Verführung und Versuchung

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Freie Übersetzung eines von Friedrich Weinreb in Niederländisch gehaltenen Vortrages aus 1959.

Dieses Mal wurde ausnahmsweise ein Thema angefragt, ansonsten hätte ich erzählt, was mir gerade einfällt. Es geht um Versuchung und Verführung, ein Thema, das in erster Linie für Pastoren ist, aber ich bin sicher, dass es gut gemeint ist, und gerne will ich etwas darüber sagen.

Schon als Kind stellt man sich die Frage, und weil man keine richtige Antwort bekommt, trägt man sie im ganzen Leben mit sich, nämlich: Wozu ist das ganze Spiel mit der Schlange und der Verführung des Menschen überhaupt nötig? Diese Schlange wurde hereingebracht, um das ganze Spiel zu verderben. Es war so schön im Paradies und es hätte so schön bleiben können. Der Mensch hätte doch ewig auf diese Art leben können. Es fehlte doch nichts, wozu also das alles? Nun ist die Schlange aber geschaffen, um den Menschen zu verführen, ja, dass er verführt werden muss.

Sie kennen das Prinzip, worüber wir hier schon so oft gesprochen haben. Die Bibel besteht bereits vor und außerhalb der Welt. Die biblische Erzählung ist also da, bevor sie sich in der Welt materialisiert, bevor sie „Fleisch“ wird und in der Welt Geschichte wird. Die Tatsache der Schlange und der Versuchung durch die Schlange ist also eine unausweichliche Tatsache, denn die ganze Weltgeschichte – Ägypten, Kanaan, die Propheten usw. – hätte niemals stattfinden können und hätte daher nicht stattgefunden, wenn diese Verführung nicht am Anfang da gewesen wäre. Eine Erlösung kann auch nur stattfinden, wenn es etwas zu erlösen gibt, und diese Erlösung durch den Moschiach (Messias) ist auch nur möglich, wenn ihr eine Verführung durch die Schlange vorausgeht – ich meine hier nicht plastisch ein Tier, sondern die Schlange als allgemeiner Begriff, als Inbegriff der Verführung.

Die Frage ist also: Was ist der Sinn von all dem? Denn mit der Verführung durch die Schlange kommt der Tod! Ein großes Maß an Leid und Elend kommt über die Welt und über jeden einzelnen Menschen, egal wie man es dreht und wendet. Manche Menschen denken, sie hätten es leichter oder besser als andere, aber meistens denken sie, sie hätten es schlechter als andere, denn man orientiert sich meist daran, dass der andere es besser hat. Aber für alle gibt es eine Menge Leid und Elend. Alle leiden. Ich denke, da gibt es keine Ausnahme, und die Frage ist, wie man es verarbeitet oder aufnimmt. Doch auch die Verarbeitung des eigenen Schicksals ist oft alles andere als leicht. Selbst solche Menschen, die äußerlich mit viel Reichtum und anderen Gütern gesegnet sind, sagen, dass sie viel Schlechtes erleben. Dies ist also die Frage, die am Anfang gestellt werden muss. Und man darf einen Gott nicht akzeptieren, der es dem Menschen sehr schwer macht und ihn quält, ohne ihm mitzuteilen, wie sich die Dinge wirklich verhalten. Einen Gott, der den Menschen in eine Welt voller Versuchungen setzt und dann sagt: „Und jetzt wirst du bestraft!“ Darauf läuft es eigentlich – allgemein gesagt – hinaus. Wenn man gewusst hätte, wie viel Elend damit verbunden ist und obendrein noch der Tod in Kauf genommen wird durch das – wiederum symbolisch gesehen – Nehmen und Essen der Frucht, würden die meisten Menschen die Frucht weder angerührt, ja noch nicht einmal angeschaut haben. Anscheinend ist man sich der Konsequenzen nicht bewusst und so erliegt man und dadurch kommen der Zorn und das ganze Elend. Dann aber, wenn der Mensch hart getroffen wurde, kann ihm Gott vergeben und in eine ganz andere Welt kommen lassen. Das musst du dann glauben. Aber der Mensch muss durch eine Menge Elend und ist in Konfrontation mit dem Tod. Das geht mit der Verführung einher, und so beginnt die Geschichte dieser Welt.

Es gibt eine Sichtweise, die dann sagen wird: „Wozu hat Gott das alles dann gemacht? Warum hat Er uns nicht genau gesagt, was wir konkret tun dürfen und was nicht? Warum hat Er uns Eigenschaften gegeben, die praktisch unwiderruflich zum Fall führen?“ Ich sage „praktisch unwiderruflich“, denn obwohl diese Eigenschaft bei einem von einer Million Menschen vorhanden sein mag, passiert praktisch jedem Geschlecht das Gleiche: Der Mensch fällt, wird bestraft und merkt erst hinterher, was los ist. Das gibt dem Menschen ein Gefühl von großer Willkür und vermittelt ihm den Eindruck, dass Gott eigentlich darauf aus ist, den Menschen zu quälen und ihn dann zu bestrafen. Das ist eine Sichtweise, die sich daraus ergibt. Eine andere Sichtweise, die aber dem gleichen Geist entspricht, ist: „Ach schau, niemals kann es Gottes Wille gewesen sein, dass es so viel Leid und Elend gibt; es ist ihm offensichtlich aus den Händen gelaufen und nun entwickelt sich die Welt planlos weiter. Gott hat die Welt geschaffen, er wollte, dass sie gut ist, aber der Mensch hat alles verdorben. Und ja, vielleicht wird später mal alles gut, aber im Moment läuft es nach ganz anderen Gesetzen. Wir sehen, dass die Schlechten und die Harten es schaffen und die Guten immer in Schwierigkeiten geraten.“ Auch dies ist eine Ansicht, die von vielen vertreten wird. Es gibt sogar Theorien, die besagen, dass Gott sich doch nicht mit allerlei Kleinigkeiten befassen kann. Sicher meint er es schon gut mit uns, aber wenn jemand Kopfschmerzen, ein Hühnerauge oder dergleichen hat, damit kann er sich nicht abgeben, das versteht sich doch von selbst. Belästige Gott nicht mit deinem Kleinkram.

Daran können wir erkennen – und ich drücke mich auf moderne Art und Weise aus –, dass doch eine große unbeantwortete Frage im Raum steht, wofür die Verführung nötig ist. Ich denke nicht nur an die Verführung am Anfang der Bibel, sondern an die, die in unser aller Leben tagtäglich auf jedem Gebiet vorkommt. Wie stark ist die Versuchung einen Verrat zu begehen, nur um eine wichtige gesellschaftliche Position zu erhaschen? Wie diszipliniert kann ein Mensch kämpfen, um etwa Irdisches zu erreichen oder einfach nur im „Kampf des Lebens“ zu bestehen und sich gleichzeitig damit vertrösten, zu sagen: „Ach, ich werde später noch genug Zeit haben, mich mit mir selbst zu befassen.“ Dieses „später“ trifft dann meist nicht mehr ein, denn wer diese Art Kampf kämpft, kommt nie zu einem Ende. Die Versuchung ist in allen Bereichen gegenwärtig. Egal ob bei Geld, Reichtum, Essen und Trinken, Beruf, Freizeitgestaltung, Wünschen jeglicher Art. Doch, weshalb? Wozu ist die Welt auf diese Art und Weise gemacht, dass wir alle ständig in Konfrontation sind und vor allem fast wie selbstverständlich auch immer wieder versagen? Bis auf wenige Ausnahmen denkt der Mensch, dass er nicht versagt hat. Ich sage nur „denkt“, aber die meiste Zeit ist er selbst davon überzeugt, dass auch er versagt hat, jeder auf seinem Gebiet. Einer meint, dass er nicht erst versagt, wenn er einen anderen schlecht behandelt, sondern bereits dann, wenn er schlecht über ihn denkt. Anhand des 9. Gebotes bezieht sich dieses Denken auch auf die Güter des anderen, die man nicht begehren soll (2. Mose 20:17). Je nach eigenem Werdegang, Erziehung und Entwicklung begehrt man mehr oder weniger.
Das ist also ein ziemlich offensichtliches Problem und ich muss es nicht näher erläutern; ich wollte es nur mal ansprechen und jeder kann es auf seine eigene Weise ausgestalten. Ich möchte nicht zu sehr auf das Problem eingehen, denn es würde einen ganzen Abend in Anspruch nehmen, wenn ich tiefer darauf eingehen würde. Ich werde jedoch versuchen, dieses Problem auf der Grundlage dessen zu beantworten, was wir hier zuvor diskutiert haben.

Ich kehre zu dem zurück, was ich über die Schöpfungsgeschichte gesagt habe. In der Schöpfungsgeschichte, wie wir sie hier in unserer Terminologie immer besprochen haben, ist die „Zweimachung“ das Prinzip der Schöpfung, die Herstellung des Gegensatzes hell und dunkel, Himmel und Erde etc. Dieser Kontrast drückt sich auch in allem um uns herum aus: gut und böse, hoch und niedrig, Leben und Tod, richtig und falsch. Das ist also das Prinzip der Schöpfung. Warum? Warum der Kontrast zwischen Leben und Tod, richtig und falsch, usw.? Warum wurde die Welt auf diese Weise erschaffen? Sie wurde so erschaffen, damit die Wiederherstellung der Einheit, die Wiederfindung der Einheit zwischen Recht und Unrecht, zwischen Leben und Tod, die Heilung des Bruchs der Dualität, die Vereinigung, das größte Glück ist, das man sich überhaupt vorstellen kann. Das ist der Sinn, weshalb Gott die Schöpfung so gemacht hat; dass der Mensch dieses größte Glück der Einswerdung erleben kann. Damit er sich so weit wie möglich von der Einheit entfernt empfindet und sieht, wie in seinem Leben diese Einswerdung kommt. Ob er dieses Gefühl selbst macht oder ob es für ihn gemacht wird, lasse ich im Moment beiseite – aber dass er die Einswerdung erfährt. Das ist der Grund, warum diese Zweiheit in die Schöpfung gelegt wurde. Sie ist nicht dazu gemacht, den Menschen zu quälen, immer das Leben im Gegensatz zum Tod zu sehen, sondern um ihn glücklich zu machen, indem er erkennt, dass Leben und Tod kein Widerspruch sind (das Leben eine Welt und der Tod eine andere Welt), sondern dass diese beiden Welten zusammengehören und nur zusammen die Wirklichkeit bilden. Das Leben alleine und der Tod alleine betrachtet sind etwas ganz Einseitiges. Harmonie entsteht nur, wenn man beide als Einheit zusammenwirken lässt. Auch unsere Welt ist etwas sehr Einseitiges, und sie kann ganz bestimmt nicht das Endziel unsers Lebens sein. Das ist der Grund, warum es hier immer eine Gegenseite gibt, die uns Angst einjagt, verletzt und uns in Schwierigkeiten bringt, so dass man sagt: „Wozu die Zweiheit, weshalb diese Gegensätze?“, doch dadurch begeben wir uns auf die Suche und bauen Brücken, die beide Seiten verbinden. Das ist das ganze Leben.

Es ist nicht so, dass du sagst: „Ich werde jeden Tag eine halbe Stunde meditieren, um die Einheit herzustellen!“ Dann bist du ein Heuchler. Jeder Tag ist „Eins-Machung“. Alle unsere Taten sind in Wirklichkeit Eins-Machung, egal ob du in die Tram einsteigst oder ein Ticket für die Bahn kaufst. Zumindest muss es beseelt sein, zum Leben erweckt durch die Wertschätzung des Menschen, der dies sucht. Dann sieht er in allem, dass die Einswerdung sich ständig vollzieht. Deshalb ist es so ein schrecklicher Götzendienst, eine Stunde lang in der Kirche zu sitzen und dann zu sagen: „Ich habe gebetet und gesungen und eine Predigt gehört, und jetzt wenden wir uns wieder der Gesellschaft zu.“ Das geht nicht. Einswerdung ist Tag und Nacht. Es gibt keine Sekunde im ganzen Leben, die ausgenommen ist. Ignorieren wir unsere Aufgabe und Bedeutung in dieser Hinsicht, lassen wir die Trennung bestehen und leiden unter ihr. Die Gegensätze dieser Welt bestehen nur um ihrer Einswerdung willen. Deshalb ist die Welt, wie sie ist.
Nun ist die Einswerdung etwas, wovon der Mensch sagen könnte: „Gut, ich werde mir die Welt anschauen, sie studieren, werde sie untersuchen und sie mit meinen Erfahrungen messen und Verbindungen bauen, werde die Einswerdung der Gegensätze vollziehen.“ So wird er durch sein braves Leben, seine guten Taten und seinen Verstand die Gegensätze einswerden lassen. Das ist das, was sich jeder Mensch wünschen könnte, aber da gibt es etwas anderes – und jetzt komme ich zum Punkt der Versuchung –, das er nicht tun kann. Ihr seid alle vertraut – sicherlich als Niederländer – mit dem großen Streit betreffs der Prädestination (Vorherbestimmung) und dem freiem Willen. Allein die Tatsache, dass darüber gestritten wird, ist Ausdruck davon, dass man nichts mehr versteht, denn Prädestination und freier Wille sind keine Gegensätze, es ist nicht dies oder das, das ist unmöglich. Der Streit entstand zu einer Zeit, als die Renaissance, die Aufklärung und das Heidentum Europa bereits durchdrungen und das Christentum untergraben hatten.

Diese Einigung will der Mensch durch seine Erfahrungen und die Ansichten, die er von der Welt erhält, erreichen. In gutem Glauben, nach bestem Wissen und Gewissen studiert und schaut er sich die Welt an, erlebt Dinge und will sie mit ehrlichem Herzen passend machen. Diese Bereitschaft, die Welt nach diesen Maßstäben zu versöhnen, die der Mensch erlebt und denen er unterworfen ist, ist eigentlich das, was die Bibel mit dem Essen vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse meint. Denn dieser Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (der Name in seiner Übersetzung sagt es ja schon, dass man die Maßstäbe kennt, um die Extreme zu messen: Gut und Böse, Leben und Tod), dieser Baum, sagt Gott, ist für mich reserviert. „Nur ich habe diese Maßstäbe und nur von mir kannst du diese erhalten. Sobald du von diesem Baum isst und sobald du anfängst, diese Maßstäbe selbst zu konstruieren, ist das der Tod … das genügt schon. Du kannst diese Maßstäbe nicht festlegen.“
Warum nicht? Ist das ein Spiel, dass der Mensch die Maßstäbe nicht bestimmen kann? Er wird in die Welt gesetzt und hat nichts zu bestimmen? Denn die Einigung zwischen Gut und Böse und zwischen Leben und Tod ist nicht eine Sache der menschlichen Vernunft, der Weisheit, sondern eine Sache des Vertrauens und der Liebe in die Maßstäbe, die Gott gibt. Einswerdung ist keine Frage von Intelligenz oder großer Weisheit, sondern des blinden Vertrauens dahingehend, dass Gott die Welt machte, um dem Menschen das größte Glück zu schenken. Mit der Schaffung der Welt drückt Gott seine Liebe zum und sein Vertrauen in den Menschen aus. Der Beweggrund, den Menschen in scheinbar unüberbrückbare Gegensätze hineinzusetzen, ist ganz alleine die Liebe. Gott vertraut dem Menschen und hofft, dass sich dieser zurücksehnt, denn wer auf diese Weise ebenfalls in Liebe und Vertrauen umkehrt und zurückkommt, steht auf dem gleichen Niveau, auf welchem Gott die Welt geschaffen hat. Der Mensch kann also nicht gemäß seinem eigenen Urteil handeln, auch wenn er es noch so gut meint. Die meisten Menschen – fast alle Menschen – meinen es gut, andernfalls müsste eine Art Krankheit vorliegen. Ich habe oft Namen von sehr berüchtigten und schlechten Menschen genannt, die es auch nur gut gemeint haben. Sie dachten, dass es so sein muss und dass es so wie sie meinten, gut ist. Sie haben sich sogar oft auf Gott berufen. Mit rationellem Verstand ist es jedoch ausgeschlossen zu Gott zu kommen. Zu allererst muss ich den Weg annehmen, den Gott mir zeigt.
Erst wenn der Mensch gesagt hat: „Ich vertraue“, sieht er, dass es vollkommen in Übereinstimmung mit dem Verstand ist. Der Verstand öffnet sich erst, wenn er diesen Akt des Vertrauens vollzogen hat. Fordert er zunächst Beweise und Sicherheiten, um glauben zu können, sieht er den Tod. So geht das nicht. Die Basis, der Ausgangspunkt für alle seine Handlungen, sein Denken, Tun und Lassen muss das Vertrauen sein. Wenn alles auf Vertrauen basiert, dann wird und muss alles in Übereinstimmung mit dem Verstand sein, der ihm gegeben wurde. So wird sich das Verständnis für die Zusammenhänge öffnen.

Wenn der Handlungsantrieb egoistischen Motiven folgt, die sich darin äußern, dass man denkt: „So komme ich in den Himmel und erhalte das Paradies“, wird sich das Verständnis nicht öffnen. Nein, Vertrauen bedeutet, es um des anderen willen (der dann Gott sein kann) zu tun, aus Liebe zu Gott, auch wenn ich sozusagen in der Hölle lande. Es geht hierbei nicht um eine Belohnung, das hat damit nichts zu tun. Wenn ich jemand liebe, dann liebe ich jemand, aber erwarte doch nicht, dass er im Gegenzug nett zu mir ist. Das wäre doch sehr eigenartig. Sie wissen, dass Kanaaniter Kaufmann bedeutet. Der Kaufmann muss aus dem heiligen Land vertrieben werden, wie er auch aus dem Tempel vertrieben wird. Er gehört dort nicht hin. Es ist nicht sein Ort. Der Geldwechsler ist der, der austauscht. „Ich nehme dies von dir und dafür bekommst du das von mir.“ Das ist ein Handel, ein Geschäft, das im Tempel nicht toleriert wird. Wenn du sagst: „Ich bin schön brav, dann komme ich auch in den Himmel zu den rosa und blauen Engelein mit den Daunenflügeln“ (sie kennen die schönen Erzählungen), dann ist das von vornherein falsch. Du musst es in dir haben und dann wirst du früher oder später auch erkennen, dass du es „einfach“ tust, ungeachtet der Konsequenzen, weil du weißt, dass es gut ist. „Wenn ich in die Hölle komme oder was auch immer, oder aufhöre zu existieren, was kümmert es mich? Ich finde Gott so großartig und er ist mir so nahe, dass ich ihn, egal was passiert, liebe.“
Es geht nicht darum: Ich werde Glauben und Liebe haben, mit dem irgendwo unbewussten Gefühl, dass dies belohnt werden wird; ich werde mich nicht den Bösewichten in der Hölle anschließen. Ich werde mit einem gigantischen Schnellzug direkt in den Himmel fahren und es wird alles wunderbar sein, denn ich bin ja ach so brav … Man lacht darüber, aber jeder hat es in sich. Jeder denkt bei sich selbst: „Na ja, ich habe schon auch viel Gutes und Nettes getan. Wenn ich abends vor dem Zubettgehen meine Tagesbilanz anschaue, dann habe ich eigentlich eine ganze Reihe gute Taten vollbracht. Es wäre seitens Gottes sehr unfair, wenn er mir das nicht anrechnen würde.“
Es geht nicht darum, jede gute Tat zu verbuchen, die du tust; du musst das Gute tun. Ein großer Mann der Geschichte soll gesagt haben: „Ich würde sogar gerne meine Glückseligkeit im Jenseits opfern und für immer in die Hölle gehen oder was auch immer, es ist mir egal, nur um zu zeigen, dass ich es tue, weil ich Gott liebe. Er soll mir alles Schlechte geben, aber ich tue es trotzdem, das hat nichts miteinander zu tun.“

Dieses Prinzip der Maßstäbe für die Wiedervereinigung kann also nicht von dieser Welt kommen, nicht von dem Baum, der dort steht, von Gut und Böse. Ich habe bereits das Thema des Baumes besprochen. Ich würde zu viel wiederholen, wenn ich noch einmal erzählen würde, was es bedeutet. Dieses Prinzip von Gut und Böse in der Welt, dieser Maßstab, so heißt es, ist von Gott. Der Baum des Lebens war für den Menschen. Er könnte es haben. Aber indem er zuerst vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse nahm, d.h. indem er zuerst selbst die Maßstäbe von Gut und Böse fand, konnte er das ewige Leben und die Einheit nicht erlangen. Denn dann ist der Weg zum Baum des Lebens abgeschnitten und er kommt nicht dorthin. Er wird nur auf dem langen, schier endlosen Weg der Geschichte dorthin gelangen. Das Prinzip der Einswerdung ist eine sehr spezifische Angelegenheit. Wie wir die Dinge zu sehen haben, wird uns von woanders her mitgeteilt, nicht von hier. Die Grundlage dieser Sichtweise, die die Einswerdung zum Ziel hat, ist nicht die Basis rationellen Denkens oder einer bestimmten Form der Entwicklung, sondern besteht aus Hingabe in Vertrauen, ich möchte sogar sagen, sie ist eine emotionale Grundlage, eine Gefühlsgrundlage, eine geistige Grundlage, aber nicht im Sinne des Verstandes. Also muss alles, was uns unser diesseitiges Beurteilen von Gut und Böse präsentiert, beiseitegelegt werden, wenn wir der Sichtweise des Himmels folgen wollen. Erst mit dem Verzicht auf die Richtigkeit der eigenen Sichtweise, wird der Weg zum Baum des Lebens frei. Ich habe bereits über den Tempel gesprochen, der uns von einer anderen Seite die Zusammenhänge zeigt. Ohne das Töten des Tieres war es nicht möglich ins Innere des Tempels, das Heiligtum, zu kommen. Die vier Beine des Tieres müssen zur Eins gebunden werden. Die diesseitige Sichtweise des Menschen, sein Urteilen, entspricht dem Wesen des Tieres. Der Körper kommt auch ins Heiligtum, weil das Blut des Tieres ins Allerheiligste gebracht wird, aber erst nach dem „Binden von der Vier zur Eins“. Vorher ist das nicht möglich. Das ist also das Prinzip.

Es bleibt nun die Frage: „Warum ist der Mensch dann überhaupt mit der Schlange bei diesem Zusammenstoß mit dem Baum der Erkenntnis gefallen? Warum hat er es nicht bestanden?“ Denn mit diesem ersten Schritt in die Welt, sozusagen, wo er vom Baum der Erkenntnis nimmt, kommt der Tod und damit auch der sterbliche Körper des Menschen. Der Körper davor war ein anderer Körper als der, den der Mensch danach erhielt. Der Körper, den der Mensch danach erhielt, wurde zu diesem sterblichen Körper. Der Körper, der sozusagen auch das Muster der Entwicklung, des Wachstums zeigt: vom Embryo zum Baby, vom Kind zum erwachsenen Menschen und einem alternden Körper und einem wieder gehenden. Der Körper bekommt die Struktur von etwas, das sich entwickelt und wieder geht. Auch die Struktur – denken Sie nur an unseren ersten Vortrag vor 12 oder 13 Jahren – des Mondes. Der Mond erscheint aus dem Nichts, wird groß, verschwindet und taucht wieder auf. Wir wissen das über den Mond, aber über den Körper sagen wir alle: Der Körper geht weg und er bleibt weg. Deshalb ist der Mond auch mit der Frau verbunden. Fruchtbarkeit, die monatliche Periode der Frau und der Mond stehen in einem Zusammenhang. Dieses Leben, das gekommen ist, ist ein Mondleben, ein Leben, das sich entwickelt, wächst und vergeht.

Dieses Weggehen des Körpers ist also eine der Grundlagen der Schöpfung, denn prompt nimmt der Mensch von diesem Baum. Er muss die Frucht sozusagen nehmen, denn mit dem Körper, den er erhalten hat, nachdem er sich mit dem Baum der Erkenntnis und der Schlange in der Welt auseinandersetzen musste, legt er den Grundstein für die Erlösung. Die Schlange ist also eigentlich – und das ist ein Geheimnis, das sich nur schwer in Worte fassen lässt – die andere Seite des Messias. Sie wissen, die Zahl der Schlange und die Zahl des Messias sind die gleichen [358]. Es ist wie Leben und Tod; wenn der Messias das Leben ist, ist die Schlange der Tod. Aber Leben und Tod gehören zusammen, sie sind eine Einheit. Diese erste Handlung, durch die der Mensch diesen Körper erhält, ist eine Begegnung, die eigentlich die Grundlage ist, damit es später eine Erlösung geben kann. Der Fall ist der erste Schritt zur Erlösung. Denn mit dem Kommen des Todes weist die Überlieferung auch darauf hin, dass zum Beispiel in der ersten Schöpfungsgeschichte, wo die sechs Schöpfungstage beschrieben werden, am Ende des 6. Tages steht: „Und Gott sah, dass alles sehr gut war.“ In dem hebräischen Text kann man den Ausdruck „sehr gut“ auch als „der Tod ist gut“ lesen. Und mit dem Tod, der als Folge dieses Falles am Ende des 6. Tages, in Kraft tritt, entsteht für den Menschen eigentlich erst die Basis im blinden Vertrauen handeln zu können, empfindend, ohne Beweise, dass es doch gut ist. Das ewige Leben zeigt sich auch in der Gemeinsamkeit von Mann und Frau. Doch beide werden voneinander getrennt, stehen für sich alleine. Jetzt müssen sie selbst herausfinden, wie sie zueinanderpassen, zueinanderkommen, um zu einer Einheit zu werden.

So wie Mann und Frau getrennt wurden, so wurde alles getrennt, auch das Leben und der Tod, damit der Mensch mit dem Tod vor Augen – in der Entwicklung des Körpers – noch jenen Akt des Vertrauens vollziehen konnte: „Ich sehe als Mensch den Tod, er ist meiner sinnlichen Wahrnehmung gemäß unvermeidlich, alles läuft darauf hinaus. Zwar hört und liest man auch von Wundern, doch die müssen wir zuerst einmal selbst gesehen haben“, sagen wir dann. In der Welt, wie wir sie kennen, ist der Tod alltäglich. Um mich herum sehe ich Fliegen, Mücken, Katzen und Hunde sterben. Die ganze Natur führt uns im Laufe der Jahreszeiten ebenfalls Leben und Sterben vor Augen. Aus diesem Grund wird der Mensch zunächst als Einheit von Mann und Frau geschaffen. Mit der Gegebenheit der Trennung vor Augen – nicht alleine zwischen Tod und Leben, sondern auch zwischen Recht und Unrecht – können wir nur im Vertrauen sagen, dass wir wissen, dass es gut ist wie es ist. Wir erleben Ungerechtigkeit und sehen, dass ehrenwerte Menschen in Schwierigkeiten geraten und steckenbleiben, während es bei niederträchtigen Menschen oft außerordentlich gut läuft. Trotzdem möchte ich sagen, dass es sicher gut ist, offenbar sogar so sein muss, mache mir keine Sorgen darüber, denn irgendwo besteht eine Einheit, ich sehe nur einen Ausschnitt, deshalb steht mir kein Urteil zu. Ich kenne weder Anfang noch Ende, sondern nur eine kleine Phase des Ganzen steht mir gegenüber und hierin besteht die Versuchung. Was meine Augen und meine Ohren mir anbieten, nehme ich nicht. Ich vertraue auf einen Maßstab, der außerhalb der Sinne und der Ratio ist und nur dem Vertrauen und der Liebe zugänglich ist. Hingabe ist nichts anderes als das Vertrauen über den Verstand zu stellen, wissend, dass es doch gut ist, auch wenn ich es im Moment nicht verstehe. Der Verstand meckert schnell und spricht: „Ja, die Welt ist schlecht, und die Menschen sind undankbar. Hilfst du jemand und tust Gutes, bekommst du keinen Dank, sondern eher noch Ärger dafür zurück!“ Ach ja, was soll man vom Verstand erwarten? Er kann es nicht fassen. Deshalb ist die Welt für uns widersprüchlich.

Kommen wir zum Beginn von Verführung und Versuchung. Warum äußert sich das so? Von ihrem Ursprung bei Gott hat sich die Welt, die ganze Schöpfung, immer weiter von Gott weg entwickelt. Der Mensch entsteht ganz am Ende der Schöpfung als letzter Schöpfungsakt und ist damit am weitesten von Gott entfernt. Das zeigt sich sogar im linearen Lesen der Bibel. Alles andere steht Gott näher. Um die Versuchung besser zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass nach dem Menschen nichts mehr kommt. Auf dem Weg weg von Gott gibt es keine Hindernisse. Der Mensch hat potentiell die Möglichkeit, sich so weit zu entfernen, dass er nicht mehr zurückkommen kann. Um uns dieser Thematik zu nähern, möchte ich über den 6. Schöpfungstag sprechen, der verkürzt wurde. Es war genau der Punkt, an dem sich die Entwicklung umkehrte und zu einem Kreis wurde, denn wenn diese Entwicklung eine Sekunde oder einen Millimeter, um es in menschlichen Begriffen auszudrücken, weitergegangen wäre, wäre sie im Abgrund verloren gegangen und die ganze Schöpfung wäre vergeblich gewesen – Gott hätte die Schöpfung wieder wegnehmen, sie rückgängig machen müssen. Diese Kraft der Entwicklung ist so stark, dass der Mensch immer am Rande dieses Abgrunds steht, und am Rande dieses Abgrunds wäre er fast verloren. Diese Extreme liegen dort so weit auseinander, dass sie wirklich die äußersten Extreme sind. Leben und Tod sind dort ganz klar Gegensätze, Extreme, und aus dieser äußersten Ferne gibt es immer die Wahl: Gehst du den Weg zum Abgrund, weg von Gott, oder kommst du zurück?
Der Mensch würde – und so ist er gemacht und ebenso ist die ganze Welt gemacht – wenn er den freien Willen hätte, in den Abgrund gehen. In ihm ist die Kraft der Entwicklung und des Fortschrittes so stark, dass er in der Gottesferne nur eine Richtung kennt: Noch weiter weg von Gott. Um zu verhindern, dass der Mensch tatsächlich in den Abgrund stürzt, verkürzt Gott den 6. Tag. Das projiziert sich in das Leben des Menschen darin, dass er stirbt. Der Tod verhindert jede weitere Entwicklung. Der Weg ist zu Ende. Der Moment, in dem ein Mensch stirbt, ist zugleich der letzte Moment vor dem Sturz in den Abgrund. Diese Umkehrung zeigt, dass es nicht dein Intellekt, deine Stärke, deine Klugheit, Weisheit und Güte ist, die dich zu Gott zurückbringen wird, sondern dass Gott bereits die Erlösung von allem Anfang an verwirklicht hat, um dich zurückzubringen. Die Erlösung ist in dieser Welt, in diesem Leben, das was wir Tod nennen. Wenn die Trennung der Welt aufgehoben ist, lautet der Name der Erlösung „Messias“, denn mit ihm ist der Tod aufgehoben. Wenn der Mensch am „Ende der Tage“ stirbt, trifft er den Messias in diesem Leben; dann wird der Gegensatz aufgehoben und die Einheit wiederhergestellt.

Jede Erlösung in der Bibel, auch im Alten Testament, ist eine Erlösung „um Haaresbreite“. Als das biblische Israel in Ägypten war, so die Überlieferung, hatten sie bereits 49 Tore der Unreinheit durchschritten. Wären sie durch das 50. Tor gegangen, wären sie für immer verloren gewesen. Aber dann nahm Gott den Menschen aus dieser Welt heraus und brachte ihn in eine andere Welt. Jedes Leben beugt sich in diesem Augenblick dem, wozu es sich beugen muss, nach Maßstäben, die uns fremd sind, die wir nicht kennen. Für den einen ist es nach ein paar Stunden Leben, für den anderen nach 120 Lebensjahren, aber es wendet sich in einem Moment, in dem sich dieses Leben wenden muss. Ob du nun ermordet oder zerquetscht wirst, oder einfach nur einschläfst, die Art und Weise hat damit nichts zu tun. Dass bspw. nach 900 und soundsoviel Jahren sich ein Stein löst und einen Menschen erschlägt, liegt schon in der Schöpfung fest. Alles hat eine Kausalität, die bis zum Anfang zurückreicht. In diesem Moment dreht sich alles um. Deshalb stehen wir vor dem, was wir Versuchung nennen. Permanent stehen wir in der Auseinandersetzung, welche Maßstäbe die für uns gültigen sind. Sind es die Maßstäbe des Körpers oder deines Verstandes, oder glaubst du, dass es in Wirklichkeit anders ist, als es sich darstellt? Auch wenn es nicht passt, es nicht gut aussieht und es keine Belohnung gibt, es ist mir egal, ich vertraue Gott, weil ich ihn liebe.

Der Versuchung widerstehen bedeutet, dem Verstand zu misstrauen. Aber alle vernünftigen Entscheidungen sind natürlich Entscheidungen, bei denen Sie scheitern und sich verführen lassen. Deshalb möchte ich betonen, dass in jeder Sekunde diese Einswerdung stattfinden muss, mein Handeln also im Vertrauen auf Gott gerichtet ist. Sag‘ nicht: „In diesem Land hier läuft alles schief, wir müssen das ganz anders anpacken, uns ins Zeug legen, sonst wird das nichts.“ Diese Idee impliziert bereits, dass wir diese Welt in Ordnung bringen werden. Ist es nicht sehr extrem, so etwas zu sagen … aber, wie soll man es sonst machen? Schau, wenn wir es in die Hand nehmen und mit all unserem Wissen und unserer Erfahrung planen, dann denke ich an mehrere Welten, von denen die Bibel erzählt, die genau auf diese Weise untergegangen sind. Das Geschlecht, in welchem die Sintflut stattfindet, war sehr gescheit. Die Söhne Gottes, von denen in 1. Mose 6 in den ersten Versen berichtet wird – das müssen wir zugeben – verrichten viele Taten. Das Geschlecht beim Turmbau zu Babel wollte den Himmel nicht nur erreichen, sondern besetzen. „Wir kommen näher und näher, bald haben wir es geschafft!“, ist die Intention eines babylonischen Turmbauers. Wie die Geschichte ausgeht, ist uns allen bekannt. Es geht hierbei um Weltuntergänge, um die Beendigung einer Kontinuität, doch es gibt keine endlose Kontinuität. Die ganze Bibel benachdruckt die Diskontinuität, ohne welche alles verloren wäre. Es gibt immer neue Welten. Und in der Tat, wenn wir mit der Fortschrittlichkeit und Entwicklung weitermachen (mit diesen Raketen ist es einfach; wer weiß, vielleicht finden sie auf dem Mars Geldscheine oder Diamanten oder was auch immer; manche Leute mögen das, „dann haben wir noch mehr Luxus“), dann wird es, wie die Bibel immer sagt, per se zu einem Untergang der Welt führen. Ob das nun nächstes Jahr oder in 1.000 Jahren ist, ist irrelevant, aber diese Entwicklung steuert auf den Weltuntergang zu. Die Alternative ist immer, sich komplett von ihr abzuwenden, bis hin zur Lächerlichkeit. Und das ist die Rettung.

Die Überlieferung erzählt von Noach, als er die Arche baute und an das Wort glaubte, sagten die Leute immer: „Du bist verrückt!“ Die Leute haben gelacht und niemand wollte in diese Arche gehen. Noach war der Einzige, der mit seiner Familie in die Arche ging. Die Arche, die auf Hebräisch tebah heißt, bedeutet eigentlich Wort. Auch ihre Maße verweisen darauf, denn die dem Maßen zugeordneten Buchstaben ergeben das Wort für Zunge (laschon, 30-300-50). Ich habe ihnen das schon oft erzählt. In Sodom war es Lot, der als Einziger anders handelte. In Sodom handelt und beurteilt man nach den Regeln Sodoms. Alle, die nach Sodom kamen, mussten zunächst einmal angepasst werden. Sie kennen die Legende vom Prokrustesbett. Ein Bett ist im Hebräischen sehr nah am Wort für Maß. Wer zu lang ist wird gekürzt, und wer zu kurz ist, wird gestreckt. Am Ende sind zwar alle tot, dafür aber passen sie. Lot musste sich den Maßen Sodoms anpassen, legte diese Maßstäbe aber nicht an Gäste an. Er ließ sie so, wie sie waren. Sodom wollte Lot in der Tat zerstören, aber er war der Einzige, der entkam, als Sodom unterging. Noach ging es ebenso und beim Auszug von Ägypten entkommt ein Fünftel. Ein Teil geht weg, zieht aus und vier Teile bleiben zurück, 1:4. Es entkommt immer nur der Teil, der sich nicht mit dem anderen vermischt. Es geht letztlich nicht darum, was du besitzt, sondern ob du daran hängst. Besitzt du oder wirst du besessen. Darum geht es. Wenn du deine irdischen Errungenschaften nicht leicht aufgeben kannst, besitzen diese dich. Es geht nicht darum, ob ich das Licht anmache oder im Auto sitze, es geht darum, ob mir dieses Auto oder dieses Licht wichtig ist. Ich mache mir nichts daraus. Ich kümmere mich nicht um den Lebensstandard! Das ist mir egal. Ich war in einer Zelle, ich war in einem Lager, ich war in allen möglichen Lagern, ich war dort glücklich oder nicht glücklich. Ich bin auch nicht immer glücklich, trotz allem Wohlstand, das macht nichts, aber man muss jeden Moment das Gefühl haben: Ich kehre dem Ganzen vollständig den Rücken zu. Du musst dir auch dessen gewiss sein, dass du in völliger Harmonie mit dir selbst bist, so dass du sagst: Ich bin angewidert von der Fortschrittlichkeit. Das ganze Gerede über Entwicklung und immer besser werden ekelt mich an; genauso wie der Teufel mich anekelt, ekelt es mich an. Denn die Entwicklung ist der Teufel. Es ist jene Kraft, die sich immer weiter vom Ursprung entfernen und uns an den Abgrund bringen will. Sie wissen von dem Menschen, der in den Abgrund fällt, weil er sein ganzes Leben nur nach vorne schaut und Gott den Rücken zuwendet, indem er ihn in das Reich alter Mythen, Sagen und Legenden verbannt.

Sie wissen, dass die Bibel oft bei Zeitangaben von 400 Jahren, 40 Jahren und 40 Tagen spricht. Das hat nichts mit einer Vorliebe für diese Zahlen zu tun, auch nicht damit, dass es einfach praktischer ist, weil man das an vier Fingern abzählen konnte. „Sie hatten früher eben noch keinen Daumen“, habe ich einmal in einem theologischen Werk gelesen. „Sie hatten nur vier Finger und deshalb ging es auch nur bis vier.“ Es wurde viel darüber geredet, gut für eine Dissertation oder Diplomarbeit, oder so. Ja, diese Dinger gibt es, das ist kein Scherz. Der Begriff 400 in der Bibel ist der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets. Das heißt, der Begriff 400 ist ewig [im Sinne von unendlicher Zeit]. Dieser letzte Buchstabe heißt Taw. Er wurde in den alten Hieroglyphen durch ein Kreuz dargestellt und steht auch für das Leiden. Der Begriff „ewige Verdammnis“ hängt mit diesem Zeichen zusammen, denn es drückt aus, dass es scheinbar kein Ende gibt. Im Erleben der „ewigen Verdammnis“ sieht der Mensch kein Entkommen mehr. Es zeichnet sich kein Ende ab. Es ist vergleichbar mit dem Blick ins Weltall: Wo fängt es an und wo hört es auf? Diese Erfahrung des kein Ausweg mehr Sehens kann eine Sekunde, eine Minute, ein Tag oder auch länger sein, aber es wird ein Ende geben, denn nach dieser 400 wird der Mensch erlöst, denn sie wissen, dass die Bibel immer davon erzählt, dass der Knecht im 50. Jahr zurückkommt. Es gibt ganz sicher ein Ende, aber die Erfahrung des Menschen während dieses Erlebens der 400 ist das Gefühl der Unendlichkeit. Das ist nur der Fall, wenn wir unsere Augen öffnen und unser Radar arbeiten lassen, dann scheint alles unendlich zu sein. Es hängt immer von unserer Art des Lebens ab, ob wir es unendlich sehen und uns nur als Staubkorn im Universum empfinden. Das ist eigentlich die Strafe, wenn wir den Verstand, der auf der sinnlichen Wahrnehmung aufbaut, sprechen lassen.
Wir stehen der Verführung und der Versuchung sofort gegenüber, sobald wir urteilen. Alles um uns herum lockt uns auf diese Weise an.
Jemand sieht vielleicht ein, dass er es in seinem Beruf nur durch Arbeit mit seinem Ellenbogen so weit gebracht hat, sich widerlich zu anderen verhalten hat. Andere sehen ein, dass sie dies zu viel und anderes zu wenig getan haben. Immer wieder lassen wir uns durch einen vermeintlichen Vorteil dazu verleiten, auf eine Weise zu handeln, die wir bei anderen vielleicht anprangern würden.
Die Lösung besteht in dem: Ich kehre um. Wenn man etwas einsieht, muss die Konsequenz sofort erfolgen. Das ist Umkehr. Mit einem „mal sehen was passiert“ oder einem nach und nach, Schritt für Schritt, hofft man wiederum auf die Kraft der Entwicklung, die wie die Schlange immer damit argumentiert, dass es irgendwann einmal eine Lösung geben wird. Die Umkehr zerbricht diese Kraft, die immer weiter vom Ursprung wegzieht.

Es ist sehr einfach, umzukehren. Es ist sogar so einfach, dass man es gar nicht glauben will. Das Schwierige ist nur, wenn man nicht will und auf diese Weise weitermacht: Das muss noch gelöst werden und das, und das ist noch nicht richtig und diesen Leuten muss ich noch helfen und ich muss noch Geld verdienen und muss noch diese Prüfung bestehen und so weiter. Es gibt immer irgendeine Ausrede im Sinne von „irgendwann einmal!“. Nein, es wird nicht kommen. Die Entscheidung der Rückkehr hat man in jeder Sekunde des Lebens: Gehen wir weiter oder gehen wir zurück? Wenden wir uns Gott zu oder von Gott ab? Das gilt in allen Bereichen. Sobald man sich umgedreht hat, erlebt man etwas sehr Verrücktes, etwas sehr Seltsames. Dann stellt sich heraus, dass es sehr einfach ist und dass alle Themen ein anderes Verhältnis, einen anderen Charakter haben. Dass alles ganz anders ist. Kommen sie nicht auf die Idee, dass sie bei einer Umkehr eine Belohnung erhalten nach dem Motto: „Ich werde jetzt schön brav sein und dann werde ich meine Hand aufhalten und Gott wird mir meine Verluste erstatten.“ Diese Gesinnung zeigt sich eher selten bis gar nicht bewusst, aber im Stillen, unbewusst, denkt der Mensch: „Das habe ich aber gut hinbekommen, ohne Zweifel wird mir dafür eine Belohnung zuteil.“ Es könnte auch jemand anderes zu dir sagen: „Gott wird dich sicher belohnen.“ Ja, das hören wir doch gerne „dann muss ich doch offensichtlich etwas richtig gemacht haben.“ Sollte aber jemand sagen – lassen sie mich es einmal ganz flach ausdrücken: „Hey, du Idiot, hau ab!“, was würde das mit ihnen machen? Es ist genau das Gleiche nur mit umgekehrten Vorzeichen. Wenn du es gut getan hast, hast du es gut getan, egal was die Leute sagen, und wenn jemand sagt: „Gott wird’s dir lohnen“, na gut, meinetwegen. Ich lehne es also nicht per se ab, wenn jemand so etwas sagt, aber es hat mit der eigentlichen Sache nichts zu tun. Deine Handlung hat nichts mit der Reaktion der anderen zu tun. Niemand weiß, was in deinem Leben zur Zeit geschieht und genau deshalb ist das Urteil anderer über dich ohne tiefere Bedeutung.
Wir müssen leben, es ist unsere Pflicht, doch in jeder Sekunde, in jedem Moment müssen wir uns die Frage stellen, ob wir im Vertrauen auf Gott leben und handeln oder wir unserem Verstand vertrauen, der mittels diesseitiger Informationen und Nachrichten eine Strategie entwirft, die dem Charakter der Schlange entspricht. Unsere Pflicht besteht darin, lange zu leben und so viel zu handeln, wie es uns möglich ist, denn nur hier können wir Gott auf der Basis des Vertrauens dienen, weil wir eine Wahl haben etwas zu tun oder zu lassen. Nur hier hängt alles von meiner Entscheidung ab. Unabhängig von meiner Entscheidung folgt auch mein Leben der Krümmung zurück.

Das ist es, was ich in aller Kürze zu diesem Thema sagen konnte. Natürlich gibt es viel zu bedenken. Da ich in diesem Zeitrahmen nicht jeden Punkt aus jedem Blickwinkel beleuchten konnte, habe ich immer wieder auf verschiedene Punkte verwiesen, die ich bereits besprochen habe.
Es läuft also darauf hinaus, dass der Mensch extrem wichtig ist und es doch gleichzeitig nicht selbst tun kann; dass Gott ihn auf die Rückkehr vorbereitet hat, er aber jeden Moment wissen muss, dass er diesen Akt des Vertrauens selbst vollziehen muss. Nicht seine Klugheit bringt ihn zurück, sondern sein Vertrauen in die Liebe. Damit möchte ich für heute Abend schließen.