Mit jeder Schale wächst die Dunkelheit

Mit Beginn der Schöpfung bilden sich immer mehr Schalen um den Kern. Plastisch dargestellt bedeutet dies auch, dass das Urlicht, die Urkraft des Kerns immer mehr verdunkelt wird, so dass am Ende fast nichts mehr von der Kraft und vor allem vom Licht aus dem Inneren an der Oberfläche zu sehen ist. Die Kraft innen erzeugt natürlich eine immer stärkere Gegenkraft an der Oberfläche; das Licht, das am Anfang durchschien, wird immer mehr verdunkelt. Vergleiche z.B. die ständige Veränderung des Niveaus, also das ständige Herabgehen, das ständige Sich-Entfernen vom Kern in den Zyklen Sinai – Erster Tempel – Zweiter Tempel – Thannajim – Amorajim – Geonim – Gedolim – Chassidim – Jetzt*.

Es wird immer schwieriger, das Wesen der Dinge zu verstehen, und deshalb werden oft ganz andere Ausdrücke, Erklärungen usw. eingeführt, die früher nicht üblich oder sogar unbekannt waren, die in den Augen der Alten sogar lächerlich gewesen wären.
Andererseits sind diese neu eingeführten Erklärungen und Ausdrücke für diesen besonderen Zyklus eine absolute Notwendigkeit und ohne sie würde man nichts von dem verstehen, was der Kern ist. Es ist wiederum eine Art Übersetzung in die Sprache des jetzt bestehenden Zyklus der Dinge, die vorher mit ganz anderen Worten benannt wurden und von den damals lebenden Menschen mit diesen anderen Worten klar verstanden und gesehen wurden.
Beispielsweise kommt das Wort „Neschama“ als Begriff für „Seele“ kaum in der Bibel vor, und doch weiß man, dass die Bibel dieses Verständnis als bekannt voraussetzt. Neschama wird meist anderweitig verwendet, doch bei der Schöpfung des Menschen in 1. Mose 2:7 kommt dieses Wort, dem was man Seele nennt, schon sehr nah. Der Hauptbegriff für Seele ist jedoch durch den ganzen hebräischen Text hindurch „Nephesch“.
Im Buch Daniel werden Wörter eingeführt, die vorher völlig unerwähnt blieben, die aber in der weiteren Überlieferung eine Verbindung zum Ur-Anfang herstellen, und ohne diese Begriffe wird der Ur-Anfang vor allem von Menschen aus Zyklen nach Daniel fast nicht mehr verstanden. Das Kleid, in dem die Dinge zum Ausdruck gebracht werden, ändert sich also immer, weil sonst nichts mehr zu erkennen ist.
Was zunächst nur mündlich, also be’al peh, überliefert wurde, muss in weiteren Phasen immer mehr aufgeschrieben werden, weil die Dunkelheit des Sehens, Verstehens und Erinnerns auch durch die neuen Hüllen um die Kerne zunimmt.
Vergleiche in diesem Sinne auch den Galuth (Exil) der Schechinah, die sich immer weiter zurückzieht. Und doch ist dieser Rückzug wie der Abstieg nach Ägypten, und zwar für die Sinne, die nur den Gegensatz erkennen, und sich immer weiter entfernen. Sobald aber das Dreidimensionale nicht mehr als zentrales Kriterium herangezogen wird, zeigt sich bereits das Paradox, dass das Dreidimensionale an sich eine Entfernung, in Wirklichkeit aber auch eine Annäherung ist.
Es geht um eine Erfüllung, die nur im Weggehen, im Rückzug in die entfernte Materie stattfinden kann; für unsere Sinne ist der „Tod“ auch ein Weggehen, weil wir nur eine Zweiheit kennen und alles im Widerspruch sehen müssen.
Deshalb werden Menschen, die kein Verständnis von der Einheit haben, Menschen ohne Glauben, wenn sie sehen, wie sich alles von seinem Ursprung entfernt, pessimistisch. Ihr Verstand urteilt zu sehr nach den äußeren Maßstäben und sie wissen nicht mehr, dass dieses Sich-Entfernen, genauso wie der Tod, in Wirklichkeit eine Rückkehr in schnellerem Tempo zum Ursprung ist.


*Die Thanajim sind diejenigen, die die Mischna aufgezeichnet haben, den Teil der mündlichen Lehre, der Mischna genannt wird, und die Amorajim sind diejenigen, die das aufgezeichnet haben, was Gemarah genannt wird, eine Ausarbeitung, eine Vervollständigung der Mischna, ein Komplex von Tausenden von Folioseiten, mit all den Kommentaren, die seit der Antike hinzugefügt worden sind. Es handelt sich um eine enorme Sammlung.

Freie Übersetzung von Friedrich Weinreb, Gedachten in de loop der jaren 2/294