Hören Sie sich an dieser Stelle den Artikel mit Betonungen und Ergänzungen an.

Wenn man die geschenkte Zeit nicht nutzen will, zieht man sich folglich aus der Welt zurück und verschließt sich. In diesem Zustand der selbst provozierten Einsamkeit ist man (in der Ausdrucksweise des alten Wissens gesprochen) die »alleinstehende Frau«. In diesem Zustand steht man direkt der Schlange gegenüber, die dann auch sogleich das Gespräch beginnt. Sie behauptet, dass es dem Menschen verboten ist von allen Bäumen des Garten Edens zu essen.

Und die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott der HERR gemacht hatte; und sie sprach zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr sollt nicht essen von jedem Baum des Gartens?

1. Mose 3,1

Das jedoch ist per se nicht wahr und so erkennen wir, dass die Schlange bereits eine entschiedene Lüge als Grundlage des Gesprächs verwendet. Der Gesprächsverlauf und das -ziel ist dadurch bereits vorgegeben. Die Tat des In-Sich-Aufnehmens der Frucht vom Baum des Wissens folgt als Konsequenz des Gespräches, bei dem der Mann nicht zugegen ist. Die Schlange ist, wenn man so will, der »andere Mann«, denn Schlange ist im hebräischen Original männlich (nachasch).
Dem Menschen hat konträr zur Behauptung der Schlange alles zugestanden, er sollte alles gebrauchen.

  1. Mo 2,16: Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen (achol tochel, 1-20-30 400-1-20-30);
  2. Mo 2,17: aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen (lo tochel, 30-1 400-1-20-30); denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.

Dass er die Frucht vom Baum des Wissens nicht in sich aufnehmen sollte, hängt damit zusammen, weil er die Konsequenz nicht imstande ist zu tragen. Nur der Schöpfer selbst kann die Zweiheit tragen, nur er kennt die Bedeutung von Gut und Böse, denn er hat diese geschaffen (siehe Jes. 45,7, wo ausdrücklich erwähnt wird, dass Gott (JHWH) das ra [200-70, das Wort für böse], erschafft [bara, 2-200-1]).
Der Teufel in Gestalt eines Reptils sagt: »Ach was, wenn du nur fleißig genug forschst, wirst du das Geheimnis von Gut und Böse erkennen und andere darin unterrichten können!«
Der Schöpfer, ursprünglich die »1«, der die Welt macht, macht auch eine Zweiheit, denn er macht die Situation: Gott gegenüber der Welt. Jedes Geschöpf kennt die Situation nur aus der Schöpfung heraus und muss wissen, dass alles ursprünglich aus der »1« Gottes entstammt. Sobald etwas, das geschaffen wurde, das Maß der Zweiheit (Frucht des Baumes des Wissens) in sich aufnimmt, beinhaltet das, dass es nun selbst auch schöpfen will und kann, sodass es mit Gott auf gleichem Niveau steht.
Darum die Mitteilung:

Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns (echad mimen), zu erkennen Gutes und Böses; und nun, dass er nicht seine Hand ausstrecke und auch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe!

1. Mose 3,22


Das Essen vom Baum des Wissens bringt eine Einswerdung mit dem Maß der Zweiheit mit sich und führt dazu, dass der betreffende Mensch, der doch selbst bereits vom Ganzen abgesplittert ist, mit Kraft in der Zweiheit gehalten wird und bleiben muss. Dieses Bleiben ist nichts anderes als der Tod. Aus diesem Grund wird auch die Warnung gegeben, dass der Tod Realität wird, sobald man von diesem Baum isst.


Der Baum war gut zur Speise und eine Lust für die Augen. Der Baum übt eine große Anziehung auf die sinnliche Wahrnehmung aus und genau diesen Bereich spricht die Schlange an.
Es ist dann auch der Körper des Menschen, der zu diesem Nehmen der Frucht verführt. Aus der Sicht des Absoluten gibt die Frau (Eva) dann dem Mann den Impuls ebenfalls zu essen, und er isst – wie selbstverständlich – mit ihr gemeinsam. Es gibt nicht die geringste Diskussion zwischen Mann und Frau, ganz im Gegensatz zur Frau und der Schlange. Der Körper bewirkt in dieser Welt, dass eine Tat den ganzen Menschen einbezieht. Sobald also der Mensch die Sinne seines Körpers, also seine Sinnesorgane sprechen lässt, kommt es unwiderruflich zum Nehmen der Frucht vom Baum des Wissens. Der Körper ist nicht nur nicht ebenbürtig gegenüber den alten Welten, er ist sogar gemacht um die alten Welten zu integrieren. Und sobald das geschehen ist, entsteht für den Menschen der Gegensatz. Zuerst war er nackt, schämt sich jedoch nicht. Doch das ist ein Widerspruch, denn jemand der seiner Wahrnehmung gemäß nackt ist, schämt sich natürlich. Diese Nacktheit durch die Zweiheit war dem Menschen jedoch noch nicht bekannt und es bestand kein Widerspruch. Prädestination und freier Wille waren eins.
Leben und Tod waren eins. Doch sobald vom Baum der Erkenntnis genommen wurde, entstand der Widerspruch gerade in den Dingen, die wir für logisch halten. Denn es ist für uns immer unlogisch, dass der erste Mensch diesen Widerspruch nicht hatte und dass er sich nicht für seine Nacktheit schämte. Es ist uns ebenso unverständlich wie die Tatsache, dass Leben und Tod eins sind und dass die Dinge vorherbestimmt sind und doch der Mensch verantwortlich ist. Dies gehört zum gleichen Komplex.
Mit dem Nehmen vom Baum des Wissens öffneten sich die körperlichen Augen, und der Mensch begann nur noch durch seinen Körper wahrzunehmen. Der Körper war zum alleinigen Mittler geworden. Dadurch kam es in jeder Hinsicht zu Widersprüchen und nicht nur das, sondern auch das Leiden war entstanden.
Nun bekam der Mensch das Maß der Zweiheit in sich selbst. Er selbst hat dieses Maß in sich aufgenommen, mit sich eins-gemacht, so dass es zu einem Teil seines Ich geworden ist.

Durch dieses „Teil“ bekommt der Mensch die Neigung, andere zu belehren, und zwar so wie ein Schöpfer seine Geschöpfe unterweist. Der Mensch ist das einzige sichtbare Wesen, das Einsicht in das Wesen der Zweiheit in sich trägt.
Wenn also Menschen selbstbewusst lehren und belehren, heute würde man sagen »von oben herab«, zeigen sie damit, dass sie von dieser benannten Frucht gegessen haben. Man bedenke, dass im Altertum die Menschen sich in viel geringerem Maße vom Baum des Wissens ernährten, und die großen Weisen selbst Schüler waren und blieben.
Die Weisen beriefen sich darauf, Schüler von dem oder demjenigen zu sein, ehe sie in bescheidener Art selbst begannen andere zu unterrichten, und sogar dann beriefen sie sich noch immer auf ihre eigenen Lehrer. In der modernen Zeit ist es genau umgekehrt.
Man schämt sich Schüler zu sein und will so schnell wie irgend möglich diese Phase überstehen. Studenten durchleben die Zeit des Lernens nicht in Würde, sondern auf fast närrische Art und Weise, indem sie Ausbildung und Studium lächerlich machen, sich dadurch aber auch selbst lächerlich machen. Das alles zeigt, dass man die Zeit des Lernens nicht achtet und schnellstmöglich hinter sich lassen möchte.
Der ernsthafte Student von heute (50er Jahre) ist der Hartnäckige; er ist es, der schon nach kurzer Zeit eine eigene Meinung hat und es für sehr wichtig hält, diese Meinung gegen seine Professoren zu verteidigen und als bedeutungsvoll darzustellen.
Nach der Ausbildung möchte man so bald wie möglich als ausgelernt und allwissend angesehen werden. Entsprechende Abschlüsse und Titel sind geeignet, diese Anmaßungen zu pushen. Das findet man auch auf anderen Gebieten. Man schreibt Artikel mit eigener Meinung und strebt schließlich einen Punkt an, an dem man auch von der Welt als Lehrer anerkannt wird. Ein moderner Professor würde sich schämen sich selbst als Schüler oder Student auszugeben; höchstens eines noch berühmteren Professors mit dem Ziel noch schneller auf ein noch höheres Niveau steigen zu können. Es ist undenkbar, dass jemand sein ganzes Leben lang Schüler bleibt, zumindest gegenüber einem Menschen oder eines persönlichen Gottes.
Er würde auf jeden Fall als moderner Gelehrter scheitern. Diese Entwicklung verdeutlicht wie intensiv die moderne Welt mit der Frucht des Baumes der Erkenntnis eins-geworden ist, sodass sie sich selbst nicht mehr im Zustand der Zweiheit sieht, die nach der Einheit, der »1« strebt. Anders formuliert sucht sie als Braut nicht mehr den Bräutigam.
Deshalb ist für die moderne Wissenschaft der Weg nach dem Baum des Lebens genauso abgeschlossen wie für den ersten Menschen. So sehr der Mensch auch gesucht hatte, der Weg zurück war durch die »Flamme des sich wendenden Schwertes« undurchdringlich geworden. Flamme lautet auf Hebräisch lahat, 30-5-9, in der Summe 44 und das sagt schon genug. Es ist darum unmöglich für den modernen Menschen, zumindest von dem, der den Baum der Erkenntnis in sich aufgenommen hat, zu erwarten, dass er die Sichtweise des Zentrums, des Kernes, des Baumes des Lebens verstehen kann.
Die Nuancen des Kernes sind ihm genauso unerklärlich und nicht existent, wie Farben für einen Blinden. Er wird einfach den Aufbau und die Verbindungen des Ganzen nicht sehen, auch wenn man es ihm noch so deutlich aufzeigen würde. Das ist ein Zeichen davon, dass die Abtrennung vom Kern und der Ausschluss vom Baum des Lebens nach wie vor besteht und wirkt. Doch ist das Wissen der Thora für jeden begreifbar, liegt für alle offen und kann täglich von jedem gesehen und aufgenommen werden.
Und in der Tat befassen sich Zahllose durch Lesen und Nachsinnen mit der Thora, weil es ein Naturgesetz ist, dass etwas das vom Baum der Erkenntnis genommen wurde, noch Verbindung mit dem Baum des Lebens hat. Wir finden dieses Naturgesetz auch in der Materie wo die Elektronen um den Kern herum fliegen, die Planeten und alle Körper im Weltall an ihrem Platz bleiben und nicht zu Grunde gehen, weil sie von einem Kern angezogen werden. Man wundert sich verständlicherweise, dass, obwohl der Aufbau des Kernes so einfach ist, es nicht mehr sehen und sich fast niemand diesen Dingen widmet.
Ohne Zweifel könnten es mehr erkennen doch dazu muss man sich zuerst von der sinnlichen Wahrnehmung abwenden und das Selbstbewusstsein ablegen, das sich darauf gründet, dass der Mensch denkt, das Maß aller Dinge liege in ihm und seiner Beurteilungskraft. Es hängt ganz alleine am Menschen selbst. Solange er seiner äußeren Wahrnehmung vertraut, kann er die inneren Dinge weder sehen noch erkennen.

Man erzählt oft, dass wir als Menschen von Wesen aus anderen Welten umringt sind, doch wir diese nicht sehen können. Sie leben neben uns, durch uns und mit uns, die Luft ist voll von ihnen, und doch existieren sie nicht wirklich für uns. Auch das kommt, weil wir einfach keinen Sinn mehr dafür haben, zumindest der normale Mensch nicht.
Jemand, der diese Wesen sehen würde, wäre fassungslos darüber, dass wir an dem allen nicht teilhaben können. Genauso verhält es sich mit dem Kern: Jemand, der gewohnt ist nach dem Baum der Erkenntnis zu urteilen, also nach dem äußeren Wahrnehmbaren, kann den Kern weder sehen noch begreifen, wie deutlich und plausibel dieser auch erscheinen würde. Der Aufbau des Inneren hingegen ist logischer und klarer als der äußere Kreis, doch man erkennt es nicht, solange man außen verharrt und darauf besteht, dass die Welt nichts anderes beinhalten kann als das, was sie im Außen zeigt. So zeigt sich die Blockade des Zuganges zum Baum des Lebens ganz praktisch. Man forscht, schaut sich die Dinge an, analysiert und macht dabei die größten Fehler, zerbricht durch unglaublich rohes Hantieren das Sensible in Stücke, handelt auf eine Weise, dass man meint es mit Kindern oder Idioten zu tun zu haben oder mit Wesen, die nicht sehen, was sie in ihren Händen haben und es darum zerbrechen, obgleich die gleichen Menschen auf dem Gebiet der äußeren Materie äußerst genau und wahrheitsliebend sein können.
Sobald sie sich jedoch dem Inneren, dem Kern widmen, werden sie hin und her geschleudert, werfen die Dinge dort durcheinander und werden hoffnungslos verwirrt. Dieses Phänomen, dem man immer wieder begegnet und das so wenig Beachtung findet, kann nur mit der Tatsache beantwortet werden, dass man vom Baum der Erkenntnis genossen hat und sich selbst dadurch den Weg zum Baum des Lebens verbaut. Und dieses Ereignis muss als eines der Wunder der Schöpfung anerkannt werden, die auch heute noch jeden Tag wirken.
Niemand, der sich selbstbewusst und selbstherrlich als allwissender Lehrer hervortut, kann den Weg zum Baum des Lebens gehen. Es ist von vornherein für ihn ausgeschlossen.
Der Mensch jedoch, der offenständig und lernend bleibt, wird sich nicht überheben, sondern im Erkennen des Inneren immer mehr staunen und zunehmend bescheiden werden.

Basierend auf einem niederländischen Text Friedrich Weinrebs (uit Gedachten 1)