Vom Geheimnis des Trostes

Friedrich Weinreb in Gedanken über Tod und Leben

Dort, im Zror ha-Chajim, im Bündel des Lebens, erlebt die Nephesch alles frei, gelöst, nicht erstarrt, nicht im Zwang, nicht im Druck. Der Gestorbene sieht also alles wieder, erkennt es, ist gelöst, befreit von Angst und Druck, frei von Unsicherheit. Man nennt dieses Sterben im Brauch der Sprache Petira, und das bedeutet einfach es los sein, befreit sein. Befreit aus dem gefangen haltenden Käfig, wie dieser als Bild öfters benutzt wird. So erkennt man dort nicht nur die vorher verstorbenen Freunde, Ahnen, Bekannten, also seine Völker und seine Väter, doch genauso alle, welche jetzt noch leben, und welche man zurückgelassen hat.
Sagen die Gene, nicht nur von Eltern, sondern auch vom Leben in den Beziehungen mit andern, das nicht auch schon aus? Auch wenn man das noch nicht irgendwie biologisch feststellen kann? Psychologisch weiß man aber schon ziemlich viel vom Einfluß der Beziehungen im Leben. Hier begegnen wir dem Geheimnis des Trostes. Wie kommt es, daß Menschen sich über den Verlust eines geliebten Menschen im Laufe der Zeit trösten können? Vergessen sie ihn, nimmt der Alltag des Lebens sie bald wieder derart stark mit, daß sie keine Energie haben, um auch noch des Verstorbenen zu gedenken? Man könnte sagen, oft müßte man erwarten, daß ein Verlust sich auf die Dauer stärker und stärker auswirken sollte. Die Antwort auf diese Frage des auf die Dauer gerade Getröstet-werdens, hängt zusammen mit der Dualität vom Phänomen Leben, und von der Relevanz des Todes innerhalb dieser Dualität. Denn, wenn der Gestorbene dort, also an jener Seite des Begriffes Leben, dort, wo seine Nephesch (irdische Seele) gebündelt ist im Bündel des Lebens, allem begegnet, alle und alles in der Dualität vom Himmel, vom Schamajim mit sich hat, und jeder Mensch doch auch durch diese Dualität des Lebens mit seiner Nephesch und Ruach (Geist) und Neschama (göttliche Seele) auch dort ist, dann ist es selbstverständlich, daß man sich dort trifft. Dort hat sich in diesem Sinne nichts geändert. Ewigkeit fängt nicht erst irgendwo an. Dann hieße es doch nicht Ewigkeit. Ewigkeit ist immer im Bereich von Nephesch, Ruach und Neschama.
Es gelten dort nicht die astronomische Zeit und das diesem Zeiterlebnis zugeordnete Raumerlebnis. Diese sind Folgen des Berührungsmomentes vom Jenseitigen mit dem Zeitstrom. Also dort, an der anderen Seite vom Chajim, lebt alles in der Sphäre des Ewigen. Und da man dort zusammen ist, geht immer stärker, nach dem ersten Schock vom Abbruch des Lebens hier für die Zurückgebliebenen, aus dem Jenseits im Leben dieser Zurückgebliebenen, die Wirkung aus diesem nicht-bewußten Teil ihres Lebens in das Bewußte hinüber, und es entsteht das Phänomen des Getröstet-Werdens. Ein Beweis, sagt man sogar, daß man dort, in der anderen Seite des Lebens zusammen ist, immer, ewig.

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Autor: Dieter Miunske


Der Provokant sucht unsere Hilfe

Friedrich Wenreb in Vor Babel

Das Loben Gottes und das Entweihen liegen so nahe beisammen, daß es einander berührt. Man sagt wohl manchmal, daß die Extreme einander berühren, und denkt nicht weiter darüber nach. Man sagt es nur so dahin, in einer Konversation klingt das recht schön, aber man denkt nicht weiter darüber nach. Doch hier wird es wirklich erzählt. Es wird auch ein Beispiel gegeben: Beim Loben Gottes läuft der Mensch an einem Abgrund entlang, und nur dann lobt er auch, denn er kann auch hineinstürzen. Aber wenn er weit vom Abgrund entfernt läuft, auf einem schönen Weg, ohne Verkehr, nur mit grünen Ampeln, dann ist es keine Kunst, dann ist er ein großer Heuchler. Damit preist er Gott überhaupt nicht. Dann ist er nur schrecklich eingebildet, und außerdem wagt er nichts.
Aber wenn er diesen Weg am Abgrund entlang läuft, dann ist es etwas Großartiges. Er hätte hineinstürzen können, und er nahm sogar das Opfer auf sich, hineinzustürzen, und doch lief er dort. Vom >Entweihen< wird dasselbe gesagt. Da ist auch dieser Abgrund, aber hier stolpert er hinein. Es bedeutet ebenfalls, an diesem Rand entlangzulaufen. Sie berühren hier einander. Wenn also jemand etwas sagt, das wir Gotteslästerung nennen, dann, heißt es: achte auf diesen Menschen, vielleicht sagt er das nur, um das Gegenteil zu hören, vielleicht provoziert er dich und will von dir jetzt gerade hören, daß es nicht so ist. Er spielt mit dir am Abgrund, er streckt dir die Hand entgegen: Hol mich heraus. Er kann dich auch hineinziehen, das ist genauso möglich. Aber wenn du die Hand nicht ergreifst, stürzt er ganz bestimmt hinunter.

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Autor: Dieter Miunske


Wald

bezeichnet ursprünglich das nicht bebaute, sich selbst überlassene Land. Daher auch die Verwandtschaft zu wild. Das Wilde ist das von Menschen Unbeeinflusste. Unsere heutigen Wälder werden von Menschen bewirtschaftet und kontrolliert, die nicht Waldmeister, sondern Förster genannt werden. Wer könnte schon Meister des Wilden sein? So kommen wir zu einem weiteren Begriff, der für Wald verwendet wird: Forst, engl. forest, franz. forêt. Alle Wörter stammen vom mittellateinischen forestis, welches »das, was außerhalb liegt« bedeutet. Dies wiederum gehört laut Duden zu lateinisch foris, foras »außerhalb«.

Forschen wir etwas weiter, so werden die Zusammenhänge noch offensichtlicher. Im Spanischen nennt man den Wald bosque, ein Wort das mit busca bzw. busqueda, der Suche, in Verbindung steht. Die Niederländer sagen zum Wald bos. Fast gleichlautend ist in dieser Sprache das Wort für böse, boos.
Im Neuen Testament ist nur ein einziges Mal vom Wald die Rede (Jak. 3,5):

So ist auch die Zunge ein kleines Glied und rühmt sich großer (Dinge). Siehe, ein kleines Feuer, welch einen großen Wald zündet es an!

Das griech. Wort hyle (Wald) bedeutet zugleich auch StoffMaterie und Ballast. Der Vers weist auf die verhängnisvolle Wirkung unbedachter Rede hin. Weiter noch, dass die Rede starken Einfluss auf die Materie hat!
In der Bibel als Ganzes finden wir den Wald zu allererst in 5. Mose 19,5, wo er in einem richtunggebenden Kontext verwendet wird (Zitat ab Vers 4):

4 Und dies ist die Sache mit dem Totschläger, der dahin fliehen soll, damit er am Leben bleibe: Wer seinen Nächsten unabsichtlich (wörtl. ohne Wissen) erschlägt, und er hasste ihn vorher nicht, 5 wie (etwa) wenn jemand (oder er) mit seinem Nächsten in den Wald geht, um Holz zu hauen, und seine Hand holt mit der Axt aus, um das Holz abzuhauen, und das Eisen fährt vom Stiel und trifft seinen Nächsten, dass er stirbt: Der soll in eine dieser Städte fliehen, damit er am Leben bleibe,

In den beiden Versen geht es um das versehentliche Tun. Weinreb sagt dazu in Traumleben II:

Es ist etwas »aus Versehen« geschehen. Heute reden wir oft von »Zufall« und möchten darüber gern mehr erfahren. Vielleicht führt uns diese Fluchtstadtgeschichte ins Zentrum dessen, was uns als »Zufall« ein Rätsel ist. Wir müssten dazu die Entsprechung dieses Bildes in unserem alltäglichen Erleben finden. Haben wir selbst nicht fortwährend mit dieser Situation zu tun? Dem Menschen – so heißt es – geschieht es eigentlich immer so, dass er »nichts dafür kann«. Jedes Tun und jede Situation stellt sich so dar, wenn man alles miteinbezieht. Er nimmt die Axt, um den Baum zu schlagen – hier sei schon gleich darauf hingewiesen, dass »Baum«, »ez«, und »Zeit«, »eth« oder »es«, in der hebräischen Sprache sehr nahe verwandte Begriffe sind. Der Baum wächst wie die Zeit, die sich entwickelt, Neues hervorbringt. Da der Mensch also in der Zeit lebt, geschieht es, dass ein anderer dadurch geschädigt wird. Und immer hat der Mensch mit »Zeit« zu tun. Einerseits also kann der Täter nichts dafür; andererseits aber kann er doch dafür, denn indem er »seinen Ort wechseln« und »in die Stadt fliehen« muss, steht er für seine Tat ein. – Alles, was wir im Leben tun, gleicht ganz einem Tun »aus Versehen«. Herkunft, Umgebung, Erziehung – unendlich viele Faktoren, für die wir nichts können, bestimmen unser Handeln mit.

Einen großen Raum nimmt der Wald in den Märchen ein. »Und sie kamen in einen großen Wald«, liest man dort oft. Dort zuhause sind die Hexen, die in ihrem Namen schon die »6« haben, und die Riesen, die äußerlich schwer beeindrucken und körperlich viel vollbringen, aber geistig genau gegenteilig von »riesig« agieren. Typisch für die Protagonisten der Märchen ist das Verirren im Wald. Wo ist der Ausgang? »Da aber die Nacht kam, suchte er eine Herberge …« Im Wald finden die eigentlichen Prüfungen statt und das wahre Selbst wird offenbar. Darauf weist auch das hebräische Wort für Wald hin, ja’ar, 10-70-200, das man auch als »er erwacht« lesen kann. Das Männliche (Er) steht in der Bibel stets für das Innere und die Erinnerung, wie es das Wort für männlich, sachar, bereits mitteilt. Wald könnte man als »unsere Erinnerung erwacht« oder etwas weiträumiger als »unser Inneres erwacht, indem wir uns erinnern« lesen. Der Athbasch-Wert von ja’ar ist 50, eine Zahl die grundsätzlich mit dem Erwachen zur Erlösung hin verbunden ist. So ist Josua (hebr. Jehoschua), der Sohn der 50 (Josua Ben Nun), weiters ist er auch der na’ar, 50-70-200, der Erweckte (im Hebräischen identisch mit Jüngling), der Mose dient (siehe 2. Mose 33,11). Der Name Jehoschua entspricht im Neuen Testament Jesus, welcher in Luk. 22,19 beim Abendmahl sagt:

(…) dies tut zu meinem Gedächtnis (gr. anamnesis)!

Anamnesis bedeutet auch Erinnerung. Dies tut, auf dass ihr euch daran erinnert, wer ihr in Wirklichkeit seid! Nur durch das Erwecken und Erwachen des Messias in uns erfahren wir, wer wir sind. Deshalb kommt Jesus in diese Welt (»der Mose dient«), stirbt dort und steht wieder auf.

Der Wald steht für die äußerliche, sichtbare Welt, dem in der Zeit Gewachsenen, wo das Licht gedämpft und unser Ausgang ungewiss ist. Allerlei Herausforderungen, teils mit einem Charakter, den wir als Menschen böse nennen, warten auf uns; jedoch nicht, um uns zu zermürben, sondern um uns zum Ewigen, zu unserem inneren Selbst hin zu erwecken, auferstehen zu lassen. So irren wir umher und sind (hoffentlich) auf der Suche nach dem Ausgang. Gleichwie im Märchen hat jeder von uns ganz individuelle Proben zu bestehen, für die es ohne Ausnahme eine (Er-)Lösung gibt. Sämtliche Prüfungen scheinen in den Märchen mit den Methoden des Allgemeinwissens und der Berechnung aussichtslos – sind sie auch! – doch zeigt sich gerade dann, wenn die Verzweiflung am größten ist, wie aus dem Nichts eine zufällige Hilfe, die das Blatt wendet, insofern man sich darauf einlässt und vertraut. Danach findet sich nicht nur der Ausgang, sondern eröffnet sich ein Leben, das alle Erwartungen und Vorstellungen übersteigt.

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Autor: Dieter Miunske


Männlichkeit der Bibel

Friedrich Weinreb in Legende von den beiden Bäumen

Es verwundert vielleicht, daß die Bibel so überwiegend männlich ist. Die Männer werden gezählt. Beim Auszug aus Ägypten gibt es 600000 Männer über 20 Jahre und dann noch alle Frauen, Kinder, Vieh und weitere Habe. Vielleicht wollen wir deshalb mal Abstand nehmen von der Beurteilung der Bibel als nur-im-Zeit-Räumlichen handelnde Mitteilung und versuchen, die Prinzipien, von welchen wir sprachen, hier etwas ernster zu nehmen. Dann würde es bedeuten, daß hier vom Bereich des Nicht-Bewußten gesprochen wird, und daß hier eine Welt des Nicht-Bewußten geöffnet wird. Und dann kommen schon die Frauen usw. mit. Dann kommt das Verhalten im Leben, und dann kommen die Begegnungen im Leben schon auch zu ihrem Recht. Denn ohne Frauen sind diese Männer nicht. Und dann werden die Frauen, welche wohl mit Namen und Erleben genannt werden, auf einmal Körperliches, welches dann doch dort, jenseitig, anwesend ist. Wir trennen immer wieder die Wurzeln. Und zerstören unsere Sicht, verderben unsere Lebensfreude. Denn ohne Verbindung zum Baum des Lebens gibt es vielleicht hier überhaupt kein sinnvolles Leben.
Wenn das Männliche diese Welt des Verborgenen ist, dann ist es wohl sehr wichtig für unser Leben, daß es so viele Geschichten aus dieser Welt gibt. Keine direkten Mitteilungen in der Art, wie wir gewohnt sind, das Diesseitige zu messen. Dann würden diese Mitteilungen mit Leichtmetallschiffen, mit besonderen Antriebswerken, aus dem Weltraum zu uns kommen müssen, mit technisch hochqualifizierten Wissenschaftlern; eben so, wie viele es gern träumen. Und dabei elend und verlassen sind.
Es gibt aber die Geschichten, Erzählungen, weil dies die Vermittler sind für die aus der Welt des Jenseits zu uns gekommenen Mitteilungen. Dort, jenseitig sind sie exakt, so wie die 600000 dort exakt sind. Wenn man die Geschichten als solche erkennt, können sie sehr Vieles und sehr Wichtiges vermitteln. Man sieht dann diese Geschichten nicht als etwas jenseitig des Menschlichen an. Diese Geschichten kommen aus dem Menschen, »sehr nahe ist dir die Sache, in deinem Munde und in deinem Herzen, es zu tun«. Also nicht ein deus ex machina, kein Donner und Blitz hier, sondern im Menschen. Diese Geschichten kommen dem Menschen, er atmet sie ein.

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Autor: Dieter Miunske


Reife

hängt sprachlich zusammen mit »Reihe«; eins folgt auf das andere. Reife wird in der Natur durch das Erleben der Zeit erlangt und ist die letzte Station, die Endstation auf dem Weg des Werdens. Die Entwicklung hat ihr Ziel erreicht. Es folgt die Ernte. Von unserer irdischen Wurzel getrennt zu werden, die uns hervorgebracht und versorgt hat, hat zuweilen nichts mit Abtrünnigkeit, sondern mit Reife zu tun. Einige Pflanzen lassen die reife Frucht auch fallen. Wenn sich unser Umfeld von uns distanziert, kann das durchaus etwas mit Reife zu tun haben.

Erst mit der Reife zeigt sich der Sinn, kommt in der Natur Farbe, Duft und Geschmack. Vorher durchläuft eine Frucht unterschiedlichste Stadien, die in der Regel eines gemeinsam haben: Die heranwachsende Frucht ist währenddessen ungenießbar. Mit der Reife kommt die Hingabe. Welche Frucht wächst um ihrer selbst willen? Meist enthält die Frucht den Samen für neues Leben. Manche Früchte enthalten viele Samen, manche nur einen Kern, jede nach ihrer Art.

Beispielhaft ist der Reifeprozess auch bei der Entwicklung eines Schmetterlings zu beobachten, der die Stadien vom Ei über die Raupe unter fortwährender Veränderung seiner Form bis zur Verpuppung durchläuft. Die Raupe wächst, indem sie frisst und so die Welt in sich aufnimmt.

Mit der Metamorphose, die während der Verpuppung stattfindet, endet auch die Entwicklung. Wenn das Insekt aus der Puppe schlüpft, dauert es oft noch einige Stunden, bis sich der Schmetterling im wahrsten Sinne des Wortes entfaltet hat. Der Schmetterling durchläuft keine Entwicklung mehr. Er ist »fertig«. Fertig stammt von fahren, und bedeutet eigentlich »fertig zur Reise«. Ich bin bereit, es kann losgehen! Aber wohin? Wohin geht der Weg des Schmetterlings? Wohin geht eine Frucht losgelöst von ihrer Wurzel? Die Frage nach dem Wohin und Wozu kann eine reife Frucht kaum beantworten. In 1. Mose 12 spricht Gott zu Abram:

Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde.

Auch hier die Trennung von den Wurzeln.

Die Herausforderung für Abram war laut Überlieferung nicht der Auszug aus seiner Heimat, sondern wie es im Hebräerbrief Kapitel 11 Vers 8 heißt:

(…) und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er komme.

Ein reifer Mensch handelt in vollkommenem Vertrauen darauf, dass er geführt wird, dass es sich tut und es ihm seiner Art entsprechend kommt. Nicht selten verursacht eine persönliche Führung bei den Mitmenschen Naserümpfen und Kopfschütteln.

Innere Reife muss beileibe keinen äußeren Aufbruch als Konsequenz haben. Die größte Bewegung geschieht ohnehin in uns, wenn wir spüren, dass unser Weltbild, welches auf chronologischen Erklärungsmodellen basiert, in sich zusammenfällt. Im Judentum wird gesagt, man dürfe die heiligen Schriften erst »ab 40« studieren. Die Bedeutung ist, dass man der Zeit enthoben sein muss. Denn, so Weinreb:

Der reife Mensch wird das Wort nicht missbrauchen.

Stets sucht er das Heilige im Wort, das ihn zu seiner eigentlichen Wurzel zurückführt. Unreif steht er in der Gefahr, es sich selbst zum Schaden zu verwenden. In der Hingabe baut es sich bei uns. Durch An-sich-Reißen bleibt nur die leblose Hülle des Wortes übrig. Diese ist alles andere als ein Genuss. Wen wundert es da, wenn sich bei Menschen heutzutage alles zusammenzieht, sobald sie nur das Wort »Bibel« hören. Zu lange hat man unreife Früchte verteilt. Das Heilige wird in der Profanierung stets ungenießbar. Profan, entweiht, stammt von »pro fanatisch«, einer selbstredenden Wortkombination.

Auf Hebräisch lautet das Wort für »reif« baschél, 2-300-30. Ein Ausdruck, der bis auf wenige Ausnahmen mit kochen übersetzt wird. Dazu ist die Hitze notwendig, die entweder vom Feuer oder der Sonne kommt. Beides wird im Alten Wissen mit dem Jenseitigen in Verbindung gebracht. Erleben wir unseren Alltag in der Beziehung zum Ewigen, findet dieses Kochen bzw. Reifen bei uns selber statt. In dem Glauben, dass die erscheinende materielle Welt alles ist, kommt der Mensch nicht zur Reife, egal wie alt er ist. Manchmal ist es auch so, dass wir nur verschiedene Anteile unseres Lebens in Beziehung zur »anderen« Welt sehen. Die übrigen Bereiche ordnen wir lieber selbst … und bleiben dort ungenießbar. Dort aber, wo wir unser Leben im Vertrauen auf unseren inneren Ursprung gründen, reifen Früchte, deren Verzehr die Seele erquickt.

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Autor: Dieter Miunske