Segen und Fluch

Segnen, barech, 2+200+20, bedeutet auch sich hinwerfen, knien oder verbeugen. Wenn jemand oder etwas gesegnet wird, wird ein fester Platz, eine feste Verbindung zur Erde zugewiesen. Der gesegnete Mensch erhält einen festen Stand und ist nicht nur mit dem Himmel verbunden, sondern auch gut geerdet.
Mit dem Segen Hand in Hand geht die Ehre, die im schriftlichen Hebräisch identisch mit „Schwere“, also „Gewicht geben“ ist. Das Wort heißt kavod / koved, 20+2+4 und wird so geschrieben, dass man es auch „wie die 6 (2+4)“ lesen könnte. Darüber hinaus fällt auf, dass sich der Segen und die Ehre im Original zwei Zeichen teilen, die beth und die kaf. Die beiden Zeichen, die sich unterscheiden (resch und daleth) ergeben das Wort dor, 4+200, das (neue) Geschlecht, das als Folge des Segens (seid fruchtbar und mehret euch) hervorkommt. Denn über das neue Geschlecht wird das vorangehende geehrt, insofern beide Geschlechter für sich selbst die Verbindung zum Ursprung gesucht haben bzw. suchen.

Fluchen, kalal, 100+30+30, bedeutet auch leicht machen, gering sein, widerwärtig machen und besonders interessant: „irdische Dinge als unwichtig erachten“. Durch das Fluchen wird der feste Stand, zu der auch eine Schwere gehört, quasi aufgehoben und in der Konsequenz kann ein solcher Mensch auch abgehoben auftreten.
Es gibt noch ein zweites Wort für fluchen, welches arur, 1+200+200, lautet. Die Hauptbedeutung hiervon ist „isolieren und in den Ruin bringen“ und „innerlich schwächen“.
Das Wesen des Fluchs besteht gerade darin, die Verbindung zur Erde zu verlieren, wodurch der Mensch auch seiner eigentlichen Bedeutung verlustig geht, nämlich die Erde mit dem Himmel zu verbinden. Ein Seil, das zwei Seiten miteinander verbindet, muss auf beiden Seiten fest verbunden sein. Beim Menschen verwendet man ebenso das Bild des Hakens, der sich fest einhakt, wie es auch das 6. Zeichen, die waw zeigt. Sie ist als das „und“ das häufigste Wort der Bibel, weil es in der Bibel in erster Linie um Verbindung geht. Lesen wir das Wort für Ehre nochmals „wie die 6“, so können wir direkt sehen, dass es bei der Ehre auch um diese Verbindung im Zeichen der waw, des Verbindungshakens, geht.

Segen und Fluch haben als Dreh- und Angelpunkt die Erde und nicht den Himmel. Das Herstellen dieser Verbindung beider Seiten ist keine Kleinigkeit, es sind Kämpfe, Auseinandersetzungen aber auch „Tage des Himmels auf Erden“, wenn der Mensch sich seiner Herkunft bewusst ist und dafür eintritt im Bild und Gleichnis Gottes zu sein.

Fassen wir alle vier Zeichen, aus denen die beiden ersten Wörter bestehen zusammen erhalten wir einen Ausdruck, der 68x so im Thenach vorkommt: Wie das Wort / die Rede. Mit unserem Wort geben oder nehmen wir einer Sache, einem Menschen oder Gott Gewicht. Im Portugiesischen sagt man für „segnen“ wörtlich übersetzt „gut reden“ (abençoar, von lat. benedicere, bene = gut und dicere = reden) und für „fluchen“ genau das Gegenteil „schlecht reden“ (amaldiçoar, von lat. malum = schlecht und dicere = reden). Es liegt ganz bei uns, wie wir das Wort verwenden.

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Autor: Dieter Miunske