Wahrlich ich sage euch …

Dieses „Wahrlich“ klingt wie ein Bedeutungsverstärker nach dem Motto: Was ich sonst sage, ist nicht ganz so wichtig, aber jetzt … Das dt. „wahrlich“ mutet eher als Abschwächung der Aussage an, so wie bspw. etwas nicht ganz blau, sondern eher bläulich ist, nicht ganz grau, sondern eher gräulich – demnach, scheint etwas nicht ganz wahr zu sein, ist es eher wahrlich (?). Dem ist nicht so – zumindest im Deutschen, denn die Endung „-lich“ wird laut Duden „als überaus produktives Suffix (Anhängsel des Wortes) bezeichnet, das ursprünglich ein selbstständiges Wort war“, es stammt von lika, das ist der Körper und vom gleichen Wort stammt auch die Leiche. Wörter, die mit einem „lich“ am Ende gebildet werden, gehören sprachlich in die Kategorie „Gestalt habend“. „Wahrlich“ müsste man insoweit als „Die Gestalt der Wahrheit habend“ lesen. Wir werden sehen, dass uns die hebräische Sprache viel direkter mit der eigentlichen Bedeutung verbindet.
Im AT werden in den meisten Fällen für „wahrlich“ die Begriffe ach, 1-20, und achén, 1-20-50, verwendet.
Beim ersten Vorkommen von achén finden wir den Bezug zu Himmel und Erde; Jakob sagt in 1. Mose 28,16:

Wahrlich, JHWH ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht!

Es ist sein Ausruf nach dem Erwachen aus dem Traum, in welchem er dieses Bild gesehen hat:

Und er träumte: Und siehe, eine Leiter war auf die Erde gestellt, und ihre Spitze (wörtlich „Haupt“) rührte an den Himmel; und siehe, Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

1. Mose 28,12

Er sieht eine Leiter, die Himmel und Erde verbindet. Leiter heißt im Original sulam, 60-30-40, sie „zählt“ 130, „weiß“ gemäß ihrem Zahlenwert schon von der Durchbrechung des Zeitlichen, dessen Grenze mit der 120 beziffert ist (man bedenke das Lebensalter Moses und die dem Menschen gegebene Frist bei der Arche Noachs in 1. Mose 6,3). Eine Leiter besteht aus zwei Senkrechten (Holme), die über waagrechte Verbindungen (Sprossen) die Überwindung eines Höhenunterschiedes durch einzelne Abschnitte ermöglicht. Ohne diese Unterteilung könnte die Differenz nur durch die Fähigkeit des Fliegens überwunden werden. Jakob sieht in seinem Traum jedoch keine fliegenden Engel, sondern solche, die eine Leiter benutzen. Was hat das nun mit dem Begriff „wahrlich“ zu tun? Das verwendete achén, 1-20-50, wird oft mit „gewiss“ übersetzt. Einerseits könnte man es etwas freier als „ich bejahe“ lesen (ken, 20-50, heißt „Ja!“ und die Aleph, 1, zu Beginn liest man auch als Vertreter von ani, „ich“), andererseits finden wir als Anagramm anach, 1-50-20, übersetzt „senkrecht“. Es beschreibt die Verbindung zwischen oben und unten. In der Bibel wird es auch mit „Senkblei“ übersetzt (Amos 7,7-8). Eine weitere Besonderheit ist, dass das Wort auch in einem der beiden hebräischen Wörter für „ich“ enthalten ist, nämlich in anochi, 1-50-20-10 (das andere Wort für „ich“ lautet ani, 1-50-10). Anochi könnte man, wenn man es mit anderen Vokalen ertönen lässt (diese Freiheit hat man im Alt-Hebräischen immer!) als „meine Senkrechte“ lesen. Das Ich würde somit die persönliche Beziehung jedes Menschen zwischen oben und unten ausdrücken.

Werfen wir einen Blick in das Neue Testament, finden wir im griech. Text für das Wort „wahrlich“ eine Besonderheit, denn es wird ein hebräisches Wort verwendet, das ohne Veränderung oder Anpassung in griech. Buchstaben geschrieben wird. Es ist das publike „Amen“. Die bekannten „Wahrlich ich sage …“ Einleitungen lauten dort im Griechischen „amen lego …“ (ἀμὴν λέγω). Das erste Vorkommen im NT ist Matth. 5,18:

Denn wahrlich (amen), ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, (…).

Wieder finden wir, wie bei Jakob, „Himmel und Erde“ im Kontext. Vielleicht könnte man noch von einem Zufall sprechen, befassen wir uns aber mit dem Johannes-Evangelium entdecken wir eine Doppelung des „Wahrlich“, nämlich „wahrlich wahrlich“, und diese Zweifachnennung oder besser Zwilling kommt genau 25x in diesem Evangelium vor, also insgesamt wird im Joh.-Ev. 50x „wahrlich“ in 25 Paaren verwendet und immer ist es das Wort „Amen“, das im Grundtext steht. Jakob ist auch ein Zwilling.
Amen, 1-40-50, ist nicht nur glauben, vertrauen, üben, der Künstler und der Handwerker, sondern auch die Verbindung der 1 mit dem man (Manna), dem Brot, das vom Himmel herabkommt. Ferner summiert sich amen, wenn man alle drei Zeichen zusammenzählt zur 91 (1+40+50) und in der Doppelung (als Zwilling) wird daraus 182, das wiederum ist der Zahlenwert von Jakob, 10-70-100-2, der den Traum von der Leiter hat, die aus ZWEI Senkrechten besteht. Es gibt kein Herabsteigen alleine und kein Aufsteigen alleine, immer gehören beide zusammen. Bei der ersten Nennung des „wahrlich wahrlich“ im Joh.-Ev. sehen wir wieder deutlich den Bezug zu Jakobs Traum:


Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen.

Johannes 1,51


Das „Wahrlich“ ist also kein „Verstärker“ oder ein Benachdrucken dessen, was in der Rede folgt, sondern ein direkter Hinweis darauf, dass es sich um eine Mitteilung „von oben“ handelt, deren Zielsetzung das Zurückkehren „nach oben“ ist. Es ist eine Botschaft, die raumzeitlich – das wäre linear horizontal – NICHT zu verstehen ist und keinesfalls als solche gelesen oder vermittelt werden darf. Man könnte noch beachten, dass das Wort amen mit dem Wert 91 auch das Produkt aus 3 ½ x 26 ist, dem Wert des Namens Gottes (JHWH, 10-5-6-5). Das Ab- UND das Aufsteigen entsprechen der vollen Verbindung, die man in der Elektronik eine bidirektionale Form der Kommunikation nennt und dann „installiert“, wenn man zu dem ausgehenden Signal eine Rückmeldung erwartet, um das nächste Signal in Abhängigkeit zur Rückmeldung zu erzeugen. Anders ausgedrückt ist es ein lebendiges Gespräch, in welchem man in ständiger Aufmerksamkeit aufeinander agiert und reagiert. Organisch wäre die Entsprechung das motorische und das sensorische Leitungssystem zwischen dem ZNS (zentrales Nervensystem) und der Peripherie. Ferner bringt man am menschlichen Körper damit auch den Wirbel bzw. Scheitel am Kopf in Verbindung, der nach der Geburt (Fontanelle, franz. „kleine Quelle“) noch „offen“ ist und erst im Laufe der nächsten Monate verhärtet. Der Scheitel zeugt von der Trennung, der Scheidung die wir alle erlebt haben, als wir in diese Welt gekommen sind. „Scheitel“ kommt im Dt. von scheiden.
Das Wort „vertikal“ meint Wirbel und Scheitel, denn der Begriff kommt vom lat. vertex (verticis) »Wirbel, Scheitel«. Stammwort ist lat. vertere (versum) »kehren, wenden, drehen«. Von dort kommt auch der „Vers“ – man drehe und wende jeden Bibel-Vers und betrachte ihn von allen Seiten. Aber zuvörderst sehe man ihn in seiner Bedeutung als Weg zwischen oben und unten.

Wahrlich bedeutet anhand dieser Ableitung „ich spreche vertikal und verbinde mit meinen Worten Himmel und Erde in beide Richtungen“, aber objektiv lässt sich das nicht beweisen; der Glaube und das Vertrauen (aman) aber erlangen stufenweise Zutritt auf Ebenen, von denen aus man eine ganz andere ÜBER-SICHT erhält.