Du tust Dinge unten, die Gott oben nicht tun kann. So wirst du finden, was Wahrheit ist.

Im Video lese ich den Text vor und erläutere ihn.

1. Die Bedeutung eines Knechtes

Knechte treten in der Thora zum ersten Mal in Verbindung mit Abram auf. Zuvor wird nur davon gesprochen, dass Kanaan der Knecht Schems (Sems) sein soll, aber eine konkrete Handlung, die sich daraus ergibt, wird nicht genannt. Lassen wir die Verwendung der drei Zeichen ajin-beth-daleth (עבד) mit denen das Wort „Knecht“ (eved) geschrieben wird, in dieser Reihenfolge als Verb oder Substantiv unberücksichtigt, kommen sie bei Abram zum 10. Mal vor. Das ist in Gen. 12:16:

Und er (Pharao) tat Abram Gutes um ihretwillen (Sarai); und er (Abram) bekam (1.) Kleinvieh und (2.) Rindvieh und (3.) Esel und (4.) Knechte und (5.) Mägde und (6.) Eselinnen und (7.) Kamele.

Dort bekommt Abram 7 „Dinge“ von Pharao um Sarais willen geschenkt. Darunter befinden sich auch Knechte. Die ersten Knechte der Thora sind Ägypter, also dienstbare Kräfte des Diesseitigen.
Allgemein gesprochen ist ein Knecht derjenige, der nicht für sich selbst, sondern für einen Höheren, einen Herrn, handelt. Er tut dies auf einer niedrigeren Ebene, wo der Herr nicht alleine hinkommt. Auf seiner Ebene tut der Herr, was er will. Sobald jedoch etwas auf der niedrigeren Ebene getan werden muss, gibt der Herr dem Knecht den Auftrag dazu. „Niedrige Arbeiten“ sind nicht solche, die bedeutungsloser sind, sondern solche, ohne die das Obere nicht vollendet würde. Eine obere Etage kann es nur geben, weil es eine untere gibt. Was oben beschlossen wird, wird unten ausgeführt, also wirksam umgesetzt.

Genau dieses Verhältnis besteht auch zwischen Gott und dem Menschen. Der Mensch wird hinunter in die konkrete sichtbare Welt gebracht (eigentlich „fallen gelassen“), um „unten“ das zu tun, was Gott „oben“ beschließt, aber nicht selbst tun kann. Gott kann es nur durch den Menschen vollenden, und zu diesem Zweck erschafft er den Menschen in seinem Bild, in der Hoffnung, dass der Mensch es in seinem Sinne ausführt, wie es am Ende des 7. Tages der Schöpfung (Gen 2:3) heißt: „Auf dass getan werde!“, la’äsoth (לעשות).

Durch den Menschen wirkt Gott hier, tritt er hier in Erscheinung. Der Mensch ist der Knecht Gottes. Als solcher hat er keinen Sichtkontakt zu Gott, wie auch Jesus in Joh. 15:15 sagt: Der Knecht weiß (sieht) nicht, was sein Herr tut (εἴδω: wissen und sehen sind im Griechischen identisch). Den Satz beginnt er mit: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte“, denn durch das Kommen in den 8. Tag (des Messias) gelangt der Mensch vom Glauben zum Sehen, so wie Hiob am Ende sagt: „Aber nun hat mein Auge dich gesehen.“ Hiob wird sowohl vor als auch nach seiner Läuterung als Knecht bezeichnet. Ein dauerhaftes Sehen ist auf dem Weg niemandem möglich.

Im Laufe der Zeit hat das dt. Wort „Knecht“ immer mehr die Bedeutung eines Dieners bekommen, der minderwertige Arbeiten ausführen muss. Besser wäre es, ihn als „Untertan“ zu bezeichnen, der „etwas unten zu tun hat“.
Früher nannte man ein speziell angefertigtes Holzbrett, das wie eine Wippe gestaltet war, einen Stiefelknecht. Auch hier das gleiche Muster: Er diente „unten“ am Boden dem Ausziehen der Schuhe, ohne dass man sich bücken musste. Der hölzerne Stiefelknecht löste den menschlichen Diener ab, der sich anstelle seines Herrn bücken musste.

Im Hebräischen ist ein eved (עבד) jemand, „der Ergebnisse bewirkt“. Dieses Muster finden wir auf der ganzen Welt, sogar im Spiel: Ein Fußballtrainer hat Ideen und entwickelt Strategien, aber selbst schießt er nicht ein einziges Tor.

Angestellte angesehener Konzerne tragen gerne die Kleidung mit dem Emblem der Firma, für die sie arbeiten. Die Anstellung erhebt sie, und wie gerne werden namhafte Konzerne im eigenen Lebenslauf erwähnt.
Knecht Gottes zu sein, ist das Siegel des menschlichen Lebens. Gott macht den Menschen zu einem eved und bereitet ihn auf seine irdische Mission vor. Eine höhere Anstellung gibt es vor Gott nicht. Dazu gehört es, in eine bestimmte Familie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort geboren zu werden.

Die Allmacht Gottes beinhaltet natürlich auch, dass er seinen Knechten verschiedene Aufträge gibt und sie auch wieder zurücknehmen kann. Als Knecht Abrahams tut bspw. Elieser daher alle möglichen Dinge. Man denke an die Niederlage der vier Könige, an die Beschaffung der Frau für Isaak, an seine Anwesenheit auf dem Weg zur Akeda (Bindung) als Begleiter usw.

Elieser, der Diener Abrahams, hat einen besonderen Namen, nämlich: „Mein Gott ist (meine) Hilfe“. Das ist der Name dessen, der für Abraham handelt, der das ausführt, was Abraham nicht kann.

2. Der Unterschied zwischen einem Engel und einem Knecht

Ein Engel wird auch als Diener gesehen, unterscheidet sich aber in einem wesentlichen Punkt von einem Knecht wie Elieser. Ein Engel heißt malach (מלאך). Wenn wir malach weiblich machen, wird daraus melachah (מלאכה). Das ist ein Handwerk oder allgemein eine Arbeit. Sowohl Knechte als auch Engel verrichten also Arbeiten, doch hat ein Engel keinerlei Freiheit in der Ausführung. Es gibt für ihn kein Abweichen, keine Wahl, keine Alternative. Diese Form der Ausführung ist direkt mit dem Auftraggeber verbunden.
Ein Knecht hingegen, ein eved, kann ungehorsam sein, faul sein, untreu sein. Die Arbeit wird zwar von ihm erwartet, dafür wurde er auserwählt, aber er kann davon abweichen, er kann etwas anderes tun. So wie vom Menschen in Eden, als er von Gott dort hingesetzt wurde, nur zwei Dinge erwartet wurden, doch der Mensch kann sich dafür nicht erwärmen (Gen. 2:15). Er soll das ihm Anvertraute wirksam einsetzen (עבד) und er soll es hüten (שמר), doch wovor?

Der Garten Eden wird auch „Welt der Seelen“ (olam ha-neschamoth) genannt. Darum soll sich der Mensch kümmern. In erster Linie achte er darauf, dass es seiner Seele wohlergehe. Aber es zieht ihn herab ins Konkrete. „Seele“, was soll das sein? Und damit beginnt der Abstieg in diese unterste Welt, diese äußere sichtbare Welt, in der wir uns jetzt befinden.
Der Malach, der Engel, ist für diese oder jene bestimmte Tat Gottes da. Gott sendet den Engel. Und mit der Erfüllung der Tat hat dieser Engel seinen Befehl erfüllt. Doch der Eved erhält einen allgemeinen Auftrag, erhält das Vertrauen, er kann daher auch versagen. Und umso größer ist die Freude über den Eved, der treu ist.

Zur Verdeutlichung der Bedeutung eines Dieners im Sinne eines Eved können wir einen Blick auf die Zahlen des Wortes werfen. Der verborgene Wert der drei hebräischen Zeichen ist 900. Der verborgene Wert beschreibt die Qualität des Weges zwischen dem Innersten und dem Äußeren. Die 900 ist die 9 in den Hundertern und gehört deshalb zum Charakter des 9. Zeichens, der teth (ט), die mit dem Geheimnis einer Mutter zusammenhängt, die ein Leben aus dem Verborgenen ins Sichtbare bringt. (Die teth steht auch für eine Gebärmutter.)
Das Wort erzählt schon, dass ein Knecht durch das Handeln im Sinne seines Herrn in die Freiheit einer höheren Welt geboren werden kann. Der Dienst ist eigentlich ein treues Handeln aus dem Eins-Sein zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt heraus, das keinen Zwang kennt.

3. Ein Knecht muss selbst herausfinden, wie er den Auftrag vollendet

Ein konkretes Beispiel für Eliesers Treue ist die Umsetzung des Auftrages Abrahams, eine Frau für dessen Sohn Isaak aus Mesopotamien zu holen. Diese Geschichte finden wir in Gen. 24. Abraham gibt ihm nur ungefähre Anweisungen, man könnte sagen eine grobe Orientierung, die Details aber lässt er offen.
Elieser macht sich auf den Weg und er ist umgetrieben von der Sorge, wie er denn nun vorgehen soll, denn er will auf keinen Fall die falsche Frau auswählen.

Er kommt bis zur Stadt Nachors, bleibt aber außen vor bei den Brunnen. Hier erwartet er, die Eine zu finden. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, in einer Stadt genau die Frau zu treffen, die nicht irgendeine, sondern DIE Frau ist? Sehr gering. Er hat weder Foto noch Beschreibung, sodass dieser Auftrag eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Jetzt – völlig auf sich alleine gestellt – macht Elieser etwas, das die Überlieferung „ungeziemend“ nennt: Er stellt Gott gegenüber Bedingungen. Er sieht keinen anderen Ausweg mehr, schließlich hatte er einen Auftrag, den er vollenden muss – aber wie?

Diese enorme innere Anspannung, die Sorge vor dem Scheitern und der Wagemut Eliesers spiegeln sich sogar in der Struktur des Thora-Textes wider: Das Wort „Und er sprach“ (Gen. 24:12) ist im Hebräischen mit der seltenen Gesangnote shalshelet versehen, die in der Liturgie ein rhythmisches Trillern darstellt, welches traditionell einen Moment tiefer innerer Zerrissenheit, des Zögerns oder dramatischer Unentschlossenheit signalisiert, zu deren Überwindung es Mut braucht.

Und er sprach: HERR, Gott meines Herrn Abraham, lass es mir doch heute begegnen, und erweise Güte an meinem Herrn Abraham! Siehe, ich stehe bei der Wasserquelle, und die Töchter der Leute der Stadt kommen heraus, um Wasser zu schöpfen. Möge es nun geschehen, dass das Mädchen, zu dem ich sagen werde: Neige doch deinen Krug, dass ich trinke, und das sagen wird: Trinke, und auch deine Kamele will ich tränken,diejenige sei, die du für deinen Knecht, für Isaak, bestimmt hast. Und daran werde ich erkennen, dass du Güte an meinem Herrn erwiesen hast. (Gen. 24:12-14)

Elieser ging damit rechnerisch ein hohes Risiko ein, seinen Auftrag gegen die Wand zu fahren. Doch die Ereignisse wurden so gelenkt, dass tatsächlich DIE Frau zu ihm an den Brunnen kam, die genau den Bedingungen entsprach.
Elieser konnte sein Glück kaum fassen, dass alles bis ins Letzte so eintraf, wie er es formuliert hatte. Es heißt dort so schön:

„Und der Mann (Elieser) sah ihr staunend zu und schwieg“ (Gen. 24:21).
Das Staunen lautet im Original scha’ah (שאה), in der Umkehr gelesen, ist es ha-esch (האש), also: das Feuer. Als Elieser sah, wie sich alles vor seinen Augen erfüllte, verbrannten innerlich seine Aufregung, sein Zweifel, und es wurde ihm warm ums Herz.

4. Die Wahrheit kann nur im Dienen erkannt werden

Und jetzt kommt etwas sehr Wesentliches: Genau in diesem Zusammenhang fällt in der gesamten Bibel zum ersten Mal das Wort „Wahrheit“. Überwältigt davon, dass ein Unsichtbarer konkret auf so wundersame Weise eingegriffen hat, sagt Elieser:

Gepriesen sei der HERR, der Gott meines Herrn Abraham, der von seiner Güte und seiner Wahrheitnicht abgelassen hat gegen meinen Herrn! Mich hat der HERR auf den Weg zum Haus der Brüder meines Herrn geleitet. (Gen. 24:27)

Die Wahrheit kommt also nicht alleine, wenn sie erstmals genannt wird! Sie ist verbunden und „eingehakt“ mit chessed (חסד), das ist „ein dir zuteilgewordener Gnadenerweis, der dich beschämt“. Warum „beschämt“? Weil chessed nichts zurückerwartet. Genau diesen Verbund von Gnade und Wahrheit beschreibt auch Johannes direkt zu Beginn seines Evangeliums, das ein besonderes Augenmerk auf die Wahrheit hat:

Joh 1,14: Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns (und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater) voller Gnade und Wahrheit.
Joh 1,17: Denn die Thora wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Hier finden wir, dass durch den Messias zwei scheinbar getrennte Dinge zu „einem Fleisch“ werden, wie es auch in Gen. 2:24 gesagt wird: Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden ein Fleisch sein (לבשר אחד).

5. Die Ehe von Wahrheit und Güte

Eine Wahrheit ohne Gnade ist hart, kalt und zerstörend. So wie es Substanzen gibt, die im Verbund lebenswichtige Eigenschaften haben, aber getrennt als Einzelnes zerstörerisch sind, wie es bspw. beim Salz der Fall ist. Salz ist eine Verbindung aus Natrium und Chlor. Was die beiden in ihrem Verbund als Salz bewirken, wissen wir alle. Natrium, als Alleinstehender, explodiert bei Wasserkontakt und bildet eine ätzende Lauge. Chlor ist ohne Partner ein Gas, das Schleimhäute und die Lunge verätzt. In der Verbindung haben Natrium und Chlor ganz andere Eigenschaften als getrennt. Das betrifft auch Charaktere. Es gibt Menschen, die im Verbund mit anderen zum Lebenselixier werden, aber getrennt für sich alleine sind sie unausstehlich.

Nicht nur Salz ist eine Verbindung, sondern auch Wasser. Die beiden Anteile Wasserstoff und Sauerstoff bewirken alleinstehend für sich genau das Gegenteil dessen, was sie in trauter Gemeinschaft machen: Es sind leicht entzündliche Brandbeschleuniger. In der Verbindung als Wasser wird der Brand entschleunigt und gelöscht.
„Context matters“, sagt man im Englischen, weil eine Aussage ohne Zusammenhang so viel wert ist wie ein einzelner Ton, der nicht zu einem anderen in Beziehung gesetzt wird. Ohne Beziehung kann keine Stimmung entstehen.

Zurück zur ersten Nennung der Wahrheit. Bei Elieser heißt dieser Ausdruck chasdo w’amitho (חסדו ואמתו), übersetzt: seine Güte und seine Wahrheit. Dieser Ausdruck zählt in seiner Essenz 45, die das Wahrnehmbare des Menschen im Worte adam (אדם) wiedergibt. Eigentlich ist jeder Mensch mit diesem Siegel versehen, aber wie uns Elieser, der Knecht, zeigt, kommt uns das nicht zugeflogen, sondern es ist ein Weg (דרך), wie er es im selben Vers auch zum Ausdruck bringt.

Die Wahrheit ist weder ein Auswendig-Zitieren von Versen noch von Texten oder das Vertreten von bestimmten Weltanschauungen, sondern begegnet dir in deiner Verzweiflung, die du aber nur dann erlebst, wenn es dir ein innerstes Bedürfnis ist, dann treu zu sein, wenn es niemand sieht. Elieser war in einem fremden Land. Niemand kannte ihn. Ein Fehlverhalten hätte vielleicht keinerlei Konsequenzen für seinen Ruf im Lande Abrahams bedeutet, aber er wusste sich nicht nur seinem Herrn, sondern dem Herrn aller Herren verpflichtet. Auf diese Weise steigen wir auf zu der Ebene, auf der man etwas von dem zu ahnen beginnt, was die Bibel mit Wahrheit meint.

Elieser nennt das Wort „Wahrheit“ noch zwei weitere Male im selben Kapitel und verbindet sie noch einmal mit einem Weg (דרך) und mit der Güte (חסד). Der Nächste, der in der Thora von Wahrheit spricht, ist Jakob. Er sagt in Gen. 32,11:

Ich bin zu gering all der Gütigkeiten (chessed) und all der Treue (emeth), die du deinem Knecht erwiesen hast;

Auch er verbindet Wahrheit (oft auch mit Treue übersetzt) mit Güte bzw. Gnade. In diesem Zusammenhang nennt er sich selbst ebenfalls „Knecht“ (עבד).

6. Die Eigenschaften der Wahrheit, wenn diese ledig ist

Wenn es sich mit der Wahrheit so verhält, wie ich es hier beschrieben habe, so muss beim ersten Auftreten des Wortes emeth ohne chessed der Charakter ein anderer sein. Und genau so finden wir es. Josef verwendet als Erster das Wort „Wahrheit“, wenn es für sich alleine ohne Gnade steht, in seinem Auftrag an seine Brüder, wenn er das Holen seines jüngeren Bruders Benjamin erzwingen will:

Daran sollt ihr geprüft werden: Beim Leben des Pharaos! – Wenn ihr von hier weggeht, es sei denn, dass euer jüngster Bruder hierher komme! Sendet einen von euch hin, dass er euren Bruder hole; ihr aber bleibt gefangen, und eure Worte sollen geprüft werden, ob Wahrheit bei euch ist. (Gen 42,15-16)

Josef verknüpft Wahrheit nicht mit Gnade, sondern mit einer Prüfung.
Die Brüder kommen nicht als Knechte, auch wenn sie das behaupten. Stattdessen deklariert Josef sie als meraglim (מרגלים), Kundschafter. Wir haben es mit einer ganz anderen Situation zu tun. Gnade, Barmherzigkeit und Nachsicht hätten in diesem Fall das Gleichgewicht zwischen den Brüdern nicht wiederherstellen können.

7. Wer nur seinen persönlichen Vorteil sucht, rennt gegen einen harten Stein

Es gibt Situationen, in denen Gnade die Klärung einer Angelegenheit verhindert. Hätte Josef hier chessed walten lassen, hätte er der Bedeutung dieses Wortes nach, sich selbst streichen und sich vor seinen Brüdern beugen müssen. Er macht das Gegenteil. Sein Weg der jahrelangen Nichtbeachtung und Abweisung öffnete ihm das Verständnis dafür, wozu er in der Welt war. Die Brüder Josefs verstehen nicht, warum sie so hart behandelt werden. Außer Josef weiß tatsächlich niemand, was eigentlich los ist. So heißt es in Gen. 42,8:

Und Joseph erkannte seine Brüder; sie aber erkannten ihn nicht.

Bei einem Knecht ist das anders. Knecht und Herr kennen einander. Deshalb entlarvt Josef seine Brüder, wenn sie behaupten, dass sie seine Knechte seien (Gen. 42:13), denn sie erkennen ihn nicht. Deshalb sagt er

Ihr seid Kundschafter; um zu sehen, wo das Land offen ist, seid ihr gekommen (Gen. 42:9)
Das Wort „Kundschafter“ bedeutet wörtlich „vom Fuß“ (מרגל). Samson Raphael Hirsch (ein herausragender Kenner der hebräischen Etymologie) erklärt dies so:
„Der Fuß ist der Teil des Körpers, der auf der Erde steht und nur die äußerste Oberfläche berührt. Ein Meragel (Kundschafter) ist jemand, der nur mit den „Füßen“ durch ein Land geht. Er betrachtet alles rein oberflächlich, von außen, kalt und berechnend. Er sucht nach der Schwachstelle, nach der „Blöße des Landes“, wie Josef es ihnen vorwirft.“
Der Malbim ergänzt in seinem Kommentar:
„Ein Meragel kommt mit einem verborgenen, egoistischen Motiv. Er will das Fremde nicht heilen oder erheben, sondern ausbeuten.“

Ein Diener dagegen wertet die Welt seines Herrn auf. Er verbessert, veredelt, ist jemand, der zeigt, wie wundervoll alles gemacht ist. Daran hatten Josefs Brüder keinerlei Interesse. Sie wollten nur als Nutznießer kommen und sich dann schnell und möglichst anonym in ihre eigene Welt zurückziehen. Josef war voll in die Realität Ägyptens eingetreten, ohne dass er zum Ägypter geworden ist.
Er integrierte das Göttliche in die Wirtschaft und Politik Ägyptens. Er verstand sogar die Kultur so gut, dass der Pharao ihm den ägyptischen Namen Zafnat Paneach gab. Aus dem Altägyptischen lässt sich dies als „Gott spricht und er lebt“ oder „Retter der Welt“ ableiten, aber Rashi übersetzt es durch die hebräische Brille meisterhaft als: „Der die verborgenen Dinge (sodot) entschlüsselt“.
Das Leben hier auf Erden ist uns gegeben, um Geheimnisse zu entdecken, die dem verborgen bleiben, der nur auf Nutzen und Selbstsucht aus ist. „Tage des Himmels auf Erden“ kommen durch Menschen wie Josef, der das Göttliche bis in die tiefsten Stellen des Materiellen hineinträgt und diese somit zum Guten hin transformiert.

Unterricht, Lehrgänge und Bücher können perfekt zur Ausbildung eines Kundschafters dienen, der nur ernten will, ohne gesät zu haben. Ein Diener durchlebt alle Prozesse, und er weiß, wem er dient. Es gibt eine persönliche Beziehung.

Josef nutzt den Begriff der Wahrheit, um herauszufinden, ob sie wirklich Knechte sind oder solches nur vorgeben. Sie müssen nun beweisen, dass ihre Behauptung mit ihrem Leben übereinstimmt. Er prüft, ob sie für Benjamin ihr Leben als wahre Diener der Liebe und Einheit einsetzen würden.
Die Prüfung, die Josef jetzt mit seinen Brüdern unternimmt, um ihre Beziehung zur Wahrheit zu erfahren, ist im Hebräischen die Frage danach, ob sie handeln können, ohne einen Vorteil daraus zu gewinnen. Prüfen, bachan(בחן), kann man auch „in (der) Gnade“ lesen. Mit anderen Worten ist es so, als ob Josef sagen würde: „Ob eure Aussagen belastbar sind, also wahr sind, werde ich daran erkennen, ob ihr umsonst (בחנם) tun könnt.“ Sie haben es selbst in der Hand, ob sie die Wahrheit mit der Güte verbinden oder nicht. Solange ein Mensch Wahrheit und Güte nicht verbinden kann, bleibt er ein „Knecht der Sünde“ (Joh. 8:34), dient also der Erhöhung der Distanz vom inneren Zentrum, was genau das Gegenteil des biblischen Korban ist, das um des Näherkommens willen gebracht wird.

8. Der gespaltene Mensch und seine Motive

Denken wir auch daran, dass der Mensch von seinem Ursprung her, auch nicht in männlich und weiblich geteilt ist, sondern wie das angeführte Salz oder das Wasser eine Einheit aus Zweien ist. Männlich UND Weiblich als Einheit haben andere Eigenschaften als nur ein Teil davon, wenn es für sich steht. Gott selbst trennt den Menschen in männlich und weiblich und der Mensch hat nicht die Aufgabe, diese Trennung fortzuführen, sondern sie aufzuheben und zurück zur Einheit zu bringen. Mit dem Betonen der Unterschiede, verstärkt man – ob man will oder nicht – die rein männlichen oder die rein weiblichen Eigenschaften, die für sich genommen, alleine stehend, nicht mehr zum Menschen als Ganzes gehören. Das Betonen der Unterschiede zwischen den Geschlechtern ist wie das Benachdrucken der Eigenschaften von Natrium und von Chlor. Bringe einfach beides zusammen, und du erhältst das, was dich wieder lebendig macht: Salz!

Auch Gott stellt sich als Zweiheit von Elohim und JHWH vor, die im „Schma Israel“ zu einer Einheit verbunden werden (Deut. 6:4). Der Name Elohim wird mit Gesetz und Gerechtigkeit verbunden und JHWH mit Gnade und Barmherzigkeit. Grammatikalisch zeigt sich die Besonderheit, dass Elohim (אלהים) dekliniert werden kann, JHWH (יהוה) dagegen nicht veränderbar ist. Bezogen auf die mit den Namen verbundenen Eigenschaften ist das wieder besonders, denn somit sind Gesetz und Gerechtigkeit „deklinierbar“ (können gebeugt werden), Gnade und Barmherzigkeit aber können nicht verändert werden. Das Gesetz tritt in zahllosen Schattierungen, Bedingungen und individuellen Kontexten auf – es ist anpassungsfähig an den Menschen. Die reine Gnade und das Mitgefühl (Rachamim) hingegen sind ein ewiger, unveränderlicher Absolutheitswert. Unser Verstand denkt genau andersherum. Bei Gott ist es echad (אחד) und drückt sich in der Zahl 13 aus. Wenn man die 13 halbiert, generiert man einen Zerbruch.

9. Der Treue macht sich Gedanken, aber der Untreue hat keine Bedenken

Die Wahrheit erkennst du nur im Dienen. Schon beim Menschen selbst ist es so, dass der Mann der Frau diene und die Frau dem Manne. Hieraus folgt das wirkliche gegenseitige Erkennen. Typisch für das Dienen ist die Gewissheit, wem man dient. Die Ausführung bleibt, wie bei Elieser, manchmal komplett offen.

Wie mache ich das? Woran soll ich es erkennen? Warum hilft mir keiner? – Das würde sich ein Untreuer niemals fragen. Elieser ist treu und fragt sich das. Auch er ist unsicher, wie es typisch für uns alle ist, weil er alles richtig machen will, aber niemand hat ihm gesagt, was richtig ist. Für sich selbst hat er keine großen Ansprüche, weil er aber im Auftrag eines anderen handelt, muss er Ansprüche stellen, um den Auftrag in dessen Sinne zu vollenden.

Oft ergeht es uns ebenso. Wir wissen nicht, wie, wann und was dran ist, und kommen dann in unserer Not auf „ungeziemende“ Einfälle. Aber meinst du etwa, Gott wüsste nicht um deine vermeintlichen Unzulänglichkeiten? Wenn dich einer kennt, dann er!

10. Gerade der Treue wird verdächtigt

Elieser erlebt eigentlich das direkte Eingreifen von „oben“ und steht jetzt in der Gefahr, seine Methode abseits des Üblichen als Kurs für andere herauszugeben, die Sicherheit für ihre Entscheidungen wollen. Da passiert etwas Seltsames: Als er Rebekka ihrem zukünftigen Mann Isaak zuführt, wird er mit üblen Verdächtigungen Isaaks konfrontiert, der nicht glauben kann, dass Elieser sie auf der langen Reise unberührt gelassen hat. Gerade dann, wenn er vielleicht erwartet, für seine Treue und Zuverlässigkeit belohnt zu werden, bekommt er eine Anschuldigung, die er nicht entkräften kann. Eine Verkettung von Umständen führte dazu, dass Rebekka beim Absteigen vom Kamel stürzte und sich dabei so verletzte, dass es aussah, als ob Isaaks Verdacht begründet sei.
Dieser Verdacht wird für Elieser zur unerträglichen Last, weshalb Gott selbst in die Situation eingreift. Er befiehlt schließlich den Engeln, Elieser lebendig, genau wie Chanoch (Henoch) und Elia, in den Gan Eden zu führen. Er brauchte den Tod nicht zu schmecken. Das war der krönende Schluss der Vollendung seines Auftrages.

11. Die Voraussetzung für das Erkennen der Wahrheit

Der Name Elieser ist jetzt öfter gefallen, obwohl dieser in der gesamten Geschichte des Auftrages Abrahams, für Isaak die richtige Frau zu finden, nicht ein einziges Mal genannt wird. Es ist dort nur von einem Knecht (עבד) und einem Mann (איש) die Rede, wenn es um ihn geht. Sein Name wird nicht genannt. Es gibt in der Halacha die Aussage: „Der Abgesandte eines Menschen ist wie er selbst.“

Indem Elieser seinen eigenen Namen ablegt, macht er sich frei von persönlichen Ambitionen und wird vollständig zum verlängerten Arm Abrahams. Er handelt nicht als Elieser von Damaskus, sondern als reines Werkzeug für die Zukunft seines Herrn. Nur ein Gefäß, das selbst leer ist, kann die Wahrheit (אמת) unverfälscht transportieren. Solange wir unseren eigenen Namen im Vordergrund sehen wollen, dienen wir meistens nur uns selbst.
Die Wahrheit ist in der Mystik das Siegel Gottes. Sie lässt keinen Raum für Eitelkeit. Dass der erste Mensch, der sie in dieser Deutlichkeit ausspricht, in der Erzählung namenlos bleibt, zeigt: Wahre Treue und echte Wahrheit drängen sich nie in den Vordergrund. Sie wirken namenlos im Verborgenen.

Genesis 24 ist eines der stärksten Kapitel der gesamten Thora, wenn es um das Thema der göttlichen Vorsehung und das Vertrauen auf Gottes Hilfe geht. Elieser plant nicht strategisch, sondern er stellt sich an den Brunnen und bittet um göttliche Hilfe (Gen 24:12). Jeder seiner Schritte in diesem Kapitel ist ein Beweis dafür, dass „Gott seine Hilfe ist“. Er heißt nicht nur so, er verkörpert diese Eigenschaft in diesem Moment vollkommen.

Wenn man ein Prinzip völlig durchdrungen hat und es vor den Augen der anderen auslebt, muss man das Etikett (den Namen) nicht mehr ständig aussprechen. Die Tat selbst schreit: „Gott ist Hilfe!“
In diesem Kontext könnten wir sagen: Der Name tritt in den Hintergrund, weil Elieser mit der Bedeutung seines Namens einsgeworden ist. Name und Handlung weichen nicht voneinander ab. So wird jeder Mensch „unten“ im sichtbaren Handeln eine Einheit mit dem Unsichtbaren „oben“, wenn er hier ausführt und in die Wirksamkeit bringt, was „oben“ niemand zu tun imstande ist. Ist das Werk vollendet, gibt es keinen weiteren Grund, „unten“ zu bleiben.

Wissen wir nicht weiter, wollen aber treu handeln, zeigt diese Geschichte, dass „ungeziemende“ (wörtl. „nicht angemessene“ – schelo kehogen) Forderungen eher zum Ziel führen können, als dazusitzen und nichts zu tun. Elieser appelliert an Gottes Güte (חסד). Er sagt nicht, dass ihm das zustehen würde. Seine Grundgesinnung drückt sich auch in diesem Verhalten aus: „Eigentlich steht es mir nicht zu, aber um mich geht es auch gar nicht.“ So etwas kann nur ein Diener sagen, der weiß, dass er für bestimmte Aufgaben gesandt wurde und dann die Heimreise antritt. Die allerletzte Reise war für Elieser die leichteste von allen.