Es lebte einst ein König, der liebte nichts mehr als die Antilopenjagd. Jeden Tag nahm er seinen goldenen Bogen und ging damit auf die Jagd. Viele Antilopen hatte er schon erlegt. Viele hatte er nur verletzt, und sie konnten entkommen, aber auch sie starben später an ihren Wunden. Eines Tages, als der König wieder auf der Jagd war, ging eine Antilope auf ihn zu, die war so schön, wie er noch keine zuvor gesehen hatte: Ihr Fell glänzte, die Hörner waren prächtig gewunden, die Hufe silberfarben, und ihre Augen schimmerten wie Edelsteine. Vor ihm stand der König der Antilopen. Der sprach:
»Ehrenwerter König, deine Pfeile töten mein Volk, und unzählige sind an ihren Wunden schon elendig zugrunde gegangen. Daher bitte ich dich: Jage von nun an jeden Tag nur noch eine Antilope. Sonst stirbt mein Volk. Wir aber werden fortan jeden Tag einen aus unserer Mitte bestimmen, den du jagen sollst. Wen das Los trifft, den magst du jagen, die anderen aber lasse am Leben.«
»Gut«, sagte der König, »so sei es«, und von nun an jagte er jeden Tag nur eine Antilope – jene, auf welche das Los gefallen war. Da geschah es eines Tages, dass das Los eine Antilopenmutter traf. Ihr Kind war noch klein, es brauchte ihre Milch zum Leben. Sie trat vor den Antilopenkönig und bat: »Guter und gerechter König, mein Kind ist noch so klein, es würde ohne mich verhungern. Bitte gewähre mir eine Frist: Lasse mich mein Kind nähren, bis es groß genug ist, dann will ich mich dem König der Menschen stellen.« »Sorge dich nicht, lauf’ zu deinem Kind«, sprach der Antilopenkönig, »ich werde an deiner statt gehen.«
Als nun der König sah, dass es der Antilopenkönig selbst war, den er an jenem Tage jagen sollte, erschrak er: »Warum kommst du selbst, warum nicht einer aus deinem Volk, wie es beschlossen war? Was soll ohne dich aus deinem Volk werden?« Der Antilopenkönig antwortete: »Heute traf das Los eine Mutter, deren Kind noch so klein ist, dass es ohne die Milch der Mutter nicht leben kann. Als König meines Volkes muss ich bestimmen, wer sich anstelle der Mutter opfert. Kann ich aber verlangen, wozu ich selbst nicht bereit bin? Also jage mich, ehrenwerter König, damit unsere Abmachung gelte.«
Der König aber warf seinen goldenen Bogen fort, zerbrach die kunstvoll geschmiedeten Pfeile und sprach: »König der Antilopen, erlaube mir, dein Freund zu sein. Nie mehr werde ich dein Volk jagen.«
(Märchen aus Indien)