Haflaga – Spaltung im Tal

Seele und Körper werden getrennt

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Das dor ha-flaga (die Generation der Spaltung) wollte den Himmel mittels spezifischer irdischer Materialien erobern, was zu dessen Teilung und Spaltung führte. Das ist eine sehr wichtige Phase in der Geschichte der Welt und ebenso in der persönlichen Geschichte jedes Menschen. Bevor dieses Ereignis stattfand, war die ganze Welt 1; die Sprache war 1 und die Worte waren 1, wie in 1. Mose 11 ausdrücklich erzählt wird. Der Sinn der Dinge war also sofort offensichtlich, und es konnte kein Missverständnis über die Natur der sichtbaren Welt geben. Dann aber, so wird erzählt, wanderte die Menschheit aus dem Osten ein.

1. Mose 11,2: Und es geschah, als sie von Osten wegzogen, da fanden sie eine Ebene im Land Sinear und wohnten dort. „Von Osten“ ist im Hebräischen miqedem, 40-100-4-40. Die mem als vorangestellte Präposition bedeutet niemals „nach“, sondern immer „von etwas weg“. Um auszudrücken, dass man sich „zu etwas hin“ bewegt, wird die lamed, 30, vorangestellt.
Beispiel: „Ihr werdet zurückkehren (teschuwah) zu eurem früheren Stand („zu kedem“, l’kadmat‘chen, 30-100-4-40-400-20-50).“ (Hesekiel 16:55 am Ende)

Diese gingen also den Weg der Zeit und fanden dann ein Tal im Land Schin‘ar (1. Mose 10:10, Schin’ar, 300-50-70-200, oft mit „Sinear“ in den Übersetzungen zu finden) und ließen sich dort nieder.
Typisch ist das Finden eines Tales, wenn man mit der Zeit geht. Ein Tal ist ja eine Vertiefung in der Erde, was bedeutet, dass in einem Weltzustand einer niedrigeren Dimension ein Ereignis in der Zeit stattgefunden hat, das einschneidender war als der normale Verlauf und dadurch wurde eine Falte [nach unten] in der Erde verursacht. Ein Berg ist eine Falte [nach oben], die von der männlichen Seite verursacht wird, ein Tal von der weiblichen. Man vergleiche hierzu auch Tal, Mulde und nekewah, 50-100-2-5, das Wort für Frau, das ebenfalls Mulde, Höhle bedeutet.

Ein Tal zu finden ist also identisch mit einem Zeitalter, das vom Weiblichen, vom Kreis, von der Manifestation abseits des Wesens [Kerns] bestimmt wird. Dies ist übrigens auch die Folge des Weges der Zeit. Und das Land Schin‘ar fängt mit schin-nun, 300-50, dem Begriff für Zahn an, die typische 3 ½, die immer mit der Zeit erscheint.

1. Mose 11,2: Und es geschah, als sie von Osten auszogen, da fanden sie eine Ebene, bik’a, 2-100-70-5, im Land Sinear und wohnten dort.

bik’a: Spaltung, Riss, Einbruch, Senke, Öffnung, weites Tal, Tiefebene, siehe Psalm 104,8: die Berge (har, 5-200) erhoben sich (alah, 70-30-5), es senkten (jarad, 10-200-4) sich die Täler (bik’a, 2-100-70-5) – an den Ort, den du ihnen festgesetzt hattest.

Finden, mazá, 40-90-1, heißt, du hast danach gesucht.

Das ist der Weg der Welt, dass sobald etwas aus dem Ursprung heraustritt und in die Zeit kommt, es zu einer vollständigen Ausbreitung kommt. Wenn aus der 1 die 2 hervorkommt, ist die Ausbreitung da. Die 2 beinhaltet schon die 3, die 3 die 6 usw. die Reihe entwickelt dann unendlich. Der Ursprung war also auch hier von der 1, denn die Sprache und die Worte waren 1.
Und wenn man sich einmal auf dem Weg der Zeit befindet, sagt man zueinander: „Lass uns mittels des Feuers Steine machen“. Man nahm den Lehm aus dem Wasser und brannte ihn. Die lewenim, 30-2-50-10-40, Ziegelsteine, wurden zu awanim, 1-2-50-10-40, Steinen, Produkten, zu etwas das Form war.
Man vergleiche hierzu das Wort für Sohn, ben, 2-50, mit laban, 30-2-50 (strahlendes Weiß), als typische Erscheinungsformen gegenüber ewen, 1-2-50 (Stein), der gerade in dieser Welt das Einswerden gibt. Der chemar, 8-40-200 (Asphalt) wurde zum chomer, 8-40-200 (Lehm), also alles, was im Wesentlichen fließend war und deshalb in den Bereich des äußeren Kreises gehört, wurde von ihnen als Kern deklariert, als „Zentrum des Seins“ ausgerufen. Und mit diesem Material wollten sie einen Turm von der Erde bis zum Himmel bauen und diesen erobern. Es ist die Suche nach dem Weg zur 1 über die Ausbreitung, über den Kreis, das, was immer von der Menschheit und von jedem persönlich getan wird. Ausdrücklich sagt man zueinander „na‘ässeh lanu schem“, lass uns einen Namen machen, einen Kern machen [1. Mose 11:4].
Man wollte auf diesem Weg einen [eigenen] Kern machen, einen [neuen] Kern finden und wollte diesen Weg sehr konsequent gehen. Sie gingen nicht von dem Kern aus, der uns gegeben wurde, sondern suchten das Wesen der Dinge im Äußeren. Man vergleiche hiermit den Weg der Welt seit der Renaissance, die ebenfalls konsequent das Wesentliche in der Erscheinung der Dinge suchte. Wer auf diese Weise sucht, wird erleben, dass das Prinzip der 1 sich in eine enorme Vielheit bei ihm selbst zerteilen wird. [Der Mensch geht dann seines inneren Bezugspunktes verlustig.]
Dies geschah auch bei dem hier besprochenen Turmbau zu Babel. Die Naturkunde, die 1 war, weil der Glaube und das Wissen 1 war, wurde in viele Bereiche aufgeteilt und diese Bereiche wurden weiter in viele Spezialgebiete aufgeteilt.
Es ist mittlerweile so weit, dass es Spezialisten für bestimmte Teile des Gehirns gibt. Und dieser Weg wird, wenn er konsequent weiterverfolgt wird, zu einer noch weiteren Spezialisierung führen. Von Osten kommend, wird der Kreis immer größer. Denn wenn man in der Reihe der Elemente von Ost nach West geht, gibt es auch den Abstieg zum 4. Element, der 4. Welt, der Erde.
Der Osten ist wie der Kern und der Weg nach Westen wird durch den Kreis um den Kern herum gebildet. Und je weiter man nach Westen geht, desto größer wird der Kreis und desto schwieriger wird es für eine Person, einen großen Teil dieses Kreises zu kontrollieren. Selbst wenn das Gedächtnis und das Denkvermögen enorm zunehmen würden, wird es dennoch immer unmöglicher, auch nur einen Bruchteil der Wissenschaft allein zu beherrschen.
Dieser Weg wird uns bereits in der Haflagah erzählt [Geschichte vom Turmbau zu Babel. Das Wort ha-flaga kommt von peleg, 80-30-3, und bedeutet „Die Spaltung“]. In gutem Glauben, könnte man sagen, begannen die Menschen, den Himmel zu suchen, und suchten ihn mit irdischen Materialien, mit dem Feuer, das sie selbst machten, wie ausdrücklich gesagt wird.
Als man damit begann, stieg Gott herab, um zu sehen, was geschah. Es ist wieder eine Wiederholung in einem nächsten Kreis des Schöpfungsereignisses. Als Gott bei der Schöpfung den Weg der Zeit machte, den ersten Kreis machte, so dass der Weg begann, von Osten nach Westen zu gehen, stieg er auch selbst hinab, um zu sehen, was da war und machte dann auch den Bruch. Die Zeit darf nie 1 bleiben, die Zeit muss gebrochen werden, damit die 1 wieder erreicht werden kann. Das Wissen um das Wesen der Dinge ging verloren, der Kern wurde verborgen und ging in die Verbannung. Die Form ist entstanden und Form bedeutet, dass das Wesen verborgen ist. Sichtbar ist der äußere Kreis, die äußere Erscheinung und nach dem Äußeren allein urteilt man und wird man beurteilt [wenn man selbst „Turmbauer“ ist].
Es wird gesagt, dass zur Zeit der haflagah der Turm in drei Teile geteilt wurde:

  1. Ein Teil wurde vom Himmel verbrannt
  2. Ein Teil versank in der Erde
  3. Ein Teil blieb sichtbar

Das ist die Dreiteilung, die die ganze Materie und diese ganze Welt erhalten hat. Die Schöpfung erfolgte in einer Dreiheit, ebenso ist das [hebräische] Wort aus einer Dreiheit aufgebaut.
Im gleichen Sinne verhält es sich mit dem Sinn und der Logik. These, Anti-These und Synthese sind der einzige Weg, um Dinge zu begreifen. Aber es kann nur einen der drei geben, die anderen beiden können nur gedacht werden. Diese Dreiteilung bedeutet die Schaffung der 2, der beth, und das bewirkt, dass alles in einem unendlichen Bruchteil, in einer unendlichen Zerteilung erscheint.
Es konnte nicht anders sein, als dass die Wissenschaften diesen Bruch erleben mussten, nachdem sie versucht haben, sich einen schem, einen Namen zu machen, indem sie ausschließlich über die Welt und mit der Welt den Weg zur 1 finden wollten. Sobald man den Schem-Namen, den wirklichen Namen, beiseite lässt, sobald man den Weg vom Osten in die Zeit gehen will, muss dieser Weg kommen.
Bemerkenswert ist, dass die haflagah am Ende des 2. Jahrtausends nach der Schöpfung stattfand. Die mabbul [Sintflut] fand im 17. Jahrhundert statt. Wir sehen diese Beziehung in jedem Zeitzyklus. Es ist hier nicht der Ort für genaue Berechnungen, aber es soll genügen, auf den Beginn der sogenannten Renaissance hinzuweisen, etwa im 15. und 16. Jahrhundert. Die große Schlacht um die Erde fiel ebenso in das 17. Jahrhundert, wie Europa auch im 17. Jahrhundert bricht. Der Weg zur haflagah wird immer intensiver und wird um das Jahr 2000 herum seinen Höhepunkt haben.
Diese Gesetzmäßigkeit des Eintretens in die Zerstreuung [Aufteilung, Zerteilung, Ausbreitung] wiederholt sich überall dort, wo Zeit auftritt. Wir können es auch in den Körperfunktionen beobachten. Übrigens auch im gesamten körperlichen Leben und dem damit verbundenen Denken. Bei ca. 1/3 der Zeit nimmt die Zerstreuung eine deutlichere Form an und findet am Ende ihren Höhepunkt. Der Baum der Erkenntnis erschien auch im 3. Teil der 3 Tage der Schöpfungseinheit, wie es in der folgenden Grafik ersichtlich ist.

Systematik Genesis
Systematik der Genesis / Grafik: Dieter Miunske

Bei der haflagah handelt es sich um die Generation von Peleg, der bereits den Namen der Teilung trug. Bei ihm ist auch der Name des in der Zeit erscheinenden Gottes genau zweigeteilt, denn bis Peleg gab es zwei Geschlechterreihen, einmal mit 10 und einmal mit 5 Generationen [10-5] und nach Peleg waren es wiederum zwei Reihen, die erste mit 6 und die zweite mit 5 Generationen [6-5]. Zusammen ergeben sie den Namen Gottes JHWH, 10-5-6-5.
Nicht nur die 10 Generationen seit Noach sind zweigeteilt, sondern auch die gesamten 26 Generationen [bis zur Offenbarung am Sinai] sind zweigeteilt. Auch der Name Gottes, die 10-5-6-5, kennt diese Einteilung in 10-5 und 6-5. Diese Zweiteilung ist der Weg der Ausbreitung, der Weg, der zu immer weiteren Kreisen führt und der schließlich über die Spezialisierung zum Untergang dieser Welt führt, der aber auch in der Sichtbarkeit der Erscheinung Abrahams um die haflagah endet, also der Frucht, die an der Bruchstelle des Zeitbaumes erscheinen wird.
Die haflagah war ein sehr wichtiger Punkt im Leben Abrahams, wo er sozusagen als Frucht abfällt, sich vom Baum löst, so wie ihm gesagt wurde: „Geh aus deinem Land und verlasse deinen Geburtsort, das Haus deiner Väter usw.“, also ein völliges Lösen vom Bisherigen, so wie die Frucht des Baumes, die ihre Zeit, ihre Erfüllung gehabt hat, loslässt.
[Die Frucht lässt den Baum los, nicht umgekehrt. Ebenso gibt das Ungeborene den Impuls die Wehen zur Geburt auszulösen.]

Dann beginnt ein neues Leben, ein neuer Zyklus, wobei aus dem sündigen Land, aus der Welt, die den Weg der Spezialisierungen gegangen ist, doch die konzentrierte 1 hervorzukommen scheint, weil sie offenbar daran haftet, wie eine Frucht am Äußersten eines Baumes befestigt ist.
Abraham geht aus der Region von Babel, aus der Region jenseits der Flüsse und kommt in einer anderen Beschaffenheit als konzentrierte 1 in den Westen und nach Mizrajim. Auch dies ist eine Gesetzmäßigkeit, welche in die Schöpfung hineingelegt ist. Wir können dies einerseits in der Thora nachlesen, andererseits können wir es in den Ereignissen der Welt zurückverfolgen.


In allen Dingen spaltet sich das Bild vom Wesen ab. Die Lebenszeiten der Generationen spalten sich – nach Peleg werden sie halbiert. Es herrscht das große Sterben. Der Leib wird von der Seele getrennt, die Wohnorte der Menschen spalten sich, diese selbst werden geschwächt und verstreut. Und auch der „Turm“, der Weg, um mit irdischen Maßstäben und mit irdischen Möglichkeiten den Himmel, das Wesen der Dinge zu erreichen, wird gespalten. Alles ist wieder das Muster des Untergangs einer Welt.
Doch auch jetzt gibt es ein Überleben. Bei der mabbul (Sintflut) sahen wir, dass Noach mit dem „Wort“ überlebte. Nun geschieht es über Schem, der nicht vom Baum der Erkenntnis nehmen wollte, dass das Weiterleben stattfindet.

Friedrich Weinreb, Schöpfung im Wort, S. 511

Die Erzählung vom Turmbau zu Babel beinhaltet auch die Spaltung der Menschen untereinander, die sich bis hin zur Unversöhnlichkeit vertieft. Man findet keine Möglichkeit mehr, um die zwischenmenschliche Kluft zu überbrücken. Ganz praktisch hat man sich nichts mehr zu sagen. Auch die Spaltung der jungen und der alten Menschen hängt damit zusammen, dass der Mensch versucht, sich selbst zu verwirklichen wobei ihm jedes Mittel recht ist. „Sie waren auf der Suche nach sich selbst“, heißt es in einem alten Kommentar von Shabbethai ben Joseph Bass. Diese Suche bedeutet „mit der Zeit zu gehen“ (von Ost nach West) anstatt gegen die Zeit zu gehen, was der teschuwah (Umkehr) entspräche.
Raschi weist darauf hin, dass die Menschen aufgrund der Erfahrung mit der Sintflut Angst hatten vor kosmischen Ereignissen und der Turm der erste von insgesamt vier Türmen sein sollte, die als Stützen gegen eine „Himmelserschütterung“ dienen sollten.
Einerseits möchte man den Himmel erobern und kontrollieren, andererseits hat man Angst vor dem Himmel, der aus sich selbst das eigene Unterfangen infrage stellt. Anstatt dorthin zurückzukehren, wo alles einfacher und vertrauter wird, verfolgt der Mensch den Weg der Entwicklung in der Hoffnung zukünftig eine (Er-)Lösung zu finden. In der Ferne ist alles fremd, es herrscht das große Misstrauen und die Angst, die man durch Sicherheiten jeder Art zu kompensieren sucht. Im Zentrum ist alles vertraut, ist man zuhause, wird man geliebt. Viele Worte braucht man nur, wenn man nichts versteht.


Je höher die Wahrheit, desto einfacher sind die Worte
in denen sie ausgedrückt werden kann.

Friedrich Weinreb

Freie Übersetzung eines NL-Artikels Friedrich Weinrebs aus „Gedachten 1“
(Übersetzung, Anmerkungen, Ergänzungen in eckigen Klammern und Bereitstellung durch Dieter Miunske)