Gib das, was du liebst, nicht auf!

Jakob ist 20 Jahre bei Laban. Dorthin hatte ihn seine Flucht vor seinem Zwillingsbruder Esau geführt. Er wusste, dass er an diesem Zufluchtsort keine bleibende Stätte hatte, aber es ergab sich eines zum anderen, und so fand er weder Zeit noch Kraft, die Fremde zu verlassen.

Lange können Menschen widrige Umstände verkraften – nicht weil sie diese mögen –, sondern weil ihnen die Kraft fehlt, diesen zu entfliehen. Man ist hin- und hergerissen, erwägt Möglichkeiten, aber weder gibt es einen richtigen Zug noch einen Druck, um sich endlich in Bewegung zu setzen.
So dümpelte Jakob vor sich hin, bis 10 Söhne und eine Tochter geboren waren; längst war alles zur Routine geworden, und längst hatte er sich mehr oder weniger mit seinem Schicksal in der Fremde abgefunden. Da passierte das Unerwartete: Die Frau, um derer willen er ohne Lohn gearbeitet hat, wird schwanger und gebiert einen Sohn, dessen Name Joseph „es komme noch einer“ bedeutet.

Allgemeiner gesprochen entsteht aus der Verbindung zu dem, was er liebt, etwas Konkretes und Begreifbares. Rachel wird als Verkörperung der konkreten Welt gesehen, wie sie Gott in großer Pracht und Schönheit gebildet hat. Leah steht für die Welt der Verborgenheit, die auch als „Welt der Gedanken“ beschrieben wird, die den Menschen traurig macht, was sich in Leahs Augen ausdrückt. Dieses Denken ist erstaunlich fruchtbar, viele Kinder kommen aus ihr hervor. Vieles kommt durch unser Grübeln und Denken zustande, aber selten erwächst aus der Konsequenz eine durchbrechende Kraft, die den nötigen Schub verleiht, das ermüdende Umfeld zu verlassen.

Ein Dienen aus Liebe ermüdet nicht, sondern gibt Kraft, um noch mehr umzusetzen. Warum ist das ein solcher Gegensatz gegenüber dem Dienen um Lohnes willen? Weil dieser Dienst, der aus einer Liebe heraus geschieht, auf jemanden bezogen wird. Er ist verbindlich, denn er verbindet mit dem geliebten Gegenüber. Joseph hatte eine so starke Wirkung auf Jakob, dass er ihn direkt aus seiner Lethargie riss.

Im Namen Joseph (יוסף) steckt auch das Wort „Schwelle“, saf (סף), und das „Ende“ steckt ebenso darin (סוף). Mit Joseph wird eine Schwelle durchbrochen. Ein scheinbares Nicht-Enden-Wollen eines Zustandes, der immer unerträglicher wurde, findet ein Ende, das längst hätte sein können – wenn nicht der Mut gefehlt hätte.

Manchmal fehlt uns für einen Schritt im Leben, der längst überfällig ist, die Geburt eines solchen Josephs. Sein Name wird auch so gesehen, dass nun alles Profane in das Kleid des Heiligen gehüllt wird. Dem scheinbar belanglosen Irdischen wird jetzt etwas „hinzugetan“, ja, „es komme noch einer“. Eine Angelegenheit bleibt nicht ohne Bedeutung, sondern „es kommt noch einer hinzu“, sodass jede Angelegenheit zu etwas Heiligem wird.

Aus der Sicht Jakobs kann gesagt werden:
Bleibe dem, was du wirklich liebst, verbunden (Rachel), dann wird schließlich aus dieser Verbindung auch die Frucht (Joseph) kommen, die dir den Mut gibt, Umständen zu entfliehen, die einst deine Zufluchtsstätte waren. Im Umfeld Labans kennt man kein Handeln aus Liebe. Es gibt viele Orte auf der Welt, wo sich alles nur um Profit dreht. Aus allem muss ein Geschäft gemacht werden. Man lacht dort nur, wenn die Münzen klingeln. An einem solchen Ort, an dem man es am wenigsten erwartete, entdeckt Jakob seine Rachel und sie erkennt ihn. Sie erkannten sich nicht durch Partnertests, Gutachten oder Empfehlungen, und harte Fakten spielten auch keine Rolle.
Sobald wir lieben, hören wir auf zu rechnen. Jedes Abwägen wäre in einem solchen Fall eine Kampfansage an unser eigenes Schicksal. Liebe kann man nur zulassen. Sie ist ein Feuer, das die Menschen zu Dingen antreibt, die keine Berechnung dieser Welt, keine Leah, zuwege gebracht hätte.
Im Propheten Obadja heißt es (1:18):

„Das Haus Jakobs wird ein Feuer sein und das Haus Josephs eine Flamme, das Haus Esaus aber zu Stoppeln.“

Jakob wusste: Er selbst ist das Feuer – es brennt heiß, aber es braucht eine Flamme, um sich auszubreiten und Distanzen zu überwinden. Joseph ist diese Flamme.

Wofür brennst du? Was lässt dich nicht kalt? Nur daraus wird etwas geboren, das deinen Alltag in das Kleid des Heiligen hüllt, sodass das scheinbar Vergängliche in der Präsenz des Ewigen erkannt werden kann.

Dieselben Taten – auf einmal voller Kraft.
Dieselben Worte – auf einmal durchdringend und belebend.
Dieselben Gaben – auf einmal als vom Himmel kommend erkannt.

Es komme noch einer!