Kein Respekt vor dem Erscheinenden

Das klingt aber nicht sehr wertschätzend!
In der ganzen Bibel wird immer wieder davon gesprochen, dass Gott die Person nicht ansieht. Liest man diese Stellen in der englischen King James Bibel, lautet das so: “there is no respect of persons”. Die Person ist sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen “das ins Auge Fallende“.
Wie wir gleich sehen werden, ist mit dem Ansehen weitaus mehr gemeint als das Anschauen des Äußeren. Zunächst ein Zitat, das als Ausgangspunkt dienen soll:

Denn Ha-Schem Elohim, er ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der große, mächtige und furchtbare Gott, der keine Person ansieht und keine Bestechung annimmt; der Recht verschafft der Waise und der Witwe, und den Fremden liebt, sodass er ihm Brot und Kleider gibt.

5. Mose 10,17-18

Der Ausdruck „furchtbarer Gott“ in Vers 17 ist für das heutige Verständnis furchtbar übersetzt. Das hebr. JORÉ (ירא) bedeutet „sich seiner permanenten Anwesenheit bewusst zu sein“. Diese Bewusstheit definiert den Unterschied zwischen einzelnen Menschen. Jemand, der sich des Joches Gottes entledigt hat, so Raschi, gehört zu der Gruppe, die Gott nicht ansieht. Ansieht? NASÁ (נשא) bedeutet in erster Linie tragen. Er trägt sie nicht. Aber diejenigen, die sich der permanenten Anwesenheit Gottes bewusst sind – 24/7, wie man heute sagt –, diese trägt er.

Das irdische Verständnis eines Joches ist eher drückend und belastend. Das hebr. OL (על) bedeutet jedoch genau das Gegenteil, nämlich „nach oben“. Es bezeichnet eine Richtung, die mit dem Tragen zusammenhängt. Wenn man jemanden bittet, beim Tragen mit anzufassen, geht es um das Anheben einer Sache. Sich des Joches Gottes zu entledigen heißt, das Leben nicht mehr mit ihm in Verbindung zu bringen, sondern allerlei Schuldige für die eigenen Umstände auszumachen, sich selbst eingeschlossen. Der ist schuld, die ist schuld, ja, eigentlich sind alle an irgendetwas schuld.

Ein veräußerter Mensch kann keine andere Sicht einnehmen. Deshalb ist ihm das Ansehen einer Person auch sehr wichtig. Überall achtet er auf Nadeln, Wimpel und Manschetten. Das suggeriert ihm Vertrauenswürdigkeit.
Gott sieht das Herz an und achtet nur den verborgenen Menschen, völlig ungeachtet von dessen sozialer Stellung. Durch Leistung und Genialität lässt er sich nicht bestechen, ist er es doch, in dessen Willenshauch jede Kraft und jede Regung wurzelt, sobald die Menschen ihr Wollen und Vollbringen seinem Willen und Waltungszwecke entgegen zu richten wagen, sagt R. Hirsch in diesem Zusammenhang.

Wer verdrossen ob des Waltens Gottes ist, wird in Matth. 25:26 ein „böser und fauler Knecht“ genannt. Es geht dort um das Talent, das man der Erde gewidmet hat. Man nutzt seine Möglichkeiten ausschließlich für das Irdische und in einer solchen Haltung „kennt man sich aus“, man weiß einfach Bescheid. Man “weiß” natürlich auch, dass Gott hart ist und nur erntet und sammelt, ohne etwas dafür gemacht zu haben (ebd.). Dass aber das Anvertraute, wie das Wort schon sagt, auf Vertrauen hin gegeben wurde, hatte man vergessen. Alles, was wir an Talenten und Befähigungen haben, haben wir auf Kredit hin bekommen. Das lat. credere ist der Glauben an etwas oder jemand – Gott glaubt an uns. „Ich habe dir etwas gegeben. Mach was damit!“ „Ach nein, lieber nicht“, spricht dieser Knecht, dessen Gesinnung noch weitere Facetten aufzeigt. Der Begriff „faul“ (griech oknéo) ist das zögerliche Handeln. Warum handelt er nicht? Weil er verdrossen ist und Angst hat.

Ein paar Verse später bekommt er ein weiteres Siegel: „Unnützer Knecht“ wird er dann genannt. Diese Beschreibung offenbart im Griechischen, wie er sich ständig selbst rechtfertigt. „Unnütz“ ist a-chreîos, das man mit „ach, das ist doch nicht nötig!“, übersetzen kann. „Warum sollte man im Vertrauen handeln? Was bringt das schon? Das ist doch nicht nötig; irdische Sicherheit ist das Einzige, was zählt.“ In dieser Gesinnung mehrt sich die Angst wie Spinnweben im Keller.

Wieso hat Gott kein Mitleid? In der Geschichte von den anvertrauten Talenten geht es nicht um Mitleid.
Ohne die Bezüge im Griechischen zu kennen, klingt die Erzählung wie eine Aufmunterung zum gewinnbringenden Handeln, denn von den anderen beiden Knechten wird gesagt, dass sie ihre Talente durch Gewinn jeweils verdoppeln konnten. Das klingt ein wenig nach Spekulation, Börse oder Glücksspiel. Das Wort, das ganz richtig mit „gewinnen“ übersetzt wird, heißt kerdaino, welches von kérdos (einen Gewinn machen) stammt und dieses wiederum ist wurzelverwandt mit kardía, dem Herzen.

Das Gewinnen in der Geschichte mit den anvertrauten Talenten ist das Handeln mit und nach dem Herzen.

Wie stark wird alles, wenn es von Herzen getan wird! Sofort ist die Qualität des Ewigen anwesend. Ein Essen, von Herzen zubereitet, eine Nachricht von Herzen verfasst, jedwede Hilfe von Herzen getan, lässt das Ewige von einem Menschen zum anderen gehen, rüttelt die Herzen, lindert die Schmerzen und schafft immer neue Durchbrüche, die den Himmel öffnen und Klarheit ins Leben treten lassen. Umgekehrt spricht man auch davon, die Herzen zu gewinnen.

Wer von Herzen handelt, kann jede Arbeit transformieren und zu einem Nährboden des Göttlichen umgestalten. Ohne Herz geht alles auf Nutzen, insbesondere auf Eigennutz. Dieser Gegensatz zwischen dem Handeln nach dem Herzen ohne Ansehen der Person und dem Handeln auf Nutzen hin, das immer die Hülle des Menschen an oberste Stelle setzt, wird in einer jüdischen Geschichte zum Ausdruck gebracht:

Der Berditschewer kam einst nach Lemberg und ging in das Haus eines reichen und geachteten Mannes. Zum Hausherrn vorgelassen, bat er, ihm Unterkunft für einen Tag zu gewähren, verschwieg aber Namen und Stand. Der Reiche fuhr ihn an: „Ich brauche hier keine Wandersleute. Geh doch in eine Herberge!“ – „Ich bin kein Herbergsgast“, sagte der Rabbi, „gebt mir etwas Raum in einer Stube, und ich will Euch um nichts anderes behelligen.“ – „Fort mit dir!“, rief jener. „Wenn du kein Herbergsgast bist, wie du sagst, so geh zu dem Schullehrer um die Ecke; der pflegt solche zugelaufenen Leute mit Ehren zu empfangen und zu bewirten.
Rabbi Levi Jizchak ging zum Schullehrer und wurde mit Ehren empfangen und bewirtet. Aber auf dem Weg hatte ihn jemand erkannt, und alsbald verbreitete sich in der Stadt die Kunde, der heilige Rabbi von Berditschew sei da und habe im Hause des Schullehrers Wohnung genommen. Kaum hatte er ein wenig geruht, staute sich schon eine Menge Zulassbegehrender vor der Tür, und als sie geöffnet wurde, strömten die Scharen herbei, den Segen des Zaddiks zu empfangen. Darunter war auch jener reiche Mann; er drängte sich vor den Rabbi und begann: „Möge doch unser Herr und Meister mir vergeben und mein Haus seines Besuches würdigen. Alle Zaddikim, die nach Lemberg kamen, haben bei mir gewohnt.“ Rabbi Levi Jizchak wandte sich zu den Umherstehenden und sprach:

Wisst ihr, welcher Unterschied zwischen unserem Vater Abraham, der Friede über ihm, und Lot besteht?
Warum wird mit solchem Wohlgefallen erzählt, wie Abraham Sahne, Milch und ein zartes Kalb den Engeln auftrug? Hat doch auch Lot einen Kuchen gebacken und ein Mahl vorgesetzt. Und warum wird es als Verdienst angesehen, dass Abraham sie in seinem Hause aufnahm? Hat doch auch Lot sie geladen und beherbergt. Aber es verhält sich damit also.
Bei Lot heißt es: Die Engel kamen nach Sodom. Bei Abraham aber heißt es: Er hob seine Augen und sah, da standen Männer vor ihm. Lot sah Engelsgestalten, Abraham arme, verstaubte, der Ruhe und der Labung bedürftige Wandersleute.