Ismael nimmt eine besondere Rolle ein, weil er die Konsequenz einer Vermischung zwischen dem Kern im Zentrum und dem äußeren Kreis ist, der als fremdartig angenommen wird. Die Frucht aus dieser Form der Einswerdung ist eine vorhersehbare Konsequenz, wie es sich auch in den Zahlenwerten zeigt. Sein Vater, der den inneren Kern repräsentiert, ist Abram. Seine Mutter, Hagar, die Ägypterin, steht für den äußeren Kreis. Abram zählt 243, Hagar 208; beide zusammen ergeben 451, und das ist der Zahlenwert von Ismael.
Die Bibel verblüfft mit diesem Beispiel, indem sie in den Zahlen zeigt, dass das Kind die Summe aus Vater und Mutter ist, wenn die Befruchtung im beschriebenen „Modus“ stattgefunden hat.
Was man berechnen kann, ist weder Wunder noch Überraschung. Dass Abram bei Ismaels Geburt 86 Jahre alt ist, unterstreicht nochmals diese Aussagen. 86 ist der Zahlenwert von Elohim, der gerechten Seite Gottes, die mit der Natur verbunden ist, die in ihrer Bestimmtheit (mit Artikel) ebenfalls 86 zählt.
Erst mit Isaak kommt etwas wirklich Neues, das sich jeder Berechnung entzieht. Und so repräsentiert Isaak etwas Eigenständiges, etwas Wundervolles, das nur aus der Begegnung dessen hervorkommt, was nicht nur äußerlich, sondern im Wesentlichen eins wird, weil es eins ist.
Die Bibel stellt diese innere Verbindung in der Beziehung von Abraham und Sarah dar. Beide stammen aus derselben Sphäre und verstehen sich auf eine Weise, die für Außenstehende rätselhaft bleibt.
Isaak trägt die Einheit von Vater und Mutter in sich, wodurch er einen eigenen Charakter entwickeln kann. In Ismael dagegen bleiben Vater und Mutter getrennt, was sich darin zeigt, dass er in sich selbst eine Zerrissenheit spürt, eine Kluft, die er nicht mit eigener Kraft überwinden kann.
Auf einer anderen Ebene bedeutet es, dass man sich mit dem, was aus Berechnung und Absicht folgt, zwar verbinden, formell einswerden kann, aber ein Isaak entsteht dabei nicht. Eine wirkliche Einheit können wir nur mit dem werden, was noch denselben Ursprung in sich trägt, ohne davon getrennt worden zu sein. Diese Trennung machen wir selbst, indem wir das, was uns begegnet, als etwas Separates, rein Diesseitiges, identifizieren.
Die Erkenntnis „Das ist ja mein Fleisch und mein Gebein“ (Gen. 2:23) ist die Voraussetzung für die Vereinigung zu „einem Fleisch“ (בשר אחד). Dann sind außen und innen eins. Es gibt keinen Unterschied, beide sprechen dieselbe Sprache.
Dieser „Modus“ der Einswerdung entfesselt die Kraft der unvergänglichen Welt und lässt Durchbrüche in der äußeren Welt zutage treten. Deshalb verbinden sich die Väter in der Thora immer mit Frauen von „dort“.
Menschen versuchen zunächst herauszufinden, wie das Leben funktioniert. Aha, wenn ich dies mache, passiert das. Wenn ich dieses mache, passiert jenes. So entwickelt man Strategien, um möglichst viele Ergebnisse zu erzielen, die einem selbst zuträglich sind. Doch im Laufe der Zeit merkt man, wie sich parallel zu den erreichten Ergebnissen eine gewisse Langeweile gesellt. Was fehlt, ist die Beziehung zum Leben.
Ismael kommt leicht, der Erfolg aus der gezielten Verbindung zwischen Innen und einem fremdartigen Außen („Hagar“ bedeutet „der Fremde“) lässt nicht lange auf sich warten. „Alles richtig gemacht“, könnte man denken, aber irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass dieser schnelle Erfolg eine Art Abkürzung war, die man eigentlich nicht hätte nehmen sollen.
Die Grundlage für den Durchbruch des Unglaublichen im Leben verläuft anhand dieses Beispiels von Ismael und Isaak in zwei Etappen:
- Abram wechselt von Hagar zu Sarai. Aufgrund des Erkennens, dass man aus demselben stammt, entsteht fast wie von selbst eine spontane innere Beziehung. Doch im Namen Sarai zeigt sich durch die Jod am Ende des Namens ein starker Ich-Bezug, der verhindert, dass etwas Neues kommen kann.
- Der Namenswechsel von Sarai zu Sarah steht für die Aufgabe der Egozentrik. Man erkennt, dass es nicht nur um das eigene Schicksal, sondern um „die ganze Welt“ geht.
Noch einmal konkreter: Man wechselt seine Sicht auf die Welt, indem man sie nicht als fremdartig sieht, sondern als aus demselben hervorkommend. Dadurch baut sich eine Beziehung auf, die dazu verleitet, sie nur im eigenen Interesse nutzen zu wollen. Erst wenn man sich die Frage stellt, inwieweit man selbst etwas für das Umfeld, für andere und letztlich etwas für die Welt tun kann, ist die Voraussetzung gegeben, dass etwas in dieser Welt erscheint, das niemand für möglich gehalten hätte.
Der Name Sarah (שרה) enthält die Kombination 300 + 200, die 500. Sie ist die Frau, deren Wurzeln jenseits der vergänglichen Welt liegen. Mit ihr kommt etwas in die Welt, das kein Mensch vorhersagen konnte. Das Wort „Fleisch“ (בשר) kann man auch „in (der) 500“ lesen. „Fleisch“ sagt im Hebräischen schon, dass das Konkrete dieser Welt nicht aus dem Unvergänglichen, sondern aus dem Ewigen stammt.
Sobald ein Mensch realisiert, dass nicht nur sein Inneres, sondern auch sein Äußeres von woandersher stammt, tritt er in eine andere Realität ein. In bestimmten Bereichen gelten die beschreibbaren Gesetze dieser Welt dann nicht mehr für ihn. In den anderen Bereichen scheint es noch so zu sein, aber es bleibt beim Schein. Von außen betrachtet wirkt jeder Mensch, der also lebt, rätselhaft und unverständlich.
