Das erste Wort, das Gott in der Bibel spricht, ist „jehi“ יהי (es werde) dann folgt das, was kommen soll: das ist Licht. Darauf folgt „wajehi“ ויהי (und es ward). Die dem zweiten jehi vorangestellte waw ist das „und“, welches zwei Zustände miteinander verbindet. Die Erfüllung wird durch die waw, die auch die Zahl 6 ist, mit dem Zustand „vor“ der Erfüllung verbunden.
Etwas soll sein, wird erwartet, aber wird es kommen? Wenn es kommt, erkennt man die Beziehung zwischen dem, was gekommen ist, und dem, was kommen sollte, nur durch die waw, die darauf hinweist, dass es einen Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten „jehi“ gibt. יהי zählt 25 (10+5+10). Beschränken wir das Hervorbringen des Lichts auf das „es werde und es ward“ (ohne „Licht“ in der Mitte der Aussage), lesen wir in Zahlen 25 + 25.
Auftrag (es werde) und Erfüllung (es ward) summieren sich zur 50, die doch schon von der Erlösung im Sinne des 8. Tages erzählt. Die waw als verbindendes „Plus“ treffen wir zum ersten Mal im ersten Vers der Bibel, wenn sie Himmel und Erde verbindet. Beide Seiten wollen miteinander verbunden werden, so wie auch ein „soll sein“ mit einem „es wurde so“ verbunden sein muss, wenn etwas gelöst und befreit werden will. Das konkrete Hervorbringen, die Erfüllung einer Verheißung, ist zugleich eine Befreiung aus dem Unsichtbaren ins Sichtbare und umgekehrt.
Man kann es auch so ausdrücken, dass, wenn etwas Erlösendes ins Leben tritt, es zuvor ein „soll sein“ gegeben hat. Jeder Zufall wurde zuvor fallen gelassen, so wie Gott den Menschen in den Schlaf fallen lässt, um an ihm eine Änderung vorzunehmen, die ihm eine Erfüllung bringen wird. Wenn Eva zu Adam gebracht wird, erkennt er nur die Erfüllung eines „soll sein“, das diesseitig nicht dokumentiert ist; es wurde woanders entschieden. Adam selbst konnte seinen Mangel nicht beschreiben, konnte kein „es soll sein“ formulieren. Das Eingreifen in seine Situation „keine ihm entsprechende Hilfe zu finden“, dieses „es soll sein“, wurde ohne Zeugen initiiert. Wir müssen weder benennen können, was uns fehlt, noch brauchen wir uns selbst zu teilen. Zusammenfallen kann nur, was vorher getrennt war.
Das mittellateinische Wort für „Zufall“ lautet coincidere, das „zusammenfallen“ bedeutet, aber auch im Sinne von „zur gleichen Zeit stattfinden“ verwendet wurde. Ferner, wenn man es in seine Einzelheiten zerlegt, bedeutet es auch „mit auffallen“. Zusammengefasst ist der Zufall ein gleichzeitiges Stattfinden von Ereignissen an deren Ausgangspunkt „oben“ und dem Auftreten (Einfallen) „unten“, das dem Beobachter auffällt. Es hat demnach einen tieferen Sinn, wenn uns Dinge auffallen. Es drückt sich darin eine Synchronizität zwischen den Welten aus, in deren Mitte wir als Menschen weilen. Je nach unserer inneren Ausrichtung und unserem Gedankenfokus fallen uns Dinge auf, die von anderen nicht bemerkt werden.
„Auffallen“ zeugt als zusammengesetztes Wort von einem „oben“ (auf) und einer „Bewegung nach unten“ (fallen). Es beschreibt auch eine „Erregung der Aufmerksamkeit“. Folgen wir dieser Spur, erkennen wir unsere eigene Position viel leichter. Was fällt dir auf? Was erregt deine Aufmerksamkeit? Was setzt dich in Bewegung?
In aufmerksamer Selbstbeobachtung erfahren wir anhand dieser Fragen viel über uns selbst. Der nächste Schritt besteht darin, zu hinterfragen, weshalb wir von Dingen oder Ereignissen bewegt werden, die von anderen noch nicht einmal bemerkt werden. Warum sind uns Dinge wichtig, die anderen egal sind? Die Antwort kann lauten: Weil diese anderen die „50“ als Ausdruck einer vollendeten Verbindung zwischen Himmel und Erde nicht zustande bringen würden. Zwei können das Gleiche tun, aber nur durch einen kommt es zu einer Erfüllung, zu einem wajehi.
Der Mensch kommt als 8. Schöpfungstat am 6. Tag. Etwas soll durch ihn vollendet werden. Dein Leben soll etwas Einzigartiges hervorbringen, etwas, das es noch nie zuvor gegeben hat und das noch nie ein Mensch zuvor vollbracht hat. Über alles andere wird gesagt: „Was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die Völker ebenso?“ (Mt. 5:47) Für „Besonderes“ steht im Griechischen perissos (eigentl. „darüber hinaus“), das direkt mit péran zusammenhängt. Péran bedeutet „jenseits“. Tust du das Jenseitige? Kann das Jenseitige durch dich tun? Oder orientierst du dich an denen, die nur sehen, was vor Augen ist, die meinen, alles erklären zu können? Es soll doch durch dich etwas erfüllt werden, was durch niemand anders zuwege gebracht werden kann. Ein schönes Bild hierfür ist die Pore, die zur selben Wortfamilie wie perissos gehört. Die Poren der Haut bilden den Weg von innen nach außen und umgekehrt.
Das erste wajehi, die erste Erfüllung, bringt Licht, und das kommt von der „anderen Seite“. Dazu bist auch du hier. Bringe etwas von der anderen Seite und verbinde als „und“ die Welten, dann wird es auch in deinem Leben heißen: wajehi or (und es ward Licht).
