Der Körper neigt immer zu dem, was man einen Trott nennt, denn ein Trott ist in Wirklichkeit ein Sich-gehen-lassen in die Vielheit und die Zerstreuung. Es ist das Farblose, das jeder tut, was ohne große Anstrengung zustande kommt und wofür sich der Mensch meist auch schämt. Deshalb ist, wenn man ehrlich sein will, immer ein revolutionärer Akt notwendig, denn der revolutionäre Akt ist etwas, was man „zur Eins kommen“ nennt. Es kann nicht mit anderen Dingen verglichen werden. Jeder Mensch hat ein eigenes Zentrum, eine eigene Eins, wohin er durchbrechen könnte, wenn er sich denn aufraffen würde. In diesem Bereich steht er dann tatsächlich als Eins der Vielheit gegenüber.
Wer sich in einem Trott mitziehen lässt, wird unmerklich und stetig immer weiter vom Weg abkommen, so wie man in einem Boot unmerklich abtreiben kann und erst nach einiger Zeit bemerkt, dass man sehr weit vom Land entfernt ist. Aber man wird nicht abtreiben, wenn man gewillt ist, etwas zu tun.
Genauso ist es im Leben. Ab einem bestimmten Moment muss man sagen: „Ich weiß, es ist schwer, aber ich muss aufwachen, werde mich am Riemen reißen und etwas tun.“ Wenn man das einmal getan hat, geht es eigentlich ganz einfach weiter. Dann wird dieses revolutionäre Wesen, wie es auch gesagt wird, zur zweiten Natur. Man lässt sich nicht mehr treiben, sondern rudert weiter und kommt gar nicht mehr auf die Idee, es nicht mehr zu tun.
Deshalb wird vom Menschen immer die Umkehr erwartet; er soll nicht weiter der Richtung folgen, die ihn niederdrückt und den Mut nimmt. Jeder Mensch hat eine Würde, die er auch selbst bewachen soll. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt, dass dieser Sohn darauf wartete, dass ihm jemand das Allernötigste zuteilwerden ließ, aber es gab niemanden, der ihm das gab, was er brauchte. Dieser Ort war nicht sein Ort. „Ich komme hier um vor Hunger“, sagt er in Luk. 15:17. Im griechischen Original sagt er wörtlich: „Ich gehe hier verloren“ (apollymi) – er befindet sich an einem Ort, der ihm rein gar nichts gibt.
Hunger macht launisch, kraftlos, mutlos, nimmt jegliche Freude am Leben. Der Ort gönnt ihm nichts. In dieser Situation hätte er vergeblich auf Besserung hoffen können. Niemand war unterwegs, um ihm zu helfen. Aber er konnte noch gehen, er war noch fähig, mit eigenen Kräften seinen Ort zu ändern. So folgt er schließlich dem Weg seiner Erinnerung, ohne einen Ratschlag von außen erhalten zu haben. Er machte alles mit sich selbst aus. Es sprach kein Gott zu ihm, kein Engel kam vorbei, noch nicht einmal ein Rabe wie bei Elia kümmerte sich um ihn. Aber er trug noch etwas in sich – eine Erinnerung.
In der Notfallmedizin fragt man bei frisch Verunfallten nach der Orientierung zu Zeit, Ort und Namen. Typischerweise fragt man praktisch: Welchen Tag haben wir heute? Diese Information geht relativ schnell verloren, wenn der Kopf bei einem Aufprall beteiligt war. Die nächste Frage ist: Wo befinden wir uns hier? Auch dazu können Patienten bei einer leichten Gehirnerschütterung kurz nach deren Auftreten selten konkrete Angaben machen. Fragt man aber nach ihrem Zuhause, kann es zu einem Treffer kommen. Als Letztes vergessen Betroffene ihren Namen. Wenn jemand darauf im wachen Zustand keine Antwort geben kann, weiß man, dass die Einwirkung auf den Kopf stärker war, als es vielleicht aussah. Interessant ist, dass, sobald etwas erinnert wird, auch die anderen Informationen meist langsam wiederkommen.
Mit dem Erinnern an das Zuhause in der erwähnten Geschichte kommt es zur Orientierung und damit zur Klarheit bei dem Sohn. Es ist der Moment, in dem man sich selbst wachrüttelt und sagt: „Jetzt ist Schluss – ich kehre um!“ Diese Umkehr in Luk. 15 ist von heftigen Zweifeln und Selbstvorwürfen begleitet, aber das alles löst sich später auf. Oft hört man Äußerungen, dass man Dinge anders machen möchte, z. B. in der Familie, im Beruf oder im Alltag, aber dass es schwer ist, mit einer bestimmten Routine dauerhaft zu brechen. Die Menschen haben Angst, die Dinge mit einem revolutionären Akt auf den Kopf zu stellen, und doch muss das getan werden, denn wenn wir es nicht tun, werden wir unwiderruflich weiter auf diesem Meer der Zerstreuung und der Vielheit treiben. Man wird auf diese Weise zunehmend in jedem Bereich an Individualität verlieren. Deshalb müssen wir uns jeden Tag bewusst machen, dass wir revolutionär sein müssen, so wie die Schöpfung jeden Tag erneuert wird, auch wenn es anders scheint. Genauso darf der Mensch nicht eine Situation weiterlaufen lassen, wenn sie ihn immer weiter nach unten zieht.
Es gibt Menschen, die in einer unerträglichen Situation ausharren, wissen nicht mehr ein noch aus, aber denken, dass das Gottes Wille ist. Wissen kann man Gottes Willen für den eigenen Lebensweg nicht, aber wissen kann man, dass der Mensch – trotz allem – die Freude suchen und teilen soll. Wer schwer trägt, singt keine Lieder mehr, hat einmal jemand gesagt. Wenn du aber nicht mehr singen kannst wie ein Vogel, was ist dann mit deiner Seele los? Was wir selbst können, sollen wir nicht von anderen erwarten.
Friedrich Weinreb sagte einmal jemandem, der vor lauter Zweifeln, was er nun machen solle und nicht mehr weiter wusste: „Verhalten sie sich so, als ob alles von ihnen alleine abhinge. Also so, als ob es keinen Gott oder irgendjemand gäbe, der ihnen helfen könnte. Es hängt jetzt ganz alleine von ihnen ab.“
Der Mensch soll es wenigstens versuchen, sich zu überwinden, und dann wird er auf einmal sehen, dass er nie alleine war, aber alles auf seinen persönlichen Einsatz gewartet hat. Mit dieser Einstellung übernimmt man plötzlich Verantwortung, was ein sicheres Zeichen für eine erlangte Reife ist. Auch wenn wir natürlich nie alleine sind, kann diese Sicht auf eine Situation eine Hilfe sein, um die Kraft aufzubringen, aus einem Trott auszubrechen, um von der Trägheit der Masse zur Vitalität der Eins zu gelangen.