Wahres Glück ist nicht planbar

Silpah (זלפה), Leahs Magd, bringt den 7. und den 8. Sohn Jakobs zur Welt (Gad und Ascher). Von den insgesamt 4 Frauen, die die Mütter der Söhne Jakobs werden, fehlt bei Silpah der Hinweis, dass sie schwanger wird. Bei Leah, Rachel und Bilhah steht jeweils „und sie ward schwanger“ (ותהר). Bei Silpah finden wir nur den Ausdruck „und sie gebar“ (ותלד). Ihre Schwangerschaft bleibt vollkommen unbemerkt.

Der Name Silpah bedeutet tröpfeln, wie Tränen Tropfen für Tropfen dem Auge entweichen und langsam ihre Spuren über die Wangen ziehen. Silpah weint, so ein Midrasch, weil sie einem rauen Mann versprochen ist, der ihre zarte Seele übergehen würde. Das verkraftet sie nicht und so weint sie unaufhörlich.
Ihr Schicksal wird gewendet und so kommt sie nicht mit dem zusammen, der ihr verheißen war, sondern mit Jakob, der ihrer Seele ermöglicht, sich Ausdruck zu verleihen. Die Namen ihrer beiden Söhne Gad (גד) und Ascher (אשר) geben einen Einblick in das Herz einer Mutter, deren Innenwelt außen niemand kannte. 

„Und sie gebar“ mit einem Mal „wie aus dem Nichts“ zwei Kinder, deren Namen im Hebräischen Synonyme sind. Glück und Glückseligkeit heißen sie übersetzt. Gad, der Siebte, heißt im Aramäischen Gada (גדא), also „Schicksal“. Es bezeichnet ein Glück, das von außen auf den Menschen schicksalhaft herabstürzt, ohne dass er zwingend selbst etwas dazu beigetragen hat. Eine weitere Verbindung besteht zum hebräischen G’dud (גדוד) für „Schar“ oder „Truppe“, was darauf hindeutet, dass das Glück in Hülle und Fülle „angerückt“ kommt.

Ascher bedeutet nicht einfach einen glückseligen Umstand, der zufällig hereingeschneit kam, sondern eine Geradlinigkeit, die den eigenen Vorteil hintanstellt und den Weg Schritt für Schritt in solchem Vertrauen geht, dass die Tränen nicht ungezählt bleiben.
Samson Raphael Hirsch erklärt brillant den Unterschied der beiden Namen:

Gad ist das glückliche Schicksal, das man von außen empfängt. Ascher hingegen ist die innere Harmonie und Selbstvollendung. Jemand, der Aschrei (אשרי – glückselig) ist, ist ein Mensch, dessen Leben vollkommen in die richtige Richtung schreitet.

Silpah ist bei jedem Menschen die Trauer darüber, dass man an die Entwicklung der Zeit und die daraus resultierenden negativen Vorhersagen glaubt und man das eigene Schicksal zunächst als besiegelt ansieht. Aktiv trägt sie nichts zur Änderung ihrer Situation bei, aber sie rebelliert auch nicht, als sie »genommen« und »gegeben« wird (Gen. 30:9). Daraus wird „ohne Vorwarnung“ ein Glück geboren, das aus den Tränen des Leids Tränen der Freude macht, insoweit man nicht aufgibt, und daran festhält, dass doch nichts ohne Grund geschieht. Die Ergriffenheit Silpahs, der Wandel ihres Schicksals ist so eindrücklich, dass die Psalmen auserwählt wurden mit dem Namen ihres 2. Sohnes, der zugleich der 8. Sohn Jakobs ist, zu beginnen (אשרי האיש).

Das Buch der Psalmen ist das unfiltrierteste, intimste Gebetsbuch der menschlichen Seele. Während die Thora der Ruf Gottes an den Menschen ist, sind die Psalmen die Antwort des menschlichen Herzens an Gott – in all seiner Verzweiflung, Sehnsucht, Reue und Ekstase. Der „Silpah-Charakter“ zieht sich durch alle Bereiche, wo das Wunder des Ewigen ins Erleben durchbricht.
Im Voraus eilen ihre Tränen hernieder und bahnen sich ihren Weg bis auf den harten Boden, den sie allmählich erweichen. Es sind keine Tränen betreffs eines irdischen Verlustes – Silpah fürchtete, dass sie Schaden an ihrer Seele nehmen könnte. Der Sohar sagt hierzu

„Es gibt Tore im Himmel, die für alle Gebete verschlossen sein können – außer für das Tor der Tränen. Das Tor der Tränen wird niemals verschlossen.“ (Sohar II, 245b)

Und in Psalm 126:4 heißt es:

Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.

„Jubel“ ist rina (רנה), das „Gefühle auf einzigartige Weise auszudrücken“ meint. Plötzlich, unerwartet, wie ein Dieb in der Nacht brechen das Leben hier (der Siebte) und die Erlösung (der Achte) aus derselben Frau hervor. Äußeres und inneres Glück fallen zusammen und niemand kann sagen, woher und wie sich das alles angebahnt hat.
Silpah ist die jüngste der 4 Frauen, so wie die sichtbare Welt die jüngste Welt ist. Sie erwartet den, der sie nur benutzt, sie nicht achtet, und sie weint. Doch sie wirft ihr Vertrauen nicht weg, sie hofft, dass der Durchbruch genau dann kommen wird, wenn niemand mehr damit rechnet.

Wahres Glück kommt immer als Überraschung, niemand erkennt aus der Beobachtung, wie es sich bildet. Gad bedeutet aber auch „Stoßtrupp“, und man versteht darunter, dass der Mensch, der dieses Glück aus der Überraschung erlebt, neuen Mut findet und Kraft erhält, um sich aufzumachen und die eigene Trägheit zu überwinden. Solange wir auf dem Weg sind, muss es weitergehen.

Silpah ist die Jüngste und wird von den 4 Frauen am wenigsten erwähnt (nur 7 ×), aber sie ist die Einzige, bei der das Glück so fulminant ins Leben tritt. Ihr Schicksal steht dafür, dass Gott keine mühsam geplanten Ereignisketten braucht, um ein Resultat hervorzubringen – er lässt es unversehens und unerwartet in unser Leben treten, ohne dass zuvor jemand etwas bemerkt hat.