Wovor man keine Angst haben sollte

Pharao macht sofort Zugeständnisse, sobald er unter Druck gerät. Weil er Gott nicht liebt, respektiert er ihn auch nicht, und es baut sich trotz der destruktiven Umstände keine Beziehung auf. Pharao sieht in der Rückschau nicht, dass Gott das Leben lenkt, sondern meint, dass es seine eigenen Verdienste sind, die ihn an den Punkt gebracht haben, an dem er jetzt steht. Ein Mensch, der solches behauptet, ist in diesem Moment selbst der Pharao.

Fürchten ist im Hebräischen jaré (ירא) und Sehen ist ra’ah (ראה). Die beiden Wörter hängen miteinander zusammen. Unter „ich sehe dich“ auf Gott bezogen, versteht man, dass uns Dinge im Alltag passieren, die wir uns nicht erklären können. Jedes Mal könnten wir sagen: „Ah, ich sehe dich!“

Fürchten bedeutet im Hebräischen nicht Angst haben, sondern ist sprachlich ein „Aufruf zur ständigen Wachsamkeit“. Das ist der Weisheit Anfang, dass man hellwach ist und aufmerksam beobachtet. Gottes Gegenwart zeigt sich eigentlich fortwährend in unserem Leben. Sie ständig zu erwarten, ist „die Furcht Gottes“. Zu denken, dass alles irgendwie zufällig passiert, ist ein Verachten Gottes. Menschen, die alles berücksichtigen und kalkulieren, verzichten gerne auf die Beziehung zu einem Höheren, der letztlich alles lenkt. Gleichwie Pharao ermangeln sie des Respektes, was sich auch auf ihre Mitmenschen auswirkt, denn die Gesinnung Pharaos ist auch das Verhalten, unbelehrbar und „von oben herab“ zu sein.

Das hebräische joré (ירא) für Furcht könnte man rückwärts auch als orí (אורי), also als „mein Licht“, lesen. Diesen Ausdruck finden wir in Psalm 27:1, wo es heißt: „HaSchem ist mein Licht“ (יהוה אורי). Sobald wir ihn in seinem Handeln erkennen, wird es Licht und es zeigt sich immer mehr von den Wundern, die uns umgeben.

Gott zeigt sich nicht direkt als Person, sondern in der Lenkung der Geschicke, was nicht ausschließt, dass er uns auch durch den Nächsten begegnet. Insbesondere dann, wenn dieser etwas abseits des Erwarteten spricht oder anders als üblich handelt.

Gott wirft uns nicht in diese Welt und ruft: „Jetzt sieh mal zu, wie du klarkommst!“, sondern er hofft von Anfang an und jederzeit, dass wir Ausschau nach ihm halten.
Das ist weder kompliziert, noch muss man dafür Kurse belegen, um Zertifikate zu erhalten. Es geht in erster Linie um Beziehung. Gott zieht uns zu sich und wir werden anziehend für ihn.

Was macht es mit einem Menschen, wenn man ihm vertraut und auf ihn setzt? Aber es gehören beide Seiten dazu, denn derjenige, dem man vertraut, muss sich auch trauen. Ein Beispiel dafür ist unter anderem ein Elfmeterschießen bei einem entscheidenden Fußballspiel, wie es derzeit bei der WM stattfindet. Ein Spieler, ein Ball und ein Tor, das von einem Hinderer gehütet wird. Wie hoch ist der Druck, wenn man weiß, dass in diesem Moment Millionen von Zuschauern live sehen, ob man trifft oder nicht? Einmal angetreten, kommt man aus der Nummer nicht mehr heraus.

Ein solches eigentlich belangloses Spiel steht auch stellvertretend für Situationen in unserem Leben, in denen wir wissen: Es gibt jetzt kein Zurück mehr. Ich muss hier durch, egal wie es ausgeht.
Vertrauen und sich Getrauen können Seile der Verbindung zwischen Menschen flechten, die sich im Leben nicht mehr auflösen. Doch es geht um mehr. Es geht um Seile, die auch in der Stunde des Todes Halt geben. Materielle Seile werden hier reißen, aber eine Liebe, deren Wurzeln im Unvergänglichen ruhen, zeigt jetzt, dass sie es mit dem Tod aufnehmen kann. Ausgerechnet das, was andere in der Pseudosicherheit irdischen Wohlbefindens als Schwäche interpretiert haben, wird zur größten Stärke überhaupt.

Wir sind lediglich aufgerufen, unsere Begegnungen als Gottes Handeln an und mit uns zu sehen. Daraus entwickelt sich eine Beziehung, in der wir erkennen, dass es jemand sehr gut mit uns meint. Eine gegenseitige Achtung entsteht dann aus sich selbst. Diese überträgt sich auf unseren Umgang mit unseren Mitmenschen.
Respekt und Achtung per Plakat einzufordern, wie es bspw. in Portugal in den Schulen gehandhabt wird, weil die Lehrkräfte immer mehr darüber klagen, dass sie von den Schülern nicht mehr respektiert werden, hängt vielmehr mit mangelndem Vertrauen in das Leben zusammen als mit einer sogenannten Erziehung, die in vielen Fällen nichts anderes ist, als das Ausüben von Druck auf solche, die nicht fliehen können. Sobald der Druck nicht mehr ausgeübt werden kann, fliehen die Betreffenden; nicht selten als Beziehungsunfähige, weil sie nie erfahren durften, dass Vertrauen etwas ist, das ganz klein anfängt und permanenter Übung bedarf, um langsam zu wachsen und stabil zu werden.

Aber überall gibt es Einzelne, die keine Plakate benötigen, weil Jung und Alt merken, dass sie von diesen geachtet und respektiert werden, und dass sie sich mit Problemen vertrauensvoll an solche wenden können. Diese Einzelnen haben gemeinsam, dass sie das Leben nicht als Feind, sondern als Geschenk betrachten, das geöffnet werden will.

Dazu eine chassidische Geschichte:

Es war einmal ein Mann namens Jizchak, der in bitterer Armut lebte. Er hungerte, trug Lumpen und bettelte um jeden Bissen Brot. Eines Tages verstarb sein wohlhabender Vater, der ihm ein altes, versiegeltes Holzkästchen und ein Stück Land hinterließ. Auf dem Kästchen war eine Inschrift in altem Hebräisch eingraviert.
Jizchak aber war von Angst und Selbstzweifeln geplagt. Er dachte: „Ich bin ein einfacher, armer Mann. Wenn ich dieses Siegel breche, beschwöre ich vielleicht einen Fluch herauf, oder die Behörden nehmen es mir weg. Bestimmt bin ich es gar nicht wert, zu wissen, was darin ist.“ Aus lauter Angst vor dem Unbekannten und aus Mangel an Vertrauen versteckte er das Kästchen unter seinem Bett. Er traute sich sein Leben lang nicht, es auch nur zu öffnen.
Jahrzehnte vergingen. Jizchak lebte weiterhin als Bettler und starb schließlich einsam und verarmt.
Als die Nachbarn seinen Nachlass wegräumten, fanden sie die Kiste. Sie brachen das Siegel auf. Zum Vorschein kamen keine Goldmünzen, sondern die Besitzurkunden für die wertvollsten Diamantenminen des Landes und der Schlüssel zu einem geheimen Kellergewölbe voller Reichtümer, die rechtmäßig ihm gehörten. Auf der Kiste stand geschrieben:
„Für meinen geliebten Sohn – öffne und nimm dir, was dein ist.“
Er war der reichste Mann der Region, lebte und starb aber wie ein Bettler.

Warum zögern wir, unsere Kiste zu öffnen? Ein Kommentar sagt, dass es die Angst vor unserem eigenen Schicksal ist, die uns hemmt. Lieber beschäftigen wir uns mit dem Schicksal der anderen, geben auch gerne Tipps oder leisten Hilfestellung, falls nötig und möglich. Vor uns selbst aber haben wir Angst und da gibt es keine Ausnahme. Diese Angst heißt pachad (פחד). Darin steckt auch pach (פח), das Vogelnetz, das die Seele einfängt. Mit einer freien Seele fliegt auch die Angst davon. Angst vor dem Leben ist nicht der Seele Element. Das Leben lässt sich nicht von dem trennen, der das Leben ist. Dass du lebst, beweist, dass Gott dir vertraut, dass er dich liebt und dich achtet. Oder gäbe es einen anderen Grund, weshalb dein Herz sonst schlagen sollte?

Der himmlische Vater lässt den Menschen nicht alleine, nur umgekehrt ist es möglich. Dann fängt man an, Plakate zu schreiben und auf alle möglichen Missstände aufmerksam zu machen. Genauso könnte man auch einem Pharao eine Verhaltenstherapie verordnen. Es wird nicht funktionieren, weil das Problem woanders liegt. Solange das uns vererbte Kästchen ungeöffnet bleibt, wird sich nichts ändern.
Wer seine Talente und seinen inneren Schatz aus Angst vergräbt, der beleidigt den Schöpfer, der ihm diese Reichtümer anvertraut hat. Der Vater in der Geschichte oben verstirbt mit der ruhigen Gewissheit, seinem Sohn etwas Größeres hinterlassen zu haben, als es irgendein anderer hätte tun können.
Was würde es mit dem Verstorbenen machen, zu wissen, dass dieser Schatz aus falscher Bescheidenheit und Zurückhaltung nie geöffnet wurde und sein Sohn als verarmter Bettler deprimiert und betrübt durchs Leben gegangen ist?

Wir haben 1000 Ausflüchte, uns zu weigern: zu jung, zu alt, zu dumm, zu schlau, zu krank, Angst, als hochmütig zu gelten – wir haben eine selbstkorrumpierende Gabe, uns mit solchen zu vergleichen, die ein ganz anderes Schicksal haben als wir. Wir werden immer jemanden finden, der mehr oder weniger ist oder hat als wir, aber wir werden niemanden finden, der unseren Fingerabdruck hat und der das erlebt hat, was wir erlebt haben.

Aus Büchern erzählen kann auch eine künstliche Intelligenz. Inhaltlich erfasst diese in Sekunden einen mehrstündigen Vortrag ohne Ermüdungserscheinungen. Ohne Seele kann man sehr viel erreichen, aber nur diesseitig. Ein Computer erlebt keine Wunder. Er wundert sich noch nicht einmal, wenn man ihm den Stecker zieht, denn dann ist nichts mehr da, was reagieren könnte.

In der Rückschau werden wir uns wundern, was wir alles übersehen haben. Wie David im Psalm sagt: Vergiss es nicht, schau zurück! So viel Gutes, es ist kaum zu zählen. Auch wenn es hier oft tragisch aussieht – nie war es nur tragisch.