Von den Pflanzen heißt es in Gen 1:11, dass sie keimen und hervorsprossen sollen, TADESCHE (תדשא). Sich zu öffnen, zu erblühen und sich zu offenbaren, hängt mit den Pflanzen zusammen, die bei aller befreiten Individualität jedoch keinen Weg haben, sondern an den Mutterkörper der Erde gebunden bleiben.
Das Gewimmel des Wassers, SCHEREZ (שרץ), bringt zwar in großer Menge das sich frei Bewegliche hervor, doch verharren alle innerhalb des Elementes, in das sie geboren wurden. Das Wasser lässt sie nicht los. In diesem Zustand freut sich der Mensch darüber, dass Vieles aus ihm hervorkommt und sich frei bewegen kann. Diese Freiheit ist jedoch auf das Wasser, also auf die Zeit, begrenzt, und ein Verlassen derselben würde nicht Leben, sondern den Tod bedeuten.
Erst mit den lebendigen Geschöpfen des Landes erscheint das Verb TOZEH (תוצא), das einen Auszug beschreibt. Das Element der Erde lässt sie los, lässt sie frei, sodass sie sich bewegen können, wohin sie wollen. Weder sind sie an einen Ort gebunden, noch kann die Zeit sie begrenzen.
Die Schöpfungsgeschichte zeigt verschiedene Abstufungen von Lebendigkeit und Freiheit. Sie zielt auf eine immer größere und freiere Selbstständigkeit bis hin zu dem Menschen, der nur noch mit einem Teil der Erde angehört. Ihm werden Tiere an die Seite gestellt, die sich ihm schon vermöge ihrer Natur unterordnen. BEHEMA (בהמה) nennt die Bibel diese Gruppe der großen Weidetiere, zu denen auch der Stier gehört, ohne den der Mensch nicht zu seiner Höhe kommen kann.
Wieso das? Ohne den Stier hätte der Mensch sich selbst vor den Pflug und den Wagen spannen, die schwersten Arbeiten vollbringen, die schwersten Lasten fortschaffen müssen, und unter der Last der Körpermühe wäre auch sein Geist erlegen, ja hätte sich nimmer erheben können. Indem der Mensch den Stier vor Pflug und Wagen spannen und das ihn nährende und kleidende Schaf ohne Körperanstrengung weiden konnte, blieb sein Geist frei für die Umschau am Himmel und auf Erden, er konnte nachsinnend hinter dem Pflug und bei seiner Herde weilen. Den Tieren verdankt der Mensch seine Hoheit, drum soll er diese auch entsprechend behandeln.
Man kann diesen Gedanken weiterführen und sagen, dass einem Menschen, der vergessen hat, wer er ist, Hilfe zuteil wird, die ihn entlastet, sodass er Zeit und Möglichkeit hat, Fragen zu stellen und zu forschen, wie es sich denn nun verhält. Je mehr er unterstützt und ihm die schwere Arbeit abgenommen wird, desto mehr scheint es der Fall zu sein, dass der Mensch es nötig hat, über sich selbst nachzudenken. Die moderne Zeit hat viel hervorgebracht, was das Alltagsleben des Menschen massiv erleichtert, doch nutzt der Mensch die gewonnene Zeit, um den Fragen des Lebens nachzugehen? Um die Freiheit zu suchen, für die er geboren wurde? Oder lenkt er sich lieber ab und beschäftigt sich mit Dingen, von denen – außer ihm selbst – niemand etwas hat?
Der Mensch führt die Kette fort. So wie der Stier dich erhöht, so sollst du Gott erhöhen, indem du ihn in deinen Nächsten erkennst und diesen in Bereichen hilfst, die deren Geist zum Erliegen gebracht hätte, wenn du nicht eingesprungen wärest. Dazu ist dir die größtmögliche Freiheit innerhalb der Schöpfung zuteil geworden, und darin erfüllst du das Höchste, was einen Menschen ausmacht: den Nächsten zu lieben wie dich selbst.
Basiert auf Kernaussagen von S.R. Hirsch