Angst macht dumm

Friedrich Weinreb in Der Kreuzweg (aus der Sicht des Christus)

Traurig, wie dumm die Welt ist. Die Angst macht sie dumm. Ich will ihr Trost bringen, will ihnen sagen, dass diese ganze Welt wiederkommt. Wenn sie doch einsähen, dass sie mit diesem dummen Spiel aufhören müssen! Warum glauben sie dem Vater im Himmel eigentlich nicht? Glauben sie, er sei ein Versager, ein böser, launenhafter Götze? Warum glauben sie nicht, dass er in seiner Liebe und Allmacht alles viel schöner machen kann, als sie sich in ihren gewagtesten Träumen vorstellen können?
Bin ich nicht selbst ein Zeichen dieser neuen Welt? Wie käme ich sonst hierher? Der Vater im Himmel ist doch der Ursprung von allem. Sein Geist bringt mich hierher in diese Welt fließender Zeit, in diese Zeitlichkeit. Daher mein Gedanke vom Zuhause, vom ewigen Heim. Von dort kam er mir und machte mich glücklich. Herrlich, diese einmalige Einsamkeit! Sie bringt mich mit dem Ewigen zusammen, mit dem Vater, sie zeigt mir mein Zuhause. Ich strahle vor Glück. Noch niemals war ein Mensch in dieser Welt so glücklich. Ich messe jetzt alles neu, alles anders. Jetzt spüre ich auch den Sinn der Liebe. Wie Gott der Welt dies alles schenkt, so möchte ich, nun ich das klar erlebe, den Menschen, diesen Unglücklichen, diese Botschaft bringen. Und die Armen denken, ich sei unglücklich, weil sie mich aus ihrer Gesellschaft ausgestoßen haben! Was wisst ihr von diesem ewigen Glück? Ihr könnt es mit euren Maßstäben doch gar nicht messen, mit euren Lügenmaßen. Ihr ahnt nicht, welche Gefühle und Freuden in mir leben. Ihr wisst nicht, was ihr tut. Jetzt aber, da ich es erlebt habe, weiß ich, dass ich es euch schenken könnte und möchte.

===================
Autor: Dieter Miunske


In der Nacht baut es sich

Friedrich Weinreb in Traumleben IV

Wenn deine Arbeit, dein Alltag, das Ziehen der Sehnsucht hat, dann erlebst du, dass das Haus sich baut. Du musst es nicht leisten, selbst schaffen wollen. Es entsteht aus deinem Hingezogensein, deinem Bezug zum Alltag, deiner Freude. Es fließt aus deinen Händen, wie ein Kunstwerk dem Maler aus dem Pinsel fließt, dem Dichter aus der Feder, dem Bildhauer durch die Hand sich formt. Wenn der Künstler konstruierend eingreift, missrät es.
Es träumt sich, wie man sagt. Das ist der Übergang vom Bewussten zum Unbewussten; im Unbewussten darf nicht mehr Last getragen werden. In der »Fron« des Alltags trägst du die Last gern, denn es »zieht« dich, du hast Beziehung, du liebst. Dein Dienst, heißt es, sei nicht der Dienst eines Knechtes, der es um des Lohnes willen tut, sondern der des Freien, der es gern tut, aus Liebe. Bei Tag bringst du Tribut, trägst die Last, in der Nacht baut es sich. Das Intellektuelle kann schwere Last sein, das Studium unter Seufzen vor sich gehen. Es gibt aber auch ein Studieren, das zur Quelle der Inspiration wird, einen Dienst in Freude während des Alltags; dann allerdings kommt die Erkenntnis von selbst hervor, gezogen von der Sehnsucht.

===================
Autor: Dieter Miunske


Die nackte Wahrheit

Friedrich Weinreb in Wege ins Wort

(…) Von den falschen Propheten wird doch gesagt, sie verkünden immer, alles sei doch gut, sei selbstverständlich. Sie kennen nicht die Sorge: »Wir leben in Zeitlichkeit, wollen aber Ewigkeit.« Man verdrängt mit allerlei Mitteln diese einzige, echte Sorge. Denn in der Zeitlichkeit müsste eigentlich alles jammern, müsste alles nur dies verlangen: »Wir wollen Ewigkeit«. Das Gespräch der Schlange ist dann auch: »Nehmt doch die Zeitlichkeit! Alles bewegt sich auf ein Ziel hin. Und dieses Ziel ist auch Unsterblichkeit. Wir haben es noch nicht, noch lange nicht. Aber wir arbeiten gemeinsam auf dieses Ziel hin. Wir machen es schon. Lasst uns nur arbeiten, studieren.« Die Frau wird von diesen Argumenten überzeugt.
Die Frau: das Umringende. Es heißt in der Überlieferung: Die Schlange sieht die Frau nackt (“nackt” und “listig” sind im Hebräischen das gleiche Wort). Und sie möchte diese Frau besitzen. Aber weil sie die unerlöste Natur ist, kann sie sie erst besitzen, wenn sie selber erlöst wäre. Da sie aber die Ungeduld hat, kann sie die Frau nur vergewaltigen. Und das tut sie dann auch. Die List der Schlange, ihre Nacktheit, überzeugt durch Beweise aus der Umhüllung. Sie tut der Frau gegenüber so, als ob sie alles weiß und kann. Man könnte sagen: Die Schlange ist für die »nackte Wahrheit«. Sie betört mit dem Gedanken, dass man in den erscheinenden Dingen sehr viel sehen könnte, dass man einen Weg der Entwicklung sehen könnte. Sie ist voll von logischen Versprechen. Und damit überschreit sie die Frage: »Aber, man ist doch sterblich, wenn man diese Frucht nimmt? Bis das Ziel erreicht ist, sind wir doch alle tot.« Sie antwortet nicht zur Sache. Sie zeigt nur, wie schön das Ideal ist.
(…) Die List der Schlange ist, dass sie auf Entwicklung hinweist. Sogar der Messias wäre dann ein Produkt der Entwicklung. Dass er tatsächlich sich entwickelt, kommt von der Seite, die »Frucht macht«, her. Aber dass er schon im Samen da ist, von Anfang an, kommt doch von der Seite, die »Frucht ist«, her. Und so hat sich dann die Welt entwickelt. Und in der Welt die Wissenschaft. Sie sucht die Wahrheit. Es ist aber die Wahrheit, wie sie erscheint. Sie erscheint als Natur, also nackt. Und das ist eben die List. Man sieht doch nichts anderes.
(…) Wer den Baum des Wissens, den Baum, der Frucht macht, nimmt, wird den Baum des Lebens nicht finden können. Es ist sogar so, dass der vom Gift der Schlange Vergiftete, also der kluge Denker, dieses Gift seinen Hörern oder Lesern weiterträgt. Denn wer diesen Weg anfängt, dieses Gespräch anfängt, trägt das Siegel dieses Geschehens, wie es in der Bibel eigentlich als Archetyp beschrieben ist. Der kluge Denker ist klug wie die Schlange. Er sucht ehrlich die nackte Wahrheit. Ihm ist das Ende von Esau, der die Erstgeburt verkauft, der seine Würde als Mensch im Bild und Gleichnis Gottes verkauft, zur Ideologie geworden. Das heißt: es gibt nichts, es gibt nur den Tod und weiter nichts. Dass der Baum des Lebens eben schon als Entwicklung, als Wachstum, die Frucht ist, gibt der Zeit einen ganz neuen Aspekt. Alles ist schon da. Nur wartet Gott auf dich, auf jeden, dass du es erkennst. Du kannst es bald erkennen, in einer Sekunde, in einem Tag, in einem Jahr. Denn immer stehst du vor diesen beiden Bäumen. Es kann für jeden Menschen bald eintreten. Dazu braucht man keine Vorbereitungen, keine Studien. Wenn man den Baum der Erkenntnis stehen lässt, sich nicht auf das Gespräch mit der Schlange einlässt, ist der Baum des Lebens da.
In jeder Begegnung ist immer die Frage: Willst du die nackte Wahrheit? Dann suchst du den Baum der Erkenntnis, dann ist dein Gespräch mit der Schlange da, die dir das Ziel des Messias am Ende zeigt. Und dann glaubst du an dein Urteil, an dein sich immer weiter verbesserndes Urteil. Und du stirbst, bevor der Messias sich dir zeigt. Denn du kannst das Leben so nicht einfangen. Aber wir wollen überall diese Art Wahrheit finden. Auch im Lesen der Bibel oder der Überlieferung. Wir wollen nach unserer Art, nach unserer unerlösten Art die Wahrheit finden. Wir betrachten das Wort eben als nackt.
(…) Wenn wir von jedem Ereignis aber fragen: Was, wer ist das? Was erlebt er, wo ist er jetzt im Sein? Bin ich das? Wie lebt er, wie hat er gelebt?, wenn man mitlebt, mitleidet, sich mitfreut, dann ist man dem Baum des Lebens nah. Aber nicht dann zuerst das andere wollen. Denn dann kommt die zweite Frage nicht. Dann ist man schon gefangen, dann ist das Gift schon in uns eingedrungen. Man sei also auf der Hut vor dem verführerischen »klaren Denken«. Denn dann meinst du, daß du es gescheit baust. Und denkst nicht daran, dass die Schlange dich verführt. Glaube doch lieber, dass Gott dir schon das schönste und klarste Denken schenkt, wenn du das Neue dieser Schöpfung siehst, spürst, suchst. Dann ist die Frucht, dann ist das Ziel schon in dir da. Und dann erlebst du die Freude, das Heranwachsen ebenfalls zu sehen.
Ich weiß, es ist schwer, die nackte Wahrnehmung nicht als Ausgangspunkt zu sehen. Denn sie ist verführerisch. Das ist ihre ungewollte List. Deshalb kleiden wir alles gerne ein. Man versucht sogar, die Kleidung schön zu machen. So kleiden wir die Wahrheiten gerne in Geschichten, in Gleichnisse. Dann kommt etwas vom eigenen Erleben mit, dann könnte jeder sich sein Leben darin eindenken. Die Schlange gibt den Eindruck, nackt zu sein. Und dieser Eindruck ist die Gefahr. Man bedenke, jede Erscheinung in der Welt, wie klar sie auch ist, hat ein Geheimnis, hat ein verborgenes Leben. Und man bedenke vor allem: Die Welt wartet auf Erlösung, auf ein Ende des Todes, des Unrechts. Und das bedeutet, sie wartet auf jeden von uns. Denn der Mensch im Bild und Gleichnis Gottes muss doch spüren, worauf alles wartet. Ihm sollte doch die nackte Wahrheit egal sein. Denn er weiß ganz gut, dass die Liebe Gottes alles umhüllt, dass sie nur darauf wartet, dass wir sie erkennen und dass wir sie als Quelle der ganzen Schöpfung erfahren.

===================
Autor: Dieter Miunske


Angst treibt zur Spaltung

Friedrich Weinreb in Das chassidische Narrenparadies

Endliches und Unendliches findet sich im Wort seit jeher und gehören zum Menschen. Der Mensch, der sich im Schnittpunkt von Endlich und Unendlich wirklich begegnet, muss sich nicht mehr auf seine Religion, seine Gruppe oder Sekte versteifen. Er weiß dann: Es gibt einen Gott, einen Menschen, einen Erlöser und eine Menschheit. Zur Trennung kommt es nur, wenn man Angst hat und glaubt, beweisen zu müssen, dass man im Recht ist.
Der Mensch gehe seinen Weg, versuche dabei aber niemals, die Gegensätze zu klären oder auf einen Nenner bringen zu wollen, denn das Leben ist eine Begegnung von Endlichem und Unendlichem. Wir sind auf dem Weg der 42 Stationen*, und zugleich wissen wir, dass im Unendlichen, dem wir auf dem Weg ständig begegnen, alles schon da ist. Es ist gerade diese Spannung, die unser Leben ausmacht.

* Der Weg durch die Wüste umfasst nach dem 4. Buch Mose 42 Stationen. Das Geschlechtsregister Jesu im Matthäus-Evangelium zählt ebenfalls 42 Stationen, genauso wie das hebräische Wort für Stern, kochab, 20-20-2, in der Summe seiner Zeichen 42 ergibt. Ein Stern weist im Neuen Testament den Weg und bleibt über Bethlehem stehen. Hier ist der Weg zu Ende. Der Messias wird an diesem Ort geboren.

===================
Autor: Dieter Miunske


Engel haben keine Wahl

Friedrich Weinreb in Leben im Diesseits und Jenseits

Engel unterscheiden sich vom Menschen dadurch, daß sie kein Hüftgelenk haben. Engel stehen stets vor Gott. Sie stellen die Verbindung von oben nach unten her, sie sind die Botschafter, die Gottes Willen ausführen. Sie kennen die wählende Entscheidung nicht. Ihre Füße sind geschlossen. Sie richten aus, was Gott geschehen lassen will. Eigentlich beneiden sie den Menschen um seine Möglichkeit der Wahl, denn seine Freude der Einswerdung ist unendlich viel größer, weil sie mit dem bangen Gefühl vermischt ist, daß Nichtgelingen ebenso sehr im Bereiche des Möglichen lag, daß es sein freier Entschluß war, der ihn diesen Weg wählen ließ.
Der Mensch kann demnach sitzen, der Engel nicht. Und dieses Sitzen entspricht dem Thronen Gottes. Gott sitzt auf dem Kisse ha-Kabod, auf dem Thron, weil für ihn alles schon vollbracht ist und er ruhen kann. Sitzen und ruhen weisen beide den Stamm 300-2 auf, Schin-Beth. Gott im En Sof (Welt der Einheit) umgibt, neben der dynamischen Schöpferkraft, zugleich schon die Ruhe der Vollendung. Doch mit dem Vollenden der Schöpfung, mit dem siebten Tag, dem Schabbat, (300-2-400), hebt auch für Gott in dieser Welt der Ruhe, das „Sitzen“ an. Sitzen hat ferner auch den gleichen Stamm wie das Wort „Zurückkehren“ (300-2). Sitzen bedeutet, daß der Mensch ans Ziel gelangt ist, und daß er zurückkehren kann. Wenigstens bietet die Welt ihm keinen Anlaß mehr, nicht zurückzukehren. Wenn der Mensch jedoch nicht zurückkehren will, verfällt er der Unruhe und kann nicht sitzen. Der Schabbat bedeutet, daß Sitzen, Ruhen, Zurückkehren eine Realität geworden sind. Der Weg zur Einheit wird vollzogen und besiegelt. Das Sitzen ist darum das königliche Vorrecht des Menschen.

===================
Autor: Dieter Miunske