor, das für denjenigen, der sie erlebt, auch als Ganzes real werden wird.
Sobald ein Teil von uns große Einsichten in die Verbindungen zwischen Himmel und Erde erhält, wie es bei Mose der Fall ist, ist etwas anderes in uns ungeduldig und gibt die Hoffnung auf. Beides geschieht in der Geschichte zur selben Zeit. Das heißt, dass das Aufgeben der Hoffnung parallel zur höchsten Offenbarung stattfindet!
Diese Abläufe sind genauso vorgegeben, wie die Abläufe in unserem Körper. Wenn wir z. B. vor einer Prüfung aufgeregt sind, funktioniert die Verdauung anders als sonst, die Herzfrequenz erhöht sich, die Atmung wird flacher, mitunter verengt sich der Hals, die Stimme wird unruhig, die Finger beginnen zu zittern und alles passiert gleichzeitig. Das lässt sich noch deutlich steigern: Der Körper kann in einer Gefahrensituation innerhalb von Sekunden den Notstand ausrufen und sein bis zu diesem Moment geltendes Regelwerk einfach außer Kraft setzen und die Organe nach anderen Kriterien steuern. Diese neuen Regeln müssen in diesem Moment nicht erfunden werden, sondern liegen schon bereit. Beim Ausrufen eines Notstandes im Katastrophenfall ist es nicht anders: Bestimmte bis dato geltende Gesetze werden einfach aufgehoben und andere Gesetze treten in Kraft.
Doch auch im Kleinen zeigen sich fest miteinander gekoppelte Muster. Durch Riechen an Pfeffer wird ein Niesen ausgelöst und der Anblick eines guten Essens kann uns das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Biologisch könnte man von Reizreaktionsmustern sprechen, aber das trifft es nicht einmal annähernd, denn wenn man einen Körper ohne Geist und Seele vor sich hat, befindet man sich in der Nähe einer Leiche, und die reagiert auf keinen einzigen Reiz mehr. Sämtliche Muster hängen in erster Linie mit der Seele zusammen und nicht mit dem Körper. Die Seele vermag zur Vielheit der Zellen des Körpers zu sagen: Ohne mich könnt ihr nichts tun.
Wenn also vom Lernen und Studieren der Thora gesprochen wird, meint man damit: Je tiefer du mit den Erzählungen der Bibel vertraut bist, desto tiefer wirst du dein eigenes Leben verstehen, wirst deine Reaktionen verstehen oder sie besser zuordnen können, denn die Thora erzählt dein Leben, wie es im Kern angelegt ist. Durch den Zugang zum eigenen Leben öffnet sich auch eine Tür zu anderen Menschen, die ebenfalls zu einem Kern gehören.
So wie wir einen Apfelbaum nicht von dessen Kern trennen können, so ist es auch nicht möglich, die erscheinende Welt von der Kern-Geschichte der Bibel getrennt zu betrachten. Im Kern ist alles angelegt, etwas anderes tritt nicht hervor.