Wenn man beim Laufen das Gleichgewicht verliert, folgt der Sturz gewöhnlich schnell. Laufen haben wir alle über einen verhältnismäßig langen Zeitraum gelernt – Stürzen und Fallen mussten wir nicht lernen. Das funktioniert bis ins hohe Alter auch ohne Übung. Man könnte diese natürliche Bewegung auch schlicht als die Fähigkeit bezeichnen, das Gleichgewicht zu halten.
Auch modernere Arten der Fortbewegung wie Radfahren, Skifahren oder das Surfen sind zu Beginn in erster Linie Gleichgewichtsübungen, die erst durch viel Training automatisiert werden. Auch hier muss man das Stürzen nicht lernen, wenngleich es Techniken gibt, den Fall kontrollierter zu gestalten, sodass die Verletzungen geringer ausfallen.
Die gleiche Balance, die wir beim Gehen halten müssen, um unbeschadet voranzukommen, wird vom Menschen auch in Bezug auf sein Reden und Verhalten erwartet. Gute Manieren und freundliche Worte sind uns nicht von Geburt an eigen. Wir müssen diesen Umgang genauso lernen wie das Laufen, und auch hier gilt: Ein Fall kann ganz unerwartet passieren.
Es ist ein Prinzip, das sich auf allen Ebenen zeigt: Gute Gewohnheiten bleiben nur erhalten, wenn man sie permanent pflegt. Es bedarf einer gewissen Kraft und Überwindung, sich nicht gehen zu lassen.
Das Destruktive hingegen geschieht fast von allein; man braucht dazu weder Mühe noch Anstrengung. Das böse Wort verbreitet sich wie ein Parasit, der einen Nährboden gefunden hat. Er vermehrt sich explosionsartig, und es kostet hernach sehr viel Aufwand, den Schaden zu beheben – wenn das überhaupt noch möglich ist.
So wie auch die sichersten Läufer nicht davor gefeit sind zu stürzen, ist kein Mensch davor sicher, sich in einem bestimmten Umfeld zu Dingen hinreißen zu lassen, die ihm oder anderen nachhaltig schaden können. Dieses Prinzip lässt sich mit dem Gleichgewichtssinn vergleichen, der bei uns „im Verborgenen“ arbeitet. Meist bemerken wir ihn erst, wenn er gestört ist.
Wenn ein Mensch „sich gehen lässt“, bedeutet das im übertragenen Sinne, dass er keine Balance mehr halten kann. Die gleiche Gewichtung der sich gegenüberstehenden Seiten ist gestört, was verschiedene Gründe haben kann.
Der physiologische Gleichgewichtssinn im Innenohr arbeitet niemals allein. Um uns aufrecht zu halten, vergleicht das Gehirn ständig Daten aus drei Quellen:
- Das Vestibularorgan: Meldet Kopfbewegungen.
- Die Augen: Melden die Lage im Raum (Horizont).
- Die Tiefensensibilität (Propriozeption): Meldet über Muskeln und Gelenke, ob wir festen Boden unter den Füßen haben.
Wenn diese Signale nicht übereinstimmen (z. B. beim Lesen im Auto: Das Ohr meldet Bewegung, das Auge sieht ein starres Buch), entsteht ein „Fehlalarm“ im Gehirn. Die Folge ist Übelkeit.
Interessant ist, dass der Gleichgewichtssinn der erste voll ausgereifte Sinn des ungeborenen Kindes ist. Noch vor dem Hören und Sehen funktioniert er bereits im 5. Schwangerschaftsmonat vollständig.
Das Paradoxe daran ist: Dieselbe Kraft, die uns nach unten zieht und fallen lässt (die Schwerkraft), ist auch nötig, um das Gleichgewicht zu halten. Der Grund hierfür ist, dass kleinste Kristalle („Steinchen“) in den Bogengängen und den Makulaorganen im Ohr durch die Änderung der Neigung die darunterliegenden Sinneshärchen aktivieren. Diese leiten Signale an das Gehirn weiter, welches daraus die Bewegungsrichtung ableitet.
Wir benötigen also die nach unten ziehende Kraft, um uns zu orientieren und aufrecht unseren Weg gehen zu können. Ohne diese Kraft wäre unser Gang so unsicher, wie er es bei einem massiven Drehschwindel ist.
Die Umstände unseres Lebens und die Herausforderungen des Alltags gehören dazu, unser inneres Gleichgewicht zu schulen. Es bedarf des beständigen Trainings, um nahezu mühelos über unebenes Terrain zu laufen oder über einen liegenden Baumstamm einen Bach zu überqueren.
Unsere Ohren, die den Gleichgewichtsapparat beherbergen, erinnern in ihrer Form an einen Embryo, wenn man sie von der Seite betrachtet. Etwa 20 % des Ohres sind mit dem Kopf verwachsen, die restlichen 80 % stehen „frei“ wie eine Satellitenantenne, die auf Empfang geschaltet ist. Man kann hier das 1:4-Prinzip erkennen, das sich im menschlichen Körper an mehreren Stellen zeigt. Das „freie“ Ohr (die 4 in diesem Bild) bündelt die akustischen Signale und leitet sie zur 1 weiter, die die Verbindung zum Zentrum herstellt.
In diesem Sinne kann man auch die Mahnung des Paulus an Timotheus verstehen (2. Tim 2,16):
Die profanen, leeren Geschwätze aber vermeide; denn sie werden zu weiterer Ruchlosigkeit fortschreiten.
Das „leere Geschwätz“ heißt im Griechischen kenophonia (κενοφωνία). Es beschreibt eine Stimme, die selbst „leer“ ist und – das ist das Entscheidende – den Hörer „leert“, also innerlich hohl macht. Auf das Gleichgewichtssystem übertragen ist es vergleichbar mit dem Leeren einer Waagschale, sodass die Balance verloren geht. Balance, vom lateinischen bi-lanx, bedeutet wörtlich „zwei Schalen“, wie sie bei einer klassischen Waage verwendet werden.
Ein stabiles Gleichgewicht bekommen wir nicht durch leere, vergängliche Worte, sondern durch Gehaltvolles, durch das Hören der Worte aus der himmlischen Heimat. Bei deren Empfang bestätigen die Ohren ihren Zweck: Dazu sind wir geschaffen.
Das Leere macht uns leicht, lässt uns den Halt verlieren,
nur Wahrheit hat Gewicht, um uns zu orientieren.