Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Der US-Kosmetikhersteller ACME hatte vor einigen Jahren hohe Verluste, weil es immer wieder vorkam, dass Kartonage-Verpackungen von Zahnpastatuben leer versandt wurden. Aufgrund hoher Regresszahlen war das Unternehmen gezwungen herauszufinden, eine technische Lösung zu entwickeln, die sicherstellte, dass keine leeren Verpackungen mehr versandt wurden. Es wurde eine auswärtige Firma hinzugezogen, die den Verpackungsvorgang analysieren und eine Technik entwickeln sollte, die jede einzelne Verpackung überprüft, ob sich auch tatsächlich eine Tube Zahnpasta darin befindet. Es wurden Laser und Durchleuchtungsapparaturen konzipiert und montiert, die, sobald eine leere Verpackung erkannt wurde, Alarm gibt und das Förderband stoppt. Nach einer stattlichen Investition von über einer halben Million Dollar war die Verpackungsstraße im Werk aufgerüstet worden und einsatzklar. Der Chef des Konzerns verfolgte die Zahlen der Regresse über einige Wochen und wunderte sich, dass es zu Beginn der Modifizierung trotzdem noch einige wenige Rückläufer gab, doch nach wenigen Wochen die Zahl erfreulicherweise auf null zurückging. Das angestrebte Ziel wurde also erst nach einem schleppenden Start erreicht.
Weil er aber herausfinden wollte, warum es nicht gleich zu Beginn 100 % funktionierte, ging er in den Fertigungsbereich der Firma, wo die teure Neuerung montiert war. Zu seiner Überraschung lagen etliche leere Kartonagen auf dem Boden neben dem Förderband. Verwundert wendete er sich an seinen Abteilungsleiter Bill, unter dessen Aufsicht die Anlage stand.

Hey Bill, warum liegen hier so viele Verpackungen auf dem Boden?“, fragte der Chef.
Oh, die leeren Verpackungen, ja richtig, ich werde einen Behälter positionieren, der sie auffängt, sodass wir sie wiederverwenden können“, bemerkte Bill seinem Chef gegenüber.
Warum liegen die Verpackungen überhaupt auf dem Boden, und, hä, die Überwachungsanlage ist ja ausgeschaltet, was ist hier eigentlich los?“, fragte der Chef ganz verwundert.
Ach, die Anlage, die hat ständig Alarm gegeben und das Band angehalten. Das war vielleicht lästig! Ich habe einfach meinen Ventilator aus meinem Büro geholt und ihn neben das Förderband gestellt. Leere Verpackungen wiegen kaum etwas und werden durch den Luftstrom vom Band geblasen. Deshalb liegen die alle auf dem Boden. Das ist schnell, effizient und kostete ganze 12 Dollar. Zu Beginn ließ ich die angebrachte Überprüfungstechnik noch laufen, aber das war doch kein Zustand!

Jetzt wurde dem Chef einiges klar. Die teure Anlage hatte nie richtig funktioniert, deshalb gab es auch weiterhin Beanstandungen, erst als Bill, sein langjähriger Mitarbeiter, seine simple Idee ganz ohne Aufwand „installierte“, waren die Regresse auf null zurückgegangen. Der, der vor Ort und Stelle war, der gute alte Bill, wurde zuvor jedoch nicht von der Firmenleitung bei der Suche nach einer Lösung eingebunden. Aber er war der Cleverste von allen. Ein 12 Dollar Ventilator knockte eine Hightech-Ingenieurskunst mit Pauken und Trompeten aus dem Spiel.

Dieses Beispiel aus dem echten Leben zeigt auf brillante Weise unsere persönliche Bedeutung. Wir sind jetzt „vor Ort“. Wir sind konkret in einem Körper wandelnd auf Erden, und weshalb sollte eine „auswärtige Instanz“, die eine solche bleibt, sich besser in den Angelegenheiten auskennen, die unseren Alltag hier ausmachen? Das Leben ist am einfachsten, wenn es aufmerksam in einer heiteren Gelassenheit gelebt wird, wie es uns der gute alte Bill oben vor Augen führt. Auswärtige können Probleme durchaus verstehen und dessen Tragweite erkennen, aber kommen manchmal mit Lösungsansätzen daher, die nicht nur viel kosten, sondern am Ende oft nur teilweise – wenn überhaupt – Wirkung zeigen. Obendrein braucht diese Form der Lösung dann eine eigene mitunter kostspielige Wartung, deren Ende nicht absehbar ist.
Oft liegen die Lösungen näher, als man denkt. Der Firmenchef oben hätte nur ein einziges Mal dorthin gehen müssen, wo das Problem ganz konkret auftritt, anstatt außenstehende Dritte einzuschalten. Der göttliche Weg ist immer „der Nächste“. Deshalb wird unser Leben so gelenkt, dass wir uns an einem bestimmten Ort befinden und wir von ausersehenen Menschen umgeben sind. Eine Änderung der Umstände kann wie bei Joseph ohne unser Zutun ins Leben treten, kann aber in einem anderen Fall auch frei bestimmt werden wie bei Lot (Gen. 13:9-11).

Man kann 100 Bücher über das Schwimmen lesen, aber erst wenn man selbst im Wasser ist, versteht man, worum es geht. Wer schwimmen kann, wird sich kaum noch ein Buch darüber kaufen.
Warum wird Joseph auf dramatische Weise vom Vater getrennt und nach Ägypten verkauft? Ja, er sollte dafür sorgen, dass alle satt werden. Und gibt es da keinen Plan B, also vielleicht so einen, der etwas weniger leidvoll ist?

Um Mizrajim zu erfüllen, muss Joseph mitten hinein, muss bis zu einem bestimmten Punkt einer von ihnen werden. Dort wird er „zum Nächsten“. Die Seele muss in den Körper, nur sie kann ihn erfüllen und ihm seine Bestimmung geben. Dazu muss auch sie sich bis zu einem gewissen Grad adaptieren.
Ein Mensch, der nicht vom Himmel gefüllt ist, der das Wesentliche im Leben weder sucht noch zulässt, bleibt ohne Inhalt wie die leere Verpackung im Beispiel oben: Er wird schon bei einem leichten Wind vom Weg weggepustet und fällt tief. Eine gefüllte Verpackung muss sich nicht anstrengen, sie muss keine Angst vor dem Seitenwind haben, denn ihr Inhalt macht sie so schwer, dass sie mühelos auf dem Weg bleibt.

Joseph bewirkt, dass Ägypten nicht untergeht. Von außen betrachtet sieht es eher so aus, als ob man in Ägypten den Joseph durchfüttert, als ob der Körper die Seele am Leben erhält. Die Teuerung, die dem Pharao in seinen Träumen angekündigt wird, zeigt, dass es genau umgekehrt ist.
In Zeiten des Wohlstandes ist die Seele gebunden wie Joseph in Ägypten. Aber wehe, wenn „der Ventilator“ kommt, dann wird schnell sichtbar, was Gewicht hat. Die Verpackung wurde um des Inhaltes willen gebaut, für sie selbst gab es keine Daseinsberechtigung. Wer braucht schon eine leere Verpackung?
Aber leer war auch das Leben Josephs an seinem Herkunftsort. Außer der Liebe des Vaters gab es da nicht viel für ihn. Seine Berufung galt einem anderen Ort, an dem er unverzichtbar wurde. Die Wichtigkeit seiner Präsenz zeigte sich im konkreten Handeln an einem Ort, der nicht seine Heimat war. Dort wird er gewissermaßen einer von ihnen, vergisst aber nicht, woher er stammt und stellt sich auch selbst nicht in den Mittelpunkt. Diese Kombination in seinem Wesen gibt ihm schließlich eine Akzeptanz bei allen. Es ist eine gewachsene Akzeptanz, deren Nährboden durch viel Leid gedüngt wurde. Das Sich-Bewähren im ganz praktischen Leben gab ihm diese Schwere, die darein mündet, dass der Pharao sagt: „Was er sagt, das tut!“ (Gen. 41:55). Niemand widerspricht.
Wenn der Körper realisiert, dass die Seele eine höhere Weisheit besitzt als er, ordnet er sich ihr freiwillig unter. Jetzt können die Stürme des Lebens kommen; nichts wird einen solchen Menschen mehr so einfach „wegpusten“.
Mit Joseph zeigt sich auch, dass sobald die Seele die Oberhand gewinnt, dem Körper Grenzen gesetzt werden – das Maßlose hat seine Grenze erreicht, ab jetzt geht es nur noch gemäßigt weiter (Gen. 41:30). Direkt nach seiner Einsetzung teilt Joseph die Rationen in Ägypten ein. So erhält alles seine zugedachte Bedeutung und sein Regiment wird von niemandem mehr infrage gestellt.

Das Schicksal der Welt ruht auf den Schultern derer, die sich nie darum beworben haben. Mizrajim liebt die komplizierte Expertise, die den Menschen am Ende in den Wahnsinn treibt wie einen Pharao, der keine Ruhe mehr findet, bis Joseph kommt. Nach der Meinung der geistlichen Experten Mizrajims müsste der Ewige auch mit einem edlen Raumschiff aus einer fernen Welt anreisen, aber dieser reitet lieber auf einem Esel. Es sind die einfachen Handlungen und Gesten, worin das Ewige erkannt wird. Nähe kann man spüren, auch ganz ohne Erklärungen. In diesem scheinbar Wenigen liegt so viel!

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Autor: Dieter Miunske