Die Welt steht wie eine Braut vor dem Bräutigam. Die Ehe hat noch nicht stattgefunden. Es ist wie bei den beiden, die darauf warten, eins zu werden. Sie wissen, dass sie füreinander bestimmt sind, aber sie sind noch keine Einheit geworden. Und doch trägt die Welt in diesem Zustand des noch Getrennt-Seins bereits Früchte der GE’ULAH (גאלה), der Erlösung.
Es ist also so, als ob eine Jungfrau gebären würde und dennoch Jungfrau bliebe. Es ist das Wunder dieser Welt der Gegensätze, dass sie, obwohl sie noch im Zustand der „2“ ist, bereits Dinge empfängt, als ob die Zweiheit schon aufgehoben und sie bereits „1“ wäre.
Das Hebräische kennt zwei Wörter für „Jungfrau“: BETHULAH (בתולה) und ALMA (עלמה). Rebekka wird in Gen. 24 mit beiden Begriffen beschrieben (Verse 16 und 43). Das Prinzip einer gebärenden Jungfrau kommt nicht plötzlich im NT auf, sondern gehört zur Schöpfung an sich. Eigentlich befindet sich diese Welt – und wir sind ein Teil davon – in permanentem Widerstreit: Auseinandersetzungen, Not, Leid und Krankheit kann man nicht wegdiskutieren und vortäuschen, als ob schon alles vollkommen in Außen- und Innenwelt erlöst sei. Die eigentliche Erlösung wird erst auf einer Ebene real, auf der Braut und Bräutigam wirklich zusammenkommen.
Das Wort ALMA kann man als weibliche Version des Wortes OLAM (Welt / Ewigkeit) lesen. Die Wörter stammen von NE’ELAM, dem Verschwundenen und Verborgenen, denn die Welt trägt im Verborgenen das Geheimnis des Ewigen, das in unseren Zeitbegriffen nicht darstellbar ist. Je mehr wir mit unserer äußeren Zeit rechnen, desto mehr verschwindet die OLAM aus unserem Leben. Im Aramäischen entspricht ALMA (עלמא) dem hebräischen OLAM. Aramäisch war die profane Sprache, die parallel zur LASCHON HA-KODESCH (Heiligen Sprache) im Alltag gesprochen wurde. Wenn jemand, der beide Sprachen kennt, das Wort ALMA hört, versteht er sowohl Jungfrau als auch Welt.
Wir sehen, wie nah sich hier die Jungfrau, die Welt, das Ewige und die Braut stehen. Die Welt trägt dieses Geheimnis und hofft auf den Moment der Einswerdung.
Dass wir jetzt schon Freude erleben, überrascht werden, sich Schicksale zum Guten wenden, Menschen unerwartet gesund werden usw., gehört zum Prinzip der Jungfrau, der Welt, die vom Heiligen her von oben her befruchtet wird. Darunter versteht man das Erhalten von Antworten aus dem Heiligen. Kausal, linear wären Antworten aus dem Verstand, die auf äußerlichen Beweisen basieren. Antworten aus dem Heiligen werden als Geistesblitz, plötzliche Einfälle, punktartiges Leuchten und als unvermischte Intuition beschrieben. Die Jungfrau ist die Frau ohne die Erfahrung einer Befruchtung nach Naturgesetz.
Es ist der Mensch, der sich bei Lebens- und Sinnfragen weniger um Fakten kümmert, sondern in großer Hoffnung und Sehnsucht lebt, dass doch alles gut wird und die Vorhersagen der Diesseitsgescheiten im Sand verlaufen werden. In dieser Gesinnung entwickelt sich dann in ihm etwas Konkretes, das zunächst einmal aussieht, wie alles andere, das in die Welt kommt, doch es ist nicht von dieser Welt. Was von dort kommt, hat die Macht und die Kraft, alles zu ändern.