Als moderne und gebildete Menschen neigen wir dazu, alte heilige Texte selbst zu interpretieren und einzelne Passagen ungeniert aus dem Zusammenhang zu reißen, um daraus etwas zu konstruieren, was uns im Moment sinnvoll erscheint. So etwas kann für eine Weile funktionieren, zerfällt aber früher oder später wieder wie radioaktive Stoffe in der Chemie. Radioaktive Stoffe sind im Grunde Atome, die „zu viel Energie“ haben oder deren inneres Gleichgewicht gestört ist. Um diesen Zustand zu korrigieren, geben diese Stoffe spontan Energie oder Teilchen ab – diesen Vorgang nennt man radioaktiven Zerfall.
Die Thora (als Oberbegriff der Sammlung heiliger Schriften verwendet) als Ganzes ist eine Ordnung, die nur dann in Balance ist, wenn die Gewichtungen an den richtigen Stellen positioniert sind. In der Chemie wird, wie zuvor erwähnt, Instabilität oft durch zu viel Energie erzeugt, und eigene Interpretationen erzeugen ebenso eine zu hohe Energie durch emotionale Aufladung von Themen zugunsten einer Theorie, die aufgrund von Unkenntnis der Prinzipien der Thora einen Nährboden im Flüchtigen findet.
Radioaktive Strahlung wirkt auf die Zellstruktur des Menschen desorganisierend, sodass betroffene Zellen „vergessen“, was ihre Bestimmung und Aufgabe ist. Im Extremfall wird der Bauplan der Zelle so stark zerstört, dass die Zelle einfach abstirbt. Problematisch ist auch, dass der Körper manche radioaktiven Stoffe mit nützlichen Elementen verwechselt, sodass bspw. radioaktives Strontium wie Kalzium gehandhabt und in den Knochen eingebaut wird. Von dort wirkt es dann munter strahlend teilweise Jahre auf die Umgebung.
Emotional aufpeitschende Auslegungen werden ebenso wie Strontium als Unordnung und Ungleichgewicht in das eigene Selbst integriert. Kürzlich hörte ich von einer Frau, die ich vorher nicht kannte, dass sie mittlerweile süchtig nach „Aufklärung“ ist und einen großen Teil ihrer Zeit Videos konsumiert, in denen vermeintlich die Welt erklärt wird. Sie war sich dessen bewusst, dass sich ihre Lebensqualität dadurch nicht verbessert, aber ihre Neugierde war größer als ihre Kraft, abzuschalten.
Instabile radioaktive Stoffe beginnen zu strahlen, um ihre Energie zu reduzieren, wodurch sie auf ein tieferes Niveau fallen. Das führt wiederum zu neuen Eigenschaften, die Hand in Hand mit Antriebslosigkeit und Gleichgültigkeit einhergehen. Diese Wirkung hat auch die emotionale Aufladung von Themen, die dann eine negierende Eigendynamik im Hörer entwickelt, was sich als Abstumpfung zeigt. Auf die permanente Überflutung mit stimulierenden Inhalten folgt, dass man von nichts mehr berührt werden kann. Irrtümlich bezeichnen manche diesen Zustand als „entspannt“. Ja, entspannt wie ein Körper, der die Seele ziehen lassen musste.
Aus dieser Kenntnis heraus hat man in der Antike bedeutsame Zusammenhänge nicht öffentlich erzählt. Man wusste um die Gefahr einer Euphorie, man wusste um die Möglichkeit, in eine Effekthascherei zu verfallen, in unnüchterne Schwärmereien, die so stark aufgeladen sein können, dass sie einem Rausch gleichkommen. Dieser mündet meist in einem Kater oder einem Entzug, der nur schwer auszuhalten ist.
Das Heilige spricht nicht so, dass der Mensch dadurch in ein Loch fällt. Das schöpferische Wort zu Beginn der Bibel ist das hebräische amar (אמר), das wie folgt erklärt wird: Es ist das sanfte Sprechen, eine Ansprache – du fühlst dich angesprochen –, die etwas bislang nicht (bei dir) Gewesenes hervorruft und dich sowohl gedanklich als auch emotional berührt, aber eben nicht aufpeitscht.
Gott und seine Stimme suchen nur so lange den Menschen auf, als der Mensch in seiner Reinheit aufrecht steht über dem Tier.
(Und so auch später in Deut. 23:15 an die Bedingung geknüpft: ! והיה מחניך קדוש. Das מחניך zeigt, dass diese Gottesnähe nicht in Extase, in Verzückung, Schwärmerei und Verrücktheit zu suchen sei, sondern „mitten in unserem irdischen, auf der Erde sich gestaltenden, vielseitigen Menschenleben in allen seinen Entfaltungen will Gott uns nahe sein, will Gott zu uns kommen; nur sei dies irdische Leben, dieser menschliche Kreis auf Erden קדוש, ein heiliger!“)
(Rav Samson Raphael Hirsch)
Im ganz gewöhnlichen Alltag soll es der Mensch finden und leben.
In Freud und Leid, unter Menschen und in Einsamkeit. Im Stillen Gott sich naht, im Tumult er nicht zu finden ist. Doch sobald er sich offenbart, Klarheit den Menschen durchdringt, dass er berührt für sich erfährt: „Das war’s, was ich vermisst.“
Wer aus dem Eigenen spricht, der lügt, irgendwann er sich auch verbiegt, weil gerade nur sein kann, wer erdacht den ganzen Plan. So hüte man sich vor eigenem Konstruieren, übe sich in Vertrauen, statt in persönlichem Brillieren.
Das Heilige heilt, wenn man es als solches ehrt, und nicht mit Irdischem beschwert. Zu seiner Zeit greift es in das Profane ein, wirkt selten allein, denn mit dir soll es sein!
