Die zwei Seiten der Furcht

Die erste Frage, die dem Menschen von Gott gestellt wird, ist die Frage nach seinem Standort: ajeka, 1-10-20-5, wo bist du, wo stehst du? (1. Mose 3:9)
Dasselbe Wort wodurch die Frage „wo bist du?“ im Original steht, als ejchá ausgesprochen, ist der Beginn der Klagelieder: „Wie sitzt einsam …“ Das Wo ist im Hebräischen quasi gleich mit dem Wie. Das „wo bist du?“, liest man deshalb auch als „wie steht es mit dir?“ oder „wie bist du dorthin gekommen?“. Bei uns ist es auch die Frage: „Wie ist das möglich?“, „Wie konnte es dazu kommen?“ Im Garten Eden ist es das Nehmen vom Baum der Erkenntnis, wodurch die Frage ausgelöst wird, in den Klageliedern ist es der Umstand, das Gottes Wohnung auf Erden verwüstet wurde. Mein Handeln hat mich dahin gebracht, dass ich mich verstecken muss, dass etwas in mir „verwüstet“ wurde. Doch Gott sucht den Kontakt, sucht die (Wieder-)Verbindung. Von diesem Standpunkt aus scheint der Mensch erst die Stimme Gottes zu hören, wenn bei ihm etwas in Trümmern liegt. Diese Stimme drückt sich insbesondere durch eine Stimmung aus.

Die Frage „ajeka?“ – im Hebräischen nur ein Wort – ist das 888. Wort in der hebräischen Bibel. Die 888 ist auch der Zahlenwert des griechischen Namens Jesus (Ἰησοῦς = 10+8+200+70+400+200), und auf ihn bezieht sich das erste „Wo“ im Neuen Testament:

Und (die Magier) sprachen: Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist?

(Matth. 2:2)

Die Verquickung zwischen dem gefallenen Menschen, der als horizontal dargestellt wird und dem, der als „von oben kommend“ vertikal dargestellt wird, hängt mit einer scheinbar simplen Frage zusammen. Ajeka zählt als Wort in der Summe 36 (1+10+20+5), eine Zahl, die aus sich die 666 hervorbringt (36+35+34+33 … +3+2+1). Mit dem „Wo bist du?“ hat es demnach weitaus mehr auf sich, als es auf den ersten Blick scheint.

Anstatt dass der Mensch sich über das Wiederverbindungsersuchen Gottes freut, fürchtet er sich (1. Mose 3:10), zumindest wird das hebräische jeréh, 10+200+1, an dieser Stelle mit „fürchten“ übersetzt. Doch worin befindet sich ein Mensch, wenn er sich akut vor etwas fürchtet? Im Zustand höchster Aufmerksamkeit! Und das ist auch die etym. Bedeutung von jeréh:
Ein Ruf zu konstanter Aufmerksamkeit.
Wenn man nachts einen dunklen Pfad durch einen Wald läuft und man plötzlich knacksende Geräusche eines vermeintlich in unmittelbarer Nähe daherschreitenden Wesens vernimmt, wird man nicht mehr darüber nachdenken, was man am nächsten Tag alles unternehmen will, sondern mit maximaler Aufmerksamkeit alle Sinne einsetzen, um zu erkennen womit man es zu tun hat. Angst ist an sich nicht negativ, sondern eine „Einrichtung“ zur Umschaltung auf das, was jetzt im Moment wirklich wichtig ist.
Wenn Abraham auf den Berg Morija steigt, um seinen geliebten Sohn Isaak aufzugeben, hört er einen Ruf vom Himmel, der ihn stoppt: “Denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest …” (1. Mose 22:12). Diese beiden Stellen, in denen vom Fürchten die Rede ist, stehen sich gewissermaßen gegenüber, denn beim Menschen im Paradies kommt es durch das Handeln in den Zustand der Furcht und bei Abraham kommt es durch die Furcht zum Handeln. Die erste Handlung war der Generalakt des Nicht-Vertrauens während die Handlung bei Abraham Ausdruck des größten Vertrauens war, das erbracht werden konnte.

Auf uns übertragen könnten wir uns fragen, ob uns eine bestimmte Stimmung dazu bringt, uns zu fürchten und zu verstecken, uns quasi „einfriert“, oder ob sie uns zum Handeln motiviert; zu einem Handeln, das zutiefst darauf vertraut, dass selbst wenn man das Liebste im Leben bereit ist aufzugeben, es sich auf eine Weise zum Guten hin wenden wird, die nicht vorhersehbar ist.
Jeré, 10+200+1 hat zwei Konsonanten mit dem Wort für Licht (or, 1+6+200) gemeinsam, das einen ähnlichen Doppelcharakter hat: Bei gewissen Handlungen fürchtet sich der Mensch davor, dass sie ans Licht kommen, wohingegen andere Handlungen Licht in eine schwierige Situation bringen und diese auflösen (erhellen) können. Das heißt, dass die Dunkelheit im eigenen Leben gerade dadurch weichen könnte, wenn man wieder Vertrauen in das Leben gewinnt und “pro Leben” handelt und das ist nichts anderes als das Bejahen des eigenen Lebens und des eigenen Schicksals, das sich auch darin äußert, dass man die Freude sucht und das Nicht-Erfreuliche dem anheimstellt, der es wenden kann. Vielleicht müssen manchmal Dinge in unser Leben kommen, die uns in den Zustand höchster Aufmerksamkeit versetzen, weil das Licht kurz vorm Erlöschen war.

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Autor: Dieter Miunske