Gott heilt dich mit dem, womit er dich geschlagen hat

Nicht wie der Menschen Art ist des Herrn Art. Der Mensch schlägt Wunden mit einem Messer und heilt sie mit einer Salbe. Nicht so der Herr; womit er schlägt, damit heilt er auch. Träume waren daran schuld, dass Joseph nach Ägypten verkauft wurde, und ein Traum war es, durch den er zur Herrschaft gelangte.
Pharao sprach zu Joseph: Ich sah einen Traum und habe keine Deutung für ihn; ich hörte von dir sagen, dass du jeden Traum lösest, den man dir erzählt. Joseph erwiderte darauf: Das steht nicht bei mir, sondern bei Gott.
So gab er den Herrn als den alleinigen Urheber alles Großen aus. Darauf sprach Gott: Du wolltest dich nicht deiner Gaben rühmen; bei deinem Leben, dafür sollst du zur Höhe und Herrschaft gelangen. (Sagen der Juden)

Manchmal vergehen Wochen, Monate oder gar Jahre, bis wir an einen ganz bestimmten Punkt kommen, an dem offenbar wird, ob uns unser Schicksal formen konnte oder ob wir mit Verdruss zurückblicken und sagen: „Ach, hätte ich nur dies und das; das hätte anders kommen müssen“; oder wir machen andere verantwortlich für unseren Werdegang.

Nach 144 Monaten Gefangenschaft war Joseph an einem solchen Punkt. Er stand vor dem Pharao als „Experte für Traumdeutung“ und hätte begründet als solcher auftreten können. Eine Ansage wie: „Na, lass mal hören, Pharao, ich kenne mich aus, wie ich hinreichend bewiesen habe, drum werde ich dir auch sagen können, was deine Träume zu bedeuten haben“, hätte er ohne Widerspruch vorbringen können. Die Welt applaudiert solchen Leuten, die etwas vorweisen können und wie ein stolzer Gockel einherschreiten, geschmückt mit Wimpel, Lametta und vielen Urkunden.

Joseph erkannte, dass jede Gabe zuvor gegeben worden war, und das aus Gründen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben. Sein schweres Schicksal begann mit einem Traum, und Träume waren es, die sein Schicksal wendeten. Träumen heißt chalam (חלם) und dasselbe Wort bedeutet auch, gesund werden lassen. So wird es bspw. in Jes. 38:16b verwendet:

„Und du machst mich gesund und erhältst mich am Leben.“

Diesen Vers kann man aber auch anders lesen, nämlich: „Du lässt mich wieder träumen!“ Oder etwas freier: „Meine Lebendigkeit erkenne ich daran, dass ich wieder träumen kann!

Gemäß dem Kommentator Or HaChajim ist in der jüdischen Mystik Krankheit nicht nur ein physischer Defekt, sondern ein Zustand von Katnut HaMochin (Verengung des Bewusstseins). Wenn du leidest, schrumpft deine Welt auf den Schmerz zusammen. Du hast keine Visionen mehr, keine Zukunftspläne – du hast keine Träume mehr. Heilung bedeutet Gadlut HaMochin (Erweiterung des Bewusstseins). Und was passiert, wenn das Bewusstsein sich erweitert? Der Mensch fängt wieder an, über die Gegenwart wohlwollend hinauszusehen. Er beginnt zu visionieren – zu träumen! Der vielleicht berühmteste Beleg für diese These steht in Psalm 126:1, wo es um die endgültige Heilung und Erlösung aus dem Exil (Galut) geht:

„Wenn der Ewige die Gefangenen Zions zurückbringen wird, dann werden wir sein wie Träumende (k’cholmim).“

Lesen wir weiter in Jesaja 38, sehen wir im nächsten Vers (17) den Zusammenhang noch deutlicher:

„Siehe, zum Heil (שלום) wurde mir bitteres Leid.“

Schalom (שלום) bedeutet in erster Linie Vollständigkeit; diese beinhaltet Frieden und Heil. Das „bittere Leid“ lautet im Original mar li mar (מר לי מר), wörtlich also „bitter zu mir bitter“. Dieser Ausdruck kommt nur an dieser Stelle in der gesamten Bibel vor. Auf Joseph bezogen ist es irgendwann seine Einsicht, dass das Bittere nicht als Strafe, sondern zur Heilung gesandt wurde.
Das ist ein ganz anderer Charakter als das anklagende „Das hätte nicht passieren dürfen …“. Die Dinge kommen, wie sie kommen, und nur in dieser Annahme erfährt Joseph den Sinn seines Schicksals.

Es kommt zu diesem einen Moment, an dem er vor Pharao steht und sich alles entscheidet, und er zeigt in Wort und Tat, dass seine Überheblichkeit in der Mühle Ägyptens nachhaltig gebrochen wurde. Zwei Jahre zuvor wollte er Gott noch ein wenig nachhelfen, weil er dachte, er hätte ihn vergessen. Er gab dem Mundschenk den Auftrag, doch ein Wort für ihn bei Pharao einzulegen. Wegen dieser „Nachhilfe“ wurde seine Gefangenschaft um zwei Jahre verlängert, heißt es. Joseph wird als eitler Schönling beschrieben, der böse Gerüchte über seine Brüder erzählte und seine Träume als Herausstellungsmerkmal triumphierend vorbrachte.

Die Überlieferung sagt, dass er eine gigantische Seele aus der höchsten geistlichen Welt (olam atzliuth) hatte, diese aber in ein rohes, ungeformtes Gefäß voller Egoismus und Überheblichkeit kam. Der Midrasch Tanchuma erklärt, dass Joseph im Gefängnis lernte, was absolute Hilflosigkeit bedeutet. Er war kein stolzer Träumer mehr, sondern ein vergessener Sklave. In Kanaan redet er mit starker Betonung seines Ichs: Ich, ich, ich, meine, meine, mir … Ständig kamen diese Worte aus dem Auspuff seines Arroganzmotors. Doch als er vor Pharao steht, sagt er ein gewaltiges Wort, das die Signatur seiner Heilung ist: Bilʽadai! (בלעדי) „Ohne mich! Nicht ich! Es steht nicht bei mir!“ (Genesis 41:16). Joseph hatte im Gefängnis die Stufe des bittul (der völligen Selbstannullierung) erreicht.

Er verstand, dass er selbst nichts ist, sondern nur als Mittler für das fungiert, was Gott durch ihn wirken wollte. „Das Wort bilʽadai zeigt, dass er sein eigenes Ich komplett ausradiert hatte.“ (Or HaChajim) Es war überhaupt das erste Wort, das er gegenüber Pharao sagte.

Erst als der falsche Ich-Bezug gebrochen war, konnte Gott ihn in diese Position bringen – es bestand keine Gefahr mehr, dass er diese missbrauchen würde. Pharao hörte genau hin, als Joseph das Verdienst von sich wies, und greift den Ausdruck „ohne mich“ in Vers 44 (ebd.) wortwörtlich wieder auf und sagt zu Joseph:

„Ich bin der Pharao, und ohne dich soll kein Mensch seine Hand oder seinen Fuß aufheben im ganzen Land Ägypten.“

Jetzt regierte Joseph Ägypten, aber Ägypten regierte nicht mehr über ihn. Wie trefflich bewahrheitet sich hier der Vers Spr. 16,7:

Wenn jemandes Wege dem HERRN wohlgefallen, so macht er auch seine Feinde mit ihm zufrieden.

Solange wir uns selbst als Ursache für die Dinge halten, die durch uns geschehen sind, bleiben wir weiter gefangen wie Joseph und es werden zwei weitere Jahre ergänzt. Die Gefangenschaft in Ägypten ist ewig; Josephs Inhaftierung wurde nicht mit einer festen Zeit belegt. Er weiß auch nichts von zwei weiteren Jahren. Alles, was er sieht, ist, dass ihm niemand eine Befreiung in Aussicht stellt. Alle schienen ihn vergessen zu haben.

Wenn jemand an uns appelliert, wenn wir gerufen werden und wir sagen: bil’ʾadai (ohne mich, ohne mein Zutun), dann ist das der Ausgangspunkt zur Wende unseres Schicksals. Die Echtheit dieses Ausdrucks misst sich daran, ob wir Zusammenhänge erkennen, die in keiner Schule dieser Welt durch Fleiß zu erwerben sind. Pharao ist der Prüfer und Josephs Rede ist „gut in seinen Augen“ (Vers 37). Dass eine Rede gut in den Ohren ist, würde man erwarten, aber in den Augen? Hierzu heißt es, dass das „böse Auge“ (עין רע) im Hebräischen denselben Zahlenwert hat, wie die Jahre der Gefangenschaft für Israel, also 400. Der Herrscher Ägyptens ist Pharao, der auch Träger des „bösen Auges“ ist. Damit sind der neidische Blick und das Nicht-Gönnen gemeint. Dass die Rede „gut in seinen Augen“ war, bedeutet das Ende des Neides. Er war nicht neidisch auf Joseph, und das zeigte sich abermals hinsichtlich der Brüder Josephs, denn hier kommt der Ausdruck erneut vor (Gen. 45:16). Wenn wir anfangen, Dinge tatsächlich zu verstehen, verlieren wir den verurteilenden Blick und bekommen sanfte „gute“ Augen, die signalisieren, dass wir das Gute ohne Hintergedanken gönnen. Das ist weder Aufforderung noch Leistung, sondern passiert von selbst, weil das Ewige uns durchdrungen hat. Jetzt stellt der Körper seine Ansprüche hintenan. Er hat verstanden, dass er ohne Seele untergeht, dass sie es ist, die seinen Fortbestand sichert.

Unser Schicksal ist weder Willkür, noch eine Frage der Vernunft. In dem, was uns Schmerzen zugefügt hat, liegt die Antwort auf unsere wichtigsten Fragen. Schwere Antworten sind wie große Früchte, die die Äste des Baumes herabziehen. Die großen Antworten auf unsere Fragen kommen, sobald wir sie tragen können.

Und das Wort war gut in den Augen des Pharaos und in den Augen aller seiner Diener.
(Gen. 41:37)