Freiheit braucht verbindliche Wurzeln

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Freiheit auf der einen Seite bedeutet Gebundenheit auf der anderen Seite. Am Beispiel eines Baumes sehen wir, dass eine große Entfaltung der Baumkrone, die wir mit Freiheit in Verbindung bringen können, einen kräftigen Stamm und eine tiefe Wurzel braucht. Je stärker die Basis des Baumes ist, desto mehr kann sich der Baum entfalten. Eine große Krone, die als Basis einen dünnen Stamm und eine schwache Verwurzelung hat, würde den ganzen Baum schon bei geringen Belastungen zu Fall bringen. Es ist also gerade der unsichtbare Teil im Zentrum (Stamm) und im Verborgenen (Wurzel), der die freie Entfaltung ermöglicht. Die Verkündigung einer Freiheit ohne Anbindung im Zentrum und ohne Beziehung ins unsichtbare Verborgene ist von vornherein Ausdruck einer Unkenntnis elementarster Zusammenhänge, wie sie uns schon die Natur vor Augen stellt.

Die materielle Basis für unser Leben hier ist die sogenannte Alte Welt, die uns gewissermaßen vorangegangen ist und die durch den Menschen befreit werden muss. Diese Welt zeigt sich uns, solange sie nicht erlöst ist, als Gesetz, welches einerseits gefangen hält, andererseits aber das Fundament für die Freiheit bildet, die darüber ist. Auf der Grundlage des Gesetzes bringt Gott den Menschen in die Welt, um diese durch ihn zu befreien. Das Prinzip der Freiheit, die nur auf dem Fundament der Gebundenheit bestehen kann, findet sich wie ein Stempelabdruck in der ganzen Schöpfung. Nur wenn die Einheit von beiden Seiten erkannt wird, wird auch das Gebundene befreit. Diese Bindung, das Gesetz, erfährt der Mensch mit seinem Körper. Durch diesen drücken sich die Alten Welten aus und in ihm leben sie. Der Mensch wird, wenn er in diese Welt kommt, mit einem Körper verbunden, der dieser Erde entstammt. Voraussetzung für die Bedeutung des menschlichen Lebens ist, dass der Geist frei ist und bleibt. Deshalb sollte es auffallen, dass insbesondere im Alten Testament keine Dogmen existieren, die vorschreiben würden, was der Mensch glauben soll. Aus diesem Grund fragen viele: „Ja, was soll ich denn gemäß der Bibel eigentlich glauben?“ Man hätte gerne ein erstens, zweitens und drittens, also am besten alles fix und fertig vorgegeben, jedoch sucht man vergeblich nach einer solchen „Bedienungsanleitung“ in der Bibel. Es wäre nicht in Ordnung, wenn dem Menschen vorgeschrieben würde – und das gilt auch heute noch –, was er glauben soll, denn das gehört in den Bereich, worin jeder vollkommen frei ist. Vielmehr soll der Mensch den Weg gehen, den Gott für ihn vorbereitet hat, und im Gehen wird er die notwendigen Einsichten erhalten und erkennen, was das Gute ist.
Dabei bleibt die Freiheit in Bezug auf was, wie und wem er glaubt, unangetastet. Das ist eine ganz persönliche Angelegenheit, in die niemand einzugreifen hat. Das eigene Handeln, die Art der eigenen Lebensgestaltung werden ihm die damit verbundenen Einsichten geben. In diesem Bereich bleibt die Freiheit und das bedeutet eine Alternative zu haben und selbst Entscheidungen treffen zu können. Der Körper dagegen folgt strikten Gesetzen und wenn er das nicht täte, könnte der den Körper bewohnende Mensch nicht frei handeln.
So war und ist es auch mit der Schöpfung: Auf dem Gebiet der Gesetzmäßigkeit wurde die Freiheit des Menschen errichtet und diese seine Freiheit ist zugleich die Befreiung der „Welt der Könige Edoms“, die noch andauert. Was auf Gebundenheit basiert, bekommt die Krone der Freiheit, beide zusammen sind eine Einheit.

Die Entfaltung der Krone bedingt starken Halt an der Basis

Die Säfte fließen von einer Seite zur anderen, zusammen bilden sie ein Ganzes, wobei die Basis schließlich erkennt, welche Resultate ihre Gebundenheit ermöglicht hat. Denken wir an den Baum, dessen Krone nur durch eine feste Verbindung mit dem unteren Segment wachsen konnte.
Der moderne Mensch findet es befremdend, dass die Bibel keine Dogmen darüber aufstellt, wie er zu glauben hat, denn der heutige Mensch ist es gewöhnt, dass er vorgeschrieben bekommt, was er zu denken und zu glauben hat. Freiheit fordert der moderne Mensch hingegen für seinen Körper, dieser soll sämtliche Hemmungen aufgeben, und weil diese Art der Freiheitsliebe so stark im Menschen ist, entsteht gleichsam etwas in ihm, das ihn dort bindet, wo er normalerweise frei ist. So wird sein Geist gebunden, geschwächt und gerät in den Zustand der Unerlöstheit. Denn das Gebiet des Geistes ist gerade der erlöste Bereich, der als großes Versprechen in die gebundene Welt gesandt wurde. Für diejenigen, die nichts von der Bindung der Welt wissen, die gerade diese materielle Welt hier in ihrem Zustand des sich immer weiter Ausbreitens als Freiheit proklamieren, obwohl nur der Bereich des Geistes wirklich frei ist, ist es völlig unverständlich, dass der Mensch innerlich auf der Ebene des Geistes bereits als Befreiter hier erscheint, und deshalb wenden sie Zwang an und beenden des Geistes Freiheit, indem sie Glaubensbekenntnisse formulieren und Dogmen in Büchern verfassen, die, gründlich durchdacht, die Lächerlichkeit all dieser menschlichen Konstruktionen, die man jetzt glauben soll, offenbaren.
Wenn man die Materie, das Körperliche, den Körper enthemmt, weigert man sich zugleich, dieselbe zu erlösen. Wenn man verkündet, dass die Materie bereits befreit und erlöst ist, verhindert man die freie Entfaltung der Krone, um es mit dem bereits genannten Bild eines Baumes auszudrücken. Der Geist wird dann nicht nur in seiner Entfaltung gehemmt, sondern es kommt obendrein zu abartigen Auswüchsen unterschiedlicher Art. Die Enthemmung des Körperlichen bewirkt die Hemmung des Geistes und die Bindung des Körperlichen bewirkt die Ent-Bindung (Geburt!) des Geistes.
Wenn man also fragt: „Was soll ich nach der Bibel glauben?“, oder: „Was sagt die Bibel über Himmel und Hölle, über das Leben nach dem Tod?“ usw., dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass diese Fragen nur aus dem Kopf von jemandem kommen können, der den Weg, den die Bibel vorgibt, gar nicht wissen will, diesen Weg beiseitegeschoben hat und dass nur deshalb diese Fragen entstehen können.
Es geht darum, dass der Mensch selbst, ganz alleine, die Antworten, seine Antworten, finden soll, indem er den Weg geht. Es sind bereits alle Fragen beantwortet, doch nicht in einer Art Fragen- und Antwortenkatalog, den man zu lernen hätte, sondern durch das Handeln wie es auf dem Weg erforderlich wird, erhalten wir unsere Antworten, die für uns Gültigkeit haben. Deswegen werden wir alle ganz individuell geführt. Es wäre geradezu unsinnig, wenn die Bibel alle Antworten fertig und allgemeingültig vorgeben würde. Wo bliebe dann die persönliche Beziehung, wo bliebe meine Antwort, von der ich spüre, dass Gott selbst die Begegnung mit mir sucht? Eine Bibel, die den Geist nicht steigen lässt, sondern in Raster zwingt, wäre nichts weiter als Geschwätz. Deshalb fühlen sich moderne Menschen mehr von philosophischen Weltanschauungen angesprochen und halten bspw. indische und chinesische Bücher der Bibel gegenüber als überlegen. Bei außerbiblischen Ansätzen ist das Zwingen des Geistes selbstverständlich, und genau das ist nichts anderes als Götzendienst.


Basiert auf einem Niederländischen Artikel F. Weinrebs.