Geburt und Tod

Zwei Geschichten, die Tod und Geburt aus dem Blickwinkel von Schiffen darstellen, die in den Hafen fahren oder diesen verlassen.

Ein Schiff segelt hinaus und ich beobachte wie es am Horizont verschwindet. Jemand an meiner Seite sagt: „Es ist verschwunden.“
Verschwunden wohin? Verschwunden aus meinem Blickfeld – das ist alles.
Das Schiff ist nach wie vor so groß wie es war als ich es gesehen habe. Dass es immer kleiner wird und es dann völlig aus meinen Augen verschwindet ist in mir, es hat mit dem Schiff nichts zu tun.
Und gerade in dem Moment, wenn jemand neben mir sagt, es ist verschwunden, gibt es Andere, die es kommen sehen, und andere Stimmen, die freudig aufschreien: „Da kommt es!“ Das ist sterben.

Charles Henry Brent  * 1862   † 1929
Altes Schiff auf dem Meer
Fahrt in eine Welt, die der Mensch nicht überblickt.

Zwei Schiffe segeln zu gleicher Zeit im Meere; das eine verläßt den Hafen, das andere fährt in den Hafen ein. Dem, das aus dem Hafen hinausfährt, macht eine Gesellschaft von Freunden ein frohes Fest und mit Händeschlagen und Freudengeschrei begleitet sie seine Abreise. Von dem, das wieder hineinfährt, schweigt Alles. Ein verständiger Mann, der ein Zuschauer dieser Szene war, sagte: »Hier geschieht ganz das Umgekehrte, als geschehen sollte. Man feiert den, der abreist und nimmt gleichgültig auf den, der zurückkehrt. Arme Getäuschte! Feiert vielmehr das Schiff, das seine Reise vollbracht hat und gerettet von den vielen Gefahren, denen es begegnet, zurückkehrt; und beweinet das Schiff, das abreist und den Stürmen des unbeständigen Meeres entgegen segelt.« So, wenn der Mensch geboren wird, macht man ein Fest und man weint, wenn er stirbt. Man sollte vielmehr weinen, wenn er geboren wird, da man nicht wohl weiß, ob er wissen wird, die Gefahren und die Verführungen des Lebens zu besiegen; und man sollte lachen, wenn er stirbt, wenn er einen guten Namen hinterläßt. Der Mensch, wenn er geboren wird, wird in das Buch des Lebens eingetragen.

Midrasch Koheleth