Geben ist der Seele Werk

Wenn der Teufel dich reich macht, sinkst du herab, und damit ist neben jedem Überfluss auch die Form des Wissens gemeint, die dich nicht erhebt, sondern beschwert und deinen Gang schleppend macht. Es kann sich auch um frommes Wissen handeln, um Konzepte, mit denen der Verstand spielt, aber die Seele verhungert, wenn sie auf solchen Worthülsen herumkauen muss. Göttliche Einsichten füllen die Seele und erheben sie, lassen den Geruch des Frischen das Gemüt durchströmen und geben Klarheit, wo die Vernunft keinen Weg mehr sieht.

Eine reiche Seele ist diejenige, um die sich jemand gekümmert hat, die gepflegt wurde, um derentwillen jemand vielleicht Dinge getan oder gelassen hat, worüber andere den Kopf schüttelten. Eine solche Seele gibt ohne zu fordern, weil das Geben eine Qualität der Seele ist. Der Körper hat gegenteilige Bedürfnisse: Er nimmt, er fordert, aber er kann nicht anders; was er gibt, solle man vergraben, heißt es in 5. Mose 23:14, es wird die, die keinen Weg haben, wachsen lassen.
Wirklich gerne geben kann ein Mensch erst, wenn er etwas vom Achten vernommen hat. Der 8. Sohn Jakobs heißt Ascher, 1+300+200, und dieser Name steckt auch in dem Ausruf „Glückselig!“, der auf Hebräisch aschreij, 1+300+200+10, lautet. So beginnen auch die Psalmen mit: „aschreij ha-isch“, „glückselig der Mann“ usw., aschreij kann man auch mit „mein Glück“ übersetzen – das klingt nicht nur sehr persönlich, sondern ist es auch! Im NT lesen wir das aschreij zum ersten Mal in Matth. 5,3: „Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel“, als Auftakt der sog. Seligpreisungen. Das griech. Wort für selig oder glückselig ist μακάριος (makarios), das auf μακρος (makrós) zurückgeht, welches nicht nur „lang“ bedeutet, sondern wesentlich für die Ausdehnung im Raum steht, was uns direkt ein Paradoxon vor Augen führt: Wenn man „arm im Geist“ vom Hebräischen her liest, so kann man auch von einem „komprimierten Geist“ sprechen, denn „arm“, ani, 70+50+10, stammt von anah, 70+50+5, das auch „unter Druck setzen“ bedeutet. Ein Geist, ruach, 200+6+8, ist ebenso „bewegte Luft“, aber bewegte Luft lässt sich nicht unter Druck setzen, komprimieren, es sei denn, man fängt sie in einen geschlossenen Körper ein.
Das ist unsere Ausgangslage, wenn wir hier als Menschen in einem Körper erscheinen. Doch mit dem ersten aschreij könnte man sagen: „Vom Achten her hast du jetzt schon den Himmel, dort bekommst du so viel Raum zur Entfaltung, dass es das Vorstellbare übersteigt. Träume, wage, erhebe dich!“ In dieses Sinnbouquet flicht sich auch der Vers „geben ist seliger als nehmen“ ein (Apg. 20:35c), weil es dem Wesen und Charakter des Achten zu eigen ist, also zu agieren.
Eva „nimmt“, lakach, 30+100+8 (= 138). Sie steht für das Körperliche des Menschen, das nehmen muss, obwohl es irgendwie weiß, dass es anders sein müsste. Man stolpert fast darüber, dass das Nehmen im Hebräischen denselben Zahlenwert wie das Wort „Tröster“ hat (menachem, 40+50+8+40 = 138), und die 2. Seligpreisung in Matth. 5:4 auch vom Trost handelt. Getröstet werden sollen die Trauernden, die dem Worte nach diejenigen sind, bei denen „etwas zur Ganzheit fehlt“. Wenn etwas fehlt, spielen Geben und Nehmen eine wichtige Rolle. Das Gleichgewicht zwischen beiden wird durch das aschreij, den Segen und das Glück des Achten erreicht, man könnte auch sagen, es wird geheilt. Das gilt nicht nur für zwischenmenschliche Beziehungen, sondern auch für Bereiche in uns selbst, die wir nicht beachtet haben, die wir eingesperrt haben – der Mensch soll seine Seele nicht binden, er soll sie nähren und ihr Raum geben.

Womit ist wohl diese Welt zu vergleichen? Mit einem Schöpfrade im Garten, an welchem tönernes Gerät ist. Die unteren steigen voll in die Höhe und die oberen sinken leer hinab. Ebenso ist nicht jeder, der heute reich ist, es auch morgen und nicht jeder, der heute arm ist, ist es auch morgen. Warum? Weil die Welt ein Rad ist, vergl. Deut. 15,10: „Denn wegen des Rades (galal) dieser Sache.“ R. Acha sagte: Die Welt ist ein Rad, wie es heißt Spr. 20,26: „Ein weiser König kehrt die raschim (Gottlosen) über das Rad um (schuv).“
Unter ophan, 1+6+80+50 ist nichts anderes als galgal, 3+30+3+30, Rad, zu verstehen vgl. Ex. 14, 25: „Und er stieß das Rad von ihren (der Ägypter) Wagen.“

Midrasch Schemot

Der Gottlose ist ein „raschá“, 200+300+70. Rückwärts gelesen (oschér, 70+300+200) bedeutet das Wort „Reichtum“, und noch ein wenig mehr kann man sehen, denn es ist eigentlich dasselbe Wort wie ascher (1+300+200), nur dass es mit der 70, statt der 1 beginnt. Der Reiche per se hat statt der Einheit (1) die Vielheit (70) mit der 500 (300+200) verbunden, woraus dann im Wort sogleich die Gottlosigkeit erscheint.
Stellen wir die 70 ins Zentrum, erhalten wir ra’asch, das ist der Lärm, das (Erd)Beben und die Erschütterung. Mit der 1 im Zentrum lesen wir rosch, 200+1+300, das Haupt. Der Achte hängt schon sprachlich nicht nur mit der Erlösung zusammen, sondern auch mit dem Haupt und dem Glück und aus diesem heraus handelt ein Mensch nicht (mehr) unter Druck, sondern als Befreiter, der gerne dazu beitragen will auch andere zu befreien.

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Autor: Dieter Miunske