Im schriftlichen Hebräischen sind der Künstler und der Glaube identisch. Beide werden aleph-mem-nun (אמן), 1+40+50, geschrieben. Auch das Handwerk und ebenso „üben“ und „trainieren“ werden mit diesen drei Konsonanten geschrieben.
Die etym. Hauptbedeutung ist „abhängig sein von“. Es wird deutlicher, wenn man bedenkt, dass noch das Wort „man“, 40+50, das in den Übersetzungen oft „Manna“ heißt, enthalten ist. Das „man“ fällt vom Himmel, fällt aus einer anderen Wirklichkeit, ohne dass jemand dafür etwas geleistet hätte. Also drückt sich auch in der Kunst die im Künstler lebende Wirklichkeit aus. Künstler benötigen den Ein-Fall, die Idee, die, gepaart mit der meist durch Training erworbenen Fertigkeit der Umsetzung, immer wieder Neues entstehen lässt, was der Verstand nie zuwege hätte bringen können.
Jeder Mensch trägt diese Veranlagung in sich. Künstlerisch kann man nur in Bereichen tätig sein, die man liebt. Funktionieren kann man auch dort, wo es keine Beziehung gibt.
Im Niederländischen steckt im Glauben (geloven) das englische „love“ und die beiden Wörter stehen tatsächlich in Beziehung zueinander (über das germ. ga-laubjan = lieb halten, gutheißen, das zu der weitverzweigten Wortgruppe von lieb gehört).
Wenn wir lieben, was wir tun, öffnet sich die Möglichkeit, dass uns etwas einfallen kann. Dann kommt auch die weitere Bedeutung von אמן zum Tragen, nämlich „rely on“, von lat. re-ligare, das ist die Rückverbindung, die eigentlich durch die Re-Ligion zuwege gebracht werden sollte. Die Verbindung zurück zu unserer Herkunft bahnt dem Wunder den Weg zu uns, auf dass es durch uns in die Welt gelangen kann.
Friedrich Weinreb schreibt 1971 in seinem Buch „Hat der Mensch noch eine Zukunft“ zu diesem Thema (ab Seite 66):
Die Kunst ist eines der allerwichtigsten Ausdrucksmittel des inneren Lebens; denn sie steigt aus dem tiefsten Menschlichen auf. Wenn es eine abstrakte Kunst gibt, so will das heißen, dass sich hinter der seinen Sinnen sich aufdrängenden Wirklichkeit noch ein Anderes verbirgt, und dass die Erscheinungswelt, die uns vertraut ist, wahrscheinlich nicht mehr ist als eine von mehreren Möglichkeiten, eine Sehweise unter einer Mehrzahl von Sehweisen. Man kann abstrakte Kunst ablehnen, weil sie die Ruhe und Selbstgefälligkeit unseres Lebens stört. Wir haben uns ein Weltbild gebaut, das sich in allem auf die naturwissenschaftlich wahrnehmbare Welt stützte. Und auf einmal gibt es Menschen, die bekunden, dass ein ganz anderes Weltbild in ihnen lebt. Es ist den meisten Menschen noch ganz unbewusst, aber es ist vorhanden. Es lässt sich also nicht wegleugnen. Es ist ans Licht gebracht, und es hat Form angenommen. Es findet sich kein Anlass, sich über diese Kunstschaffenden zu ärgern. Man sollte vielmehr zum Nachdenken kommen. Das Bild, das man sich von der Welt macht, sollte einmal in seiner Einseitigkeit und Fragwürdigkeit bewusst werden. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass der Mensch sich nicht gern aufrütteln lässt. Er besitzt eine ausgesprochene Vorliebe für seine Gewohnheiten, und meistens ist er zu träge, um die gewohnte Einstellung aufzugeben.
Die Kunst ist dem beinahe prophetischen Menschen vorbehalten. Wenn wir aber einmal näher betrachten, was auch auf jedem andern Gebiete in Erscheinung tritt, dann bemerken wir, dass der Mensch unbewusst genau das hervorbringt, was sein Innerstes beschäftigt. Der allem Förmlichen anhangende Mensch will an eine rigorose Gesetzmäßigkeit in allen Dingen glauben. Die Art seiner Förmlichkeit verrät, ob er wirklich eine tiefere Gesetzmäßigkeit kennt als nur das Naturgesetz. Der Bruch mit früheren Formen des Benehmens, die herausfordernde Gleichgültigkeit im Betragen, zeigt, dass man sich innerlich von falsch und unaufrichtig befundenen Einschränkungen abzulösen beginnt. Es ist etwas sehr Wesentliches, was beim Menschen in Aufstand gerät. Als solches aber erweist es sich für die naturwissenschaftlich eingestellten Psychologen als unerfassbar.
Der Mensch fühlt die Leere in einem Hause, das nicht mehr wohnlich ist – und verlässt es. Er verabscheut die Familie, die keine Familie mehr ist – und zerbricht sie. Wenn die Eltern nur noch Antreiber sind, Dressurmeister, die ihren Kindern das eigene Standesbewusstsein und ihren Ehrgeiz eintrichtern wollen, dann beginnen diese Kinder, die Eignung dieser Eltern zu bezweifeln. Die Eltern können ihnen dann als eine befremdliche Art von Wahnverfallenen erscheinen. Und weil es keine Einheit der Familie mehr gibt, suchen die Kinder draußen die gleichgesinnten Schicksalsgenossen, mit denen sie die Überzeugung teilen, dass sehr vieles in dieser Welt nicht stimme.
Wenn dann aber Zügellosigkeit einreißt, wo liegt die Ursache? Am bequemsten ist es, die Schuld den Ruhe- und Ordnungsstörern zu geben. Wieso können sie sich hinreißen lassen, die Ordnung und das Wohlergehen einer Welt zu zerstören, die ihnen so viele Freiheiten offeriert, mit denen allerdings der junge Mensch sich in dieser Welt doch verloren fühlt?
Man spottet über die herkömmliche Regierungsform. Man findet, es sei eine freche Täuschung, sich auf die Demokratie zu berufen, wenn man den Menschen doch auf ein hoch entwickeltes Wesen der Zoologie reduziere. Die alten politischen Parteien werden dubios, sie verlieren die Glaubwürdigkeit.
Dennoch ist man im Allgemeinen noch sehr auf gute Formen und auf Legalität bedacht. Aber von innen her zerbröckelt die Fassade, von innen hallt der Protest, und man weiß, dass die Mauern am Einstürzen sind.
In der Musik, im Tanz, in der Dichtkunst und auf der Bühne, im literarischen Stil wie in der Kleidung: Überall zeigt sich, dass im Menschen etwas Neues lebendig wird. Trotzdem es unter dem Zeichen des naturwissenschaftlichen Weltbildes weitergeht, bahnt sich in der Stille die Suche nach einem anderen Ziel an.
In der Kunst drückt der Mensch eine Facette seiner selbst aus, die sich im Zustand des bloßen Funktionierens nicht zeigen würde. אמן zählt 91 (1+40+50), das ist die Zahl, die als Verbindung der Weltzeit (3 1/2) mit dem Namen Gottes (JHWH, 26) gelesen wird (3,5 x 26 = 91). Die Qualität unserer inneren Beziehung, die Intensität unserer Liebe, zeigt sich in der Form der Kunst, die durch uns in die Welt kommt. Kunst erstreckt sich auf nahezu alle Lebensbereiche, in denen wir aktiv tun und gestalten.
Wenn du liebst, was du tust, wirst du finden, was wirklich zu dir gehört. Denn jetzt macht es sich auf den Weg, um dir zu begegnen.