Kalte Barmherzigkeit?

So wie die Gebärmutter das befruchtete Ei sich einnisten und wachsen lässt, lässt die Barmherzigkeit das Wort wachsen, das uns getroffen und den Weg in unser Inneres gefunden hat. Es gibt hierzu keine Alternative. Gottes Wort verbindet sich nicht mit einem kühlen Kopf, der wissen, kontrollieren und bedrohen will.

Der Frevler nimmt Gottes Wort, um damit zu drohen, heißt es in einem Midrasch. Der Zaddik hingegen entlastet die Hörenden, weil sein Leben in Gottes Barmherzigkeit gewachsen und gereift ist, wie ein Ei in der Gebärmutter.

Geborgenheit, Wärme, Schutz, Teilhabe am Leben der „im Leib Tragenden“ (so der Wortlaut im Griechischen für „Schwangere“) sind ihm vertraut, weshalb sein Wort eine natürliche Autorität bekommt, die trifft und doch nicht verletzt, die betroffen macht, aber des Trostes nicht ermangeln lässt.

Trotzdem gehört auch das Eis zur Welt. Die Völker des hohen Nordens verwenden es seit Urzeiten zum Bau von Iglus, weil Eis, wenn es entsprechend angeordnet ist, ebenso wärmt und das darin sich befindliche Leben schützt.
Dass aber die göttliche Seele selbst das Eis hervorbringt, passt irgendwie nicht so richtig in die Vorstellung eines barmherzigen Gottes, der einen umgibt wie eine Mutter.

Gottes Atem (wörtlich: seine Neschama) gibt das Eis (Hiob 37:10)

Eis ist Wasser, das aufgrund von Kälte zum Stillstand gekommen und fest geworden ist. Ein kühler Mensch muss nicht per se erstarrt sein. Es kann sein, dass bei ihm die Zeit stehen geblieben ist, weil er selbst viel Kälte erfahren hat. Trotzdem kann er anderen dabei helfen, nicht zu erfrieren, weil er sich selbst im Zwischen positioniert und das raue Klima draußen nicht eindringen lässt.

In anderer Hinsicht kann die so entstandene Stabilität anderen ermöglichen, trockenen Fußes die andere Seite des Stromes zu erreichen, der unter ihm fließt, während er die Spannung aushält. Eis finden wir auch in den hohen Bergen, wo die Aussicht am größten ist.

Was sich in unserem Nächsten abspielt, wissen wir nicht, aber Kälte kann Ausdruck eines Schicksals sein, das Barmherzigkeit neu definiert. Die hebräische Sprache ändert dazu nur einen einzigen Buchstaben und die Anordnung, so wird aus richem (רחם), sich erbarmen, kerach (קרח), Eis. Liest man kerach rückwärts, wird daraus charek (חרק), das ist das Knirschen, wie es entsteht, wenn man über Gefrorenes läuft. Auch für das Knirschen der Zähne wird dieses Wort verwendet. In den einen Menschen kommt die Kälte auf dass es einem anderen gut geht. Sind aber beide Zustände in einem einzigen Menschen anwesend, kondensiert das Wasser, das Eis schmilzt, es laufen die Tränen, bis der Zustand ausgeglichen ist. Dann ist die Seele wieder frei und kann sich erheben.