Der Malbim verweist in seinen Kommentaren oft darauf, dass Gottes Pläne sich oft als „Fluch“ maskieren, um den Kern der Weisheit vor der Zerstörung zu schützen. Heute kennt man für besonders gefährdete Personen, die aufgrund ihrer Aussage vor Gericht namhafte Leute zu Fall bringen können, das Zeugenschutzprogramm.
Für die betroffene Person (und oft auch für ihre engste Familie) ändert sich von einem Tag auf den anderen absolut alles. Das Programm verlangt extreme Opfer:
- Eine völlig neue Identität: Der Zeuge bekommt einen neuen Namen, ein neues Geburtsdatum und komplett neue Dokumente (Ausweis, Fahrerlaubnis, Geburtsurkunde). Das nennt man im Fachjargon „Tarnidentität“.
- Kontaktabbruch zur Vergangenheit: Das ist oft der härteste Teil. Der Zeuge darf keinen Kontakt mehr zu alten Freunden, Verwandten oder Arbeitskollegen aufnehmen. Sogar Social-Media-Accounts (Instagram, Facebook etc.) müssen gelöscht werden. Wer sich heimlich meldet, fliegt sofort aus dem Programm, weil das Risiko zu groß ist.
- Umzug an einen geheimen Ort: Die Person wird in eine völlig neue Stadt oder sogar in ein anderes Land gebracht, wo sie niemand kennt.
- Neue Arbeit und neues Leben: Die Behörden helfen dem Zeugen am Anfang finanziell und bei der Suche nach einer neuen Wohnung und Arbeit. Der Zeuge muss sich unter dem neuen Namen ein komplett neues Leben aufbauen.
In der Welt erscheint nichts, was nicht zuvor im Unsichtbaren schon real war. Je größer die Gefahr für den Betreffenden ist, desto größer ist der Aufwand der Tarnung.
Gottes Weisheit gehört auch einem Zeugenschutzprogramm an. Einem Programm, das so einfach wie genial ist, denn die Weisen dieser Welt haben sie bis heute nicht gefunden. Manchmal blinzelt sie aus den Augen eines Menschen, der nichts vorweisen kann, der von Menschen verachtet und verlassen ist, jemand, der im Stillen leidet, den Schmerz erträgt und vor dem man das Angesicht verbirgt.
Das ist der Ort, wo Gottes Weisheit wohnt.
In dieser Welt, der Olam HaSheker, der Welt der Lüge, geht es nicht anders. So oft man es auch versucht hat, sie nach menschlichem Ermessen würdevoll unterzubringen und Gebäude zu errichten, die die Menschen staunen lassen – kaum sind sie vollendet, flieht die Weisheit, gleich wie Melchizedek, und niemand weiß, woher sie kam und wohin sie geht.
Das Strahlen eines Kindes drückt mehr von Gottes Weisheit und Wesen aus, als alle Bauwerke der Welt zusammen.
Die ewige Weisheit ist hier stets in Gefahr, drum muss sie das größte Opfer überhaupt bringen: die völlige Aufgabe der wahren Identität. So wohnt das Wort unter uns, unerkannt und fremd, getarnt als unscheinbarer Text, der scheinbar äußerliche, zum Teil abstoßende Geschichten erzählt, die man immer wieder neu zerpflückt und an den Pranger der Lächerlichkeit stellt.
Wem gibt sie sich zu erkennen? Doch nicht dem, der sie verrät.
Ist es nicht der, bei dem sie merkt, dass sie ihm vertrauen kann, dass er sie nicht bloßstellen wird, sondern weiß, dass ihr Zeugnis Kraft hat, die Welten zu erschüttern?
Jehoschua, Sohn Chanania war am Hofe wegen seiner Weisheit sehr geschätzt, aber er war von hässlichem Aussehen und fast verunstaltet. Eines Tages geht die Tochter des Kaisers an ihm vorüber und ruft aus: »Welch ein hässliches Gefäß für so viele Weisheit!« Der Gelehrte lässt sich, ohne außer Fassung zu kommen, noch beleidigt zu werden, in eine Unterhaltung mit der Prinzessin ein, lenkt das Gespräch auf häusliche Angelegenheiten und richtet folgende Frage an sie: »Fräulein!, wo bewahrt ihr den Wein?« »Wo wir ihn aufbewahren? In Gefäßen aus Ton.«
»Gefäße aus Ton!, das ist eine zu allgemeine Sache. Alle machen es so, aber für euch am königlichen Hofe, sollten es silberne oder goldene Gefäße sein.« »Wenn ich es überlege, so hast du recht. Und hurtig lief sie Befehl zu geben, dass der Wein in silberne und goldene Gefäße abgefüllt werde.«
Aber nach kurzer Zeit wurde der Wein sauer.
Der Fürst, dem man es mitteilte, schreit, lässt die Tochter rufen, erkundigt sich, wer diesen idiotischen Rat gegeben habe, und lässt den weisen Mann holen.
»Welch sonderbaren Rat hast du meiner Tochter gegeben? Willst du vielleicht, dass meine Sachen zugrunde gehen?«
»Herr!, ich habe ihr eine Lektion geben wollen. Eure Tochter schien nur auf die äußere Schönheit Wert zu legen und verachtete mich wegen meiner Figur. Schönheit zerstreut und verdirbt den Charakter, deshalb sucht sich die Weisheit lieber schlichtere Gefäße als Wohnstätte.«
(Talmud Taanith)
