Normalerweise erben die Lebenden von den Toten. Der gewöhnliche Prozess der Vererbung basiert darauf, dass der Sohn ein Zweig des Vaters ist, welcher der Stamm ist. Durch den Stamm(Vater) erhält der Zweig alles, was er braucht, um zur Vollendung zu gelangen (Früchte zu tragen). Aber auf das Volk der Hebräer, das aus Israel auszieht, passt diese Parabel nicht. In dieser Geschichte sind die Toten die Generation, die zwar den Auszug aus Ägypten erlebt hat, aber nicht die Einnahme des verheißenen Landes.
Erst die Folgegeneration hat das Land eingenommen, dessen Verheißung den bereits Verstorbenen galt. Die junge Generation hat somit rückwirkend für die vorige Generation geerbt, denn ohne die vorhergehende Generation hätte das Land nicht in Besitz genommen werden können. (Nach Kedushat Levi, Genesis, Lech Lecha 39)
Diese Umkehrung betrifft auch die Seele. Während der Körper mit der Zeit geht, vergeht und sein Vermächtnis auf die Nachkommen weitergeht, ist die Seele ihren Ahnen verbunden und erwirkt für diese ein Erbe. Man spricht vom Licht des Zweiges, das hinabreicht bis zur Wurzel. So kann ein Nachkomme nicht nur aus dem Verdienst, sondern auch aus der Seele seiner Ahnen schöpfen – und sie dabei „emporheben“ (Isaak Luria, Sha’ar haGilgulim).
Unser Leben hat nicht nur Auswirkungen auf die Zukunft, sondern auch auf die Vergangenheit. Man spricht davon, dass der Segen, der von einem einzigen Menschen ausgeht, auf einer „Zeitachse nach oben“ wirkt. Seelen sind über Generationen hinweg miteinander verflochten, was auch bedeutet, dass unser Schicksal von etwas beeinflusst werden kann, dessen Ursache wir vergeblich in einer Durchforstung unseres eigenen Lebens suchen könnten. Es kann z. B. zu plötzlichen Stimmungsschwankungen bei uns selbst kommen, ohne dass hierfür ein konkreter Grund ausgemacht werden könnte; vielmehr würde ein festgestellter Grund in eine falsche Richtung führen.
Manche träumen wiederkehrend von Szenarien, die sie nicht aus ihrem Leben kennen. Immer wieder taucht etwas in das eigene Leben hinein, wie eine Hand in ein mit Wasser gefülltes Gefäß. Das Ewige lässt sich vom Zeitlichen nicht bezwingen, aber das Zeitliche kann gezwungen sein, besessen sein, doch woher kommt das?
Der Mensch soll die Sehnsucht seiner Seele nicht hemmen, indem er um sein irdisches Wohl besorgt ist. Fragen soll er, immer wieder fragen und infrage stellen. So gelangt er in tiefere Schichten, wo er sich auch den eigentlichen Ursachen nähert. Das ganze Leben wird zum Gespräch, worin der gesamte Alltag eingebunden ist. Wenn wir nur einen Augenblick lang erkennen würden, in welches Geflecht wir tatsächlich eingebunden sind und welche Bedeutung unser Leben für andere hat, wäre es der Moment, der in Joh. 3 mit einer neuen Geburt bezeichnet wird. Das dort verwendete griechische Verb anothen (ἄνωθεν) kann auf drei verschiedene Weisen übersetzt werden. Als ganzer Satz wären die drei Möglichkeiten gemäß Joh. 3:3
- Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, <so> kann er das Reich Gottes nicht sehen.
- Wenn jemand nicht von Anfang an (von Alters her) geboren wird, <so> kann er das Reich Gottes nicht sehen.
- Wenn jemand nicht von oben geboren wird, <so> kann er das Reich Gottes nicht sehen.
Variante 2 bedingt die Einbeziehung der gesamten Menschheitsgeschichte. Wer sich hier verantwortlich fühlt, ist „von oben“ her.
Umgekehrt formuliert: Wer sich nur für sich selbst verantwortlich fühlt, kennt keine Geburt „von oben“. Jetzt verbindet es sich wieder mit dem Beginn dieses Textes, denn „geboren werden“ heißt im Griechischen gennao (γεννάω), wovon auch die Benennung des Erbgutes (Gene) stammt. „Mit der Genetik“ von Alters her sind alle ausgestattet, die „von oben“ herkommen. Das bedeutet, nicht mehr mit dem Finger in die Vergangenheit zu zeigen und zu sagen:
Damals, Adam und Eva, die haben es vermasselt! Wir dürfen uns jetzt mit den Konsequenzen herumschlagen.
„Von Alters her“ heißt, das „warst“ du selbst, es ist die Realität deines Lebens, die dir innewohnt. Jesus sagt das zu Nikodemus, einem Pharisäer, der das Wort nur objektiv, außerhalb von sich stehend, kennt. „Neu geboren werden“ ist das Geborenwerden INS Wort – nur dort kann man das Reich Gottes sehen, weil die Bibel DEIN Leben erzählt.
Ohne die Blätter am Ende der Entwicklung eines Baumes stirbt die Wurzel ab. Von den Blättern wird ein großer Teil des durch Fotosynthese erzeugten Zuckers über Leitgewebe bis in die tiefsten Wurzeln transportiert.
Jede Generation hat ihre Aufgabe und Bedeutung. Die neueste Generation (Blätter) ist auch die sensibelste, aber alles gehört zusammen und wir gehören alle dazu. Während seines Lebens wird ein Blatt die Wurzel, die es trägt, nur erahnen können, aber nicht kennenlernen. Doch wenn seine Zeit gekommen ist, fällt es ab und vergeht. Jetzt könnte es sein, dass sie sich im Verborgenen begegnen.