In der Tierwelt ist es oft der Mann, der sich mit seinen schönen Farben, Tänzen und bei den Vögeln obendrein mit schönem Gesang in Szene setzt und um die Frau wirbt. Bei den Menschen ist es von alters her eher so, dass der Mann äußerlich schlicht und unauffällig ist, weil seine eigentlichen Stärken woanders liegen (sollten), während die Frau einen stärkeren Sinn für das Äußere und ihr eigenes Aussehen hat. Genau dafür schätzt und ehrt man auch die Frau.
Sobald Männer ihr Äußeres betont in Szene setzen und Frauen ihren Sinn für das Schöne verlieren, ist die Nähe zum Tier größer als zur Ebenbildlichkeit Gottes.
Menschen und Tiere verhalten sich typischerweise in dieser Beziehung genau umgekehrt. Es zeigt, dass es in der Tierwelt nicht um das Prinzip von innen und außen, also um einen Kern und dessen Hülle, geht. Beim Menschen wird in der Bibel ausdrücklich zunächst von der Formung des Körpers und dem anschließenden Hineingeben einer Seele gesprochen.
Beim Tier gibt es diese Unterscheidung nicht. Bei ihnen entspricht der Kern der Hülle, weshalb Tiere in der Bibel auch keinen Namen erhalten; dieser ist eine unvergängliche Beschreibung des Wesens, des Kernes, was sich am Ende auch in der Form ausdrückt. Dieses Prinzip von Kern und umgebendem Kreis macht aus jedem einzelnen Menschen jemanden, der in seiner Einmaligkeit Gott alleine gegenübersteht. Bei Tieren gilt das nur für Gruppen „nach ihrer Art“, wie es heißt.
Wenn diese besondere Stellung des Menschen aufgegeben wird, werden sich auch die Gegebenheiten ändern oder sogar umkehren. Bis in den Alltag drückt es sich so aus, dass die Vernachlässigung des Inneren beim Mann ein überhöhtes Interesse an seinem äußeren Erscheinen erzeugt, während sich bei der Frau eine zunehmende Gleichgültigkeit sich selbst gegenüber einstellt. Sie verliert ihren Sinn für Ordnung und neigt dazu, sich und ihr Umfeld mehr und mehr gehen zu lassen. Entfernt sich der Mensch immer weiter von seiner Stellung des im Bild und Gleichnis Gottes Seins, fällt er aus der vertikalen Verbindung, die er zwischen Himmel und Erde innehat, auf die horizontale Ebene des Tieres. Zwar gehört diese Ebene auch zum Menschen, aber sie darf ihn nicht beherrschen.
Die erste Versuchung in der Bibel geschieht bezeichnenderweise durch ein Tier, das den horizontalen Weg als den einzig wahren vorstellt: Wenn … dann! Diese Art der Argumentation nennt die Bibel „listig“, arum (ערם). Dieses Wort hat eine Verbindung zur Mehrzahl von „Stadt“ (עיר). Städte sind arim (ערים). Der erste Städtebauer ist derjenige, der als Konsequenz aus der Begegnung mit der Schlange geboren wird, nämlich Kain (Gen. 4:17). Er verwendet ebenso wie die Schlange das rhetorische Stilmittel der Infragestellung: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ (Gen. 4:9). Der Nachasch fängt seine Rede auf ähnliche Weise an, indem er fragt: „Sollte Gott gesagt haben …?“ Gleichgültigkeit offenbart sich in Verantwortungslosigkeit, welche eine kompensatorische Motivation in Gang setzt. Der Ausgleich zur Tötung der Seele (Abel) bewirkt eine enorme Schaffenskraft und eine Unfähigkeit, ruhen zu können.
Eine Stadt (עיר) repräsentiert eine rein menschliche Schaffenskraft, weshalb man sie nicht bewundern soll. Die mit Kain verkörperte Ur-Idee liegt in dem „Ich baue mir ein Haus, worin noch meine Kinder und Kindeskinder wohnen werden“. Das ist der Grund, weshalb Kain die erste Stadt nach seinem Sohn (חנוך) benennt. Er demonstriert damit eine Art Trotz, weil er mit dem Hausbau zeigen will, dass das menschliche Schaffen von dauerhaftem Wert ist und nicht der Vergänglichkeit unterliegt. Ein gut gebautes Haus kann ohne Weiteres mehrere und zum Teil sogar viele Generationen „überleben“ und gilt deshalb als Rebellion gegen das wahrhaft Unvergängliche. In diesem Zusammenhang sagt Rav Pinchas: „Doch morgen werden ihre Häuser zu ihren Gräbern“ (Bereshith Rabbah 23:1).
Auf die Innenwelt eines einzelnen Menschen bezogen steht die Stadt für das Empfänglichsein von Impulsen, die von außen kommen. Innere Impulse kommen nicht mehr durch und werden nicht mehr erkannt. Ein Erwachen kann nur noch von außen herbeigeführt werden, weshalb äußerlichen Reizen der Vorzug gegeben wird. Man eilt dann von einer Veranstaltung, wofür Städte bekannt sind, zur nächsten, in der stillen Hoffnung, dass sich doch das wirkliche Leben einmal melden möge. Ein solcher Mensch sucht nun über Umwege nach dem Erwachen seines Inneren.
Es wird erzählt, dass die gesamte Tierwelt Angst vor Kain hatte, nachdem er seinen Bruder erschlagen hatte. Diese Angst zeigt sich beim Menschen in einer verzerrten Beziehung zum Tier. Tiere werden dann mitunter auf Augenhöhe mit dem Menschen betrachtet und behandelt, also vermenschlicht, oder ihr Wohl ist dem Kain-Menschen völlig egal. Die Mitte kennt ein Kain nicht, weshalb er auch eine krankhafte Beziehung zum eigenen Körper hat. Auf andere Art formuliert: Die Angst vor Krankheiten wiegt bei ihm stärker als die Angst, seine Seele verwahrlosen zu lassen. Das Geschlecht Kains erfährt keine Umkehr mehr. Es geht in der Flut unter, so wie auch der Körper mit der Zeit degeneriert und nach unten geht, doch ohne ihn würde es keine Entwicklung geben, welche die Voraussetzung für die Rückkehr der Seele darstellt.